1926
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Überblick↑
Marcel Prousts siebenteiliger Romanzyklus erschien zwischen 1913 und 1927 in Frankreich. Er gilt als das Hauptwerk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts. Das Werk ist als fiktive Autobiographie eines Ich-Erzählers namens Marcel geschrieben. Es schildert die Erinnerungen eines Mannes an sein Leben. Zugleich entfaltet es ein gewaltiges Gesellschaftspanorama des Pariser Fin de siècle. Auslöser war für Proust selbst ein Augenblick im Januar 1909. Er tauchte einen Zwieback in eine Tasse Tee und fühlte sich unwillkürlich in seine Kindheit zurückversetzt. Im Roman wird aus dem Zwieback die berühmte Madeleine. Im Juli desselben Jahres zog er sich von der Welt zurück, um den Roman zu schreiben. Der Prix Goncourt für den zweiten Band Im Schatten junger Mädchenblüte machte ihn 1919 schlagartig berühmt. Die letzten drei Bände erschienen postum.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Ich-Erzähler berichtet von seinem Leben und vom Vorgang des Sich-Erinnerns. Sein Name wird an einer Stelle als Marcel genannt. Die Handlung spielt im Frankreich vom Fin de siècle bis in die frühe Zwischenkriegszeit. Der Erzähler stammt aus dem wohlhabenden Pariser Bürgertum. Seine Kindheitssommer verbringt er bei den Großeltern im Landstädtchen Combray. Dort begegnet er Menschen, die in seinem späteren Leben eine Rolle spielen werden: dem Kunstliebhaber Swann, dessen Tochter Gilberte, der adligen Familie der Guermantes.
Ein Theaterbesuch weckt früh den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Doch schwache Gesundheit und Trägheit hindern ihn, ein Werk zu schaffen. Stattdessen erlebt er die Welt als Beobachter. Sommerfrischen in dem fiktiven normannischen Badeort Balbec, Salons der jüdischen Bourgeoisie und schließlich Zugang zu den geschlossenen Zirkeln des alten Adels eröffnen ihm Schritt für Schritt ein vielschichtiges Gesellschaftsbild. Er erlebt die Verachtung, mit der die alten Adelshäuser die napoleonische „Noblesse d'Empire“ behandeln. Er sieht auch, wie beide auf die neureiche Bourgeoisie herabblicken.
Im Mittelpunkt stehen Freundschaften und Lieben: zur jungen Albertine, die er in Balbec kennenlernt, zum Marquis Robert de Saint-Loup, zum exzentrischen Baron de Charlus. Eingelagert ist die Binnenerzählung Eine Liebe Swanns. Sie schildert das Werben Swanns um die Kurtisane Odette de Crécy. Als einziger Teil ist sie aus der Sicht eines allwissenden Erzählers erzählt. Mit scharfem, spitzem Blick zeichnet Proust die Eitelkeiten der Salons und die Eifersüchteleien der mondänen Welt. Er zeigt auch die feinen Verschiebungen, die politische Erschütterungen wie die Dreyfus-Affäre auslösen. Was am Ende aus der Berufung des Erzählers zum Schriftsteller wird, ist die geheime Achse des ganzen Werks.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman beginnt mit den Kindheitserinnerungen des Ich-Erzählers an Combray, einen kleinen Ort, in dem die Familie die Sommer bei den Großeltern verbringt. Minutiös beschreibt er die Verwandten und Bekannten, von der hinfälligen Tante bis zur bescheidenen Dienstmagd. Hier lernt er auch den Kunstliebhaber Charles Swann kennen, einen Habitué der Familie, dessen Tochter Gilberte seine erste, unerwiderte Kinderliebe wird.
Eingeschoben ist die Binnenerzählung Eine Liebe Swanns, die zeitlich vor der Geburt des Erzählers spielt und als einziger Teil der Recherche in der Er-Form eines allwissenden Erzählers verfasst ist. Sie schildert die Anbahnung der Beziehung zwischen dem Lebemann Swann und der Kurtisane Odette de Crécy um 1868 bis 1871 – Odette, eine „gefallene Dame“ der höheren Gesellschaft, wird später Swanns Frau und Gilbertes Mutter. Swann selbst, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Wechselhändlerfamilie, gelingt es trotz seiner Herkunft, dank perfekter Manieren und erlesenen Geschmacks in die exklusivsten Zirkel des Jockey-Club aufzusteigen und enger Freund hoher Aristokraten und sogar des britischen Kronprinzen zu werden. Im Salon der Herzogin von Guermantes, dem snobistischen Tempel des Faubourg Saint-Germain, schwingt er sich zum „arbiter elegantiarum“ auf – doch vor seinen alten Combrayer Freundeskreisen, zu denen die Eltern des Erzählers gehören, verbirgt er diese gesellschaftlichen Erfolge.
Ein Theaterbesuch weckt im heranwachsenden Erzähler die Liebe zur Kunst und den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Schwache Gesundheit und eine Neigung zur Trägheit halten ihn jedoch immer wieder davon ab. Bei der genauen Beobachtung der Natur erlebt er Augenblicke höchster Konzentration, die er gerne verarbeiten würde, kommt aber nie dazu.
Die Sommerfrischen verbringt die Familie in dem fiktiven Badeort Balbec an der normannischen Küste – Proust selbst arbeitete an dem Roman häufig im Grandhotel von Cabourg. In Balbec verliebt sich der Erzähler erstmals in die junge Albertine und freundet sich mit dem Marquis Robert de Saint-Loup an, der mit den Guermantes verwandt ist. Über solche Bekanntschaften gewinnt er allmählich Zugang zu den geschlossenen Zirkeln des französischen Adels. Aufmerksam und belustigt lernt er die feinen Hierarchien kennen: Die alten Adelshäuser des Ancien Régime verachten die napoleonische Noblesse d'Empire, beide blicken auf die neureiche Bourgeoisie herab, die wiederum Abstand sucht zum Kleinbürgertum, aus dem sie kommt. Eine Bohème aus Schriftstellern, Musikern, Malern bemüht sich finanziell prekär um Zutritt zu den Salons. Voltaires Wort von der „Kaskade der Verachtung“ trifft die Sache; Proust beschreibt sie mit größter Präzision und Spitzzüngigkeit.
Eine eigenwillige Hauptfigur ist der homosexuelle Aristokrat Baron de Charlus, dem realen Schriftsteller Robert de Montesquiou nachempfunden. Er pflegt den Standesdünkel seiner Kaste bis zur ironischen Übertreibung, sucht aus Langeweile und Neugier aber auch die Kreise jüdischer Bourgeoisie und künstlerischer Bohème auf – und diskret, mit eindeutigen Absichten, die proletarische Welt der Dienstboten.
Politische Erschütterungen verschieben die gesellschaftlichen Kulissen: Wie ein gelegentlich gedrehtes Kaleidoskop setzt sich die elegante Welt in immer neuen Mustern zusammen. Waren in der Kindheit des Erzählers Juden wie Republikaner aus den feinen Salons grundsätzlich ausgeschlossen, fanden beide Gruppen allmählich Zugang, bis die Dreyfus-Affäre die Juden wieder hinauswarf. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem sich viele Juden als Frontkämpfer bewährt hatten, kehrte das Spiel sich erneut, während ein österreichischer Prinz, der zuvor den elegantesten Salon von Paris geführt hatte, nun als „Feind“ dastand.
Die Liebe des Erzählers zu Albertine wird zur eigentlichen seelischen Prüfung. Er wird ihr Geliebter, findet jedoch kein Glück, sondern macht sich und ihr mit zermürbender Eifersucht das Leben zur Hölle. Proust schildert die psychologischen Windungen dieser Beziehung noch minutiöser als zuvor die Verstrickung Swanns mit Odette oder die Kinderliebe zu Gilberte. Albertine verlässt ihn schließlich und kommt bei einem Reitunfall ums Leben. Erst der Verlust öffnet ihm die Augen dafür, wie einzigartig seine Liebe zu ihr gewesen ist.
Die Jahre des Ersten Weltkriegs verbringt der Erzähler in einem Lungensanatorium bei Paris. Sein Freund Saint-Loup fällt im Krieg. Lange nach Kriegsende besucht er ein letztes Mal eine Gesellschaft. Er ist nun alt und krank und erkennt die Menschen, die er einst kannte, kaum wieder, so sehr haben sie sich verändert. Auch das gesellschaftliche Gedächtnis hat sich verschoben: Die Guermantes sind vergessen, früher verachtete Neureiche werden gefeiert.
Auf diesem letzten gesellschaftlichen Abend kommt der Erzähler zu der Einsicht, die das ganze Werk geheim getragen hat. Die Vergangenheit existiert einzig in seiner Erinnerung; über belanglosen Liebesaffären und Bekanntschaften hat er nie die Zeit aufgebracht, das Kunstwerk zu schaffen, das er sich vorgenommen hatte. Bleibt die letzte Möglichkeit: den Roman seiner Erinnerungen selbst zu schreiben, die mit seinem Tod sonst unwiederbringlich verloren wären. Und so endet der Roman in dem Augenblick, in dem der Autor beginnt, ihn zu schreiben. „Verlorene Zeit“ ist dabei doppelt zu verstehen: als Zeit, die vergeudet scheint, und als Zeit, die unwiederbringlich vergangen ist, sofern sie nicht in der Erinnerung oder im Kunstwerk bewahrt wird. Der unsichtbare Kern der Erzählung ist die Berufung des Erzählers zum Schriftsteller, und in diesem Prozess erkennt er, dass die Kunst das Leben transzendiert, ja das wahre Leben ist.
Stil↑
Berühmt ist Proust für seine langen, mäandernden Sätze. Sie folgen der Bewegung des Tagträumens und kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Sie führen den Leser in ein Zwischenreich des Halbbewusstseins. Dort verschwimmt die Grenze zwischen innerem Bild und äußerer Wirklichkeit allmählich. Dazu trägt auch der häufige Konjunktiv bei. Er führt aus der platten Tatsächlichkeit hinaus in ein Spektrum möglicher Welten. Ein Netz aus Selbstanspielungen und wiederkehrenden Motiven sorgt dafür, dass der Leser das Erinnern des Erzählers wie ein eigenes Erinnern nacherleben kann.
Jean-Yves Tadié bearbeitete die Gallimard-Neuauflage von 1987. Er hat den Proustschen Satz so beschrieben: Er müsse nach lateinischer Art aufgebaut, also streng strukturiert sein. Zugleich müsse er poetische Bilder, komische Elemente und Elemente des Wissens enthalten. Die Länge der Sätze sei dabei nicht das Wesentliche. Man finde bei Proust auch sehr schöne kurze Sätze, die an Maximen des 17. Jahrhunderts erinnern. Charakteristisch sind außerdem die brillanten Einfälle, frappierenden Formulierungen und der Spürsinn für überraschende Paradoxien.
Eine formale Besonderheit ist die Binnenerzählung Eine Liebe Swanns. Sie ist als einziger Teil aus der Sicht eines allwissenden Er-Erzählers verfasst. Das übrige Werk ist durchgehend in der Ich-Form gehalten. Dialoge erscheinen dort in direkter Rede. Der Erzähler kommentiert ironisch die Gedanken der Sprechenden übereinander. Léon Daudet erinnerte sich an das Tischgespräch von 1906. Schon damals ließ Proust Bemerkungen „von außerordentlicher Neuheit“ und „Aperçus von diabolischer Finesse“ einfließen – auf natürliche Weise komplex, zitternd und seidenweich.
Rezeption↑
Den ersten Band Du côté de chez Swann lehnten 1913 mehrere Verlage ab. Er erschien schließlich bei Bernard Grasset auf Prousts eigene Kosten. Die Kritik nahm ihn überwiegend ablehnend auf. Man hielt den Autor für einen Salonreporter. Man beklagte Druckfehler, die „Dunkelheit“ der Schreibweise und einen vermeintlichen Mangel an Komposition. Im „Le Temps“ verriss Paul Souday den Roman. Die „Nouvelle Revue Française“ hatte das Manuskript selbst abgelehnt. Sie druckte eine durchwachsene Besprechung Henri Ghéons. Einzig der junge Jacques Rivière erkannte eine geheime Komposition. Proust dankte ihm in einem bewegten Brief. André Gide hatte das Ablehnungsvotum mitformuliert. Nun bot er zusammen mit Rivière einen Wechsel zu Gallimard an. Proust vollzog ihn 1916. Den großen Durchbruch brachte im Dezember 1919 der Prix Goncourt für À l'ombre des jeunes filles en fleurs. Er machte Proust auf einen Schlag berühmt. Antoine Compagnon schrieb 1987 in seinem Vorwort zur Gallimard-Ausgabe, die „organische Solidarität von Anfang und Ende“ trage das gewaltige Bauwerk wie zwei äußerste Säulen eines schwebenden Bogens.
In Deutschland entdeckte Rainer Maria Rilke Proust bereits im Januar 1914. Er drängte den Insel-Verleger Anton Kippenberg, sich die Übersetzungsrechte zu sichern. Der Erste Weltkrieg überschattete alles. Eine erste öffentliche Würdigung in Deutschland war eine Studie des Romanisten Ernst Robert Curtius vom Februar 1922. Proust war von ihr begeistert. Fast zeitgleich stellte Victor Klemperer Proust in seiner modernen französischen Prosa vor. Dessen Rang erkannte er dabei nicht voll. Curtius' großer Essay Marcel Proust von 1925 machte den Roman dann einem breiteren deutschen Publikum bekannt.
Die deutsche Übersetzungsgeschichte war verwickelt. Eine erste Übertragung Rudolf Schottländers erschien 1926 beim Berliner Verlag „Die Schmiede“. Curtius verriss sie so massiv, dass Gallimard auf einen Wechsel drängte. Walter Benjamin und Franz Hessel übernahmen ab 1927 und legten den zweiten Band vor. Später folgte bei Piper auch der dritte. Der heraufziehende Nationalsozialismus setzte dem Versuch ein Ende, einen „halbjüdischen“ ausländischen Autor zu publizieren. Das Manuskript zu Sodom und Gomorra hatten Benjamin und Hessel angeblich schon 1926 fertiggestellt. Es gilt als verschollen. Erst 1953 erwarb Peter Suhrkamp die Rechte. Dafür verkaufte er sein Haus auf Sylt an Axel Springer. Er beauftragte Eva Rechel-Mertens, eine Schülerin von Curtius, mit der vollständigen Neuübersetzung. Diese wurde 1957 abgeschlossen. Eine zuverlässige französische Gesamtausgabe lag erst 1954 vor. Der Roman gilt seither als das Hauptwerk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts.
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