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Brief einer Unbekannten
1922
– Werkseintrag –

Brief einer Unbekannten

1922 · Kurzgeschichte

Ein Schriftsteller öffnet einen Brief ohne Absender – und liest die Lebensbeichte einer Frau, die ihn ein Leben lang geliebt hat, ohne dass er sie je wirklich bemerkte.

Überblick

Eine kurze Novelle in Briefform, erschienen 1922, gehört zu den bekanntesten Erzählungen des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. In ihr schildert eine namenlose Frau ihre lebenslange Liebe zu einem Mann. Diese Liebe hat der Geliebte nie bemerkt. Die Frau erzählt sie in einem einzigen langen Brief. Der Text verdichtet ein ganzes Leben auf wenige Seiten. Er zeigt Zweigs Gespür für die seelischen Tiefen einsamer, ungehörter Menschen. Die Wirkung der Novelle reicht weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Mehrfach wurde sie verfilmt, am bekanntesten 1948 durch Max Ophüls.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein Schriftsteller kehrt nach einem Bergurlaub in seine Heimatstadt Wien zurück. In der angesammelten Post findet er einen langen Brief ohne Absender. Darin erzählt ihm eine Frau, die er nicht kennt, ihr Leben. Es ist ein Leben, das ganz von der Liebe zu ihm bestimmt war.

Schon als Kind hat sie ihn aus der Ferne beobachtet, denn sie wohnte im gleichen Mietshaus. Später, als junge Frau, sucht sie seine Nähe. Doch er nimmt sie nicht wirklich wahr. Über Jahre hinweg kreuzen sich ihre Wege, ohne dass er sie je erkennt. Während der Schriftsteller liest, beginnt er zu ahnen, wer ihm da schreibt – und warum.

Zweig erzählt die Geschichte einer großen, einseitigen Liebe. Zugleich stellt er die unbequeme Frage, wie viel ein Mensch vom anderen wahrnimmt, der ihm doch so nah ist.

Die Handlung im Detail

Die Rahmenhandlung beginnt mit der Rückkehr eines Schriftstellers nach Wien. Unter seiner Post findet er einen langen Brief ohne Absender. Darin schildert eine ihm unbekannte Frau ihr ganzes Leben, das von der unerwiderten Liebe zu ihm bestimmt war.

Als dreizehnjähriges, einsames Mädchen verliebt sie sich unsterblich in ihn. Er wohnt im selben Mietshaus, sie beobachtet ihn beim Lesen, beim Kommen und Gehen. Auch als sie mit ihrer Mutter von Wien nach Innsbruck übersiedelt, hört die Liebe nicht auf.

Mit achtzehn Jahren nutzt sie die erste Gelegenheit, nach Wien zurückzukehren. Tag für Tag sucht sie das Haus des Schriftstellers auf, um ihn zu sehen, bis er sie schließlich anspricht. Er kann sich nicht an sie erinnern, zeigt aber Interesse, lädt sie zum Essen ein und nimmt sie danach mit zu sich. Sie verbringen die Nacht zusammen. Zwei weitere Male wiederholt sich das, dann bricht er zu einer Reise auf und fragt nach seiner Rückkehr nicht mehr nach ihr.

Aus den drei Nächten ist ein Kind hervorgegangen. Die Frau zieht den Sohn allein groß. Damit er das Leben führen kann, das sie ihm wünscht, verdient sie ihr Geld als Kurtisane und unterhält Beziehungen zu vermögenden Männern der Wiener Oberschicht.

Jahre später trifft sie in einem Nachtlokal erneut auf den Schriftsteller. Er hat von ihren Diensten gehört und bittet um eine Nacht gegen Geld. Sie willigt ein, voller Hoffnung, er werde sie endlich erkennen. Doch wieder findet sie bei ihm keine Spur von Erinnerung. Am nächsten Morgen verlässt sie verärgert und enttäuscht seine Wohnung.

Als ihr Sohn an einer Grippe stirbt, setzt sie sich hin und schreibt diesen Brief. Schon zu Beginn deutet sie an, dass auch sie erkrankt ist und er ihre Zeilen erst nach ihrem Tod lesen wird. Der Schriftsteller, vom Inhalt des Briefes überwältigt, versucht, die einzelnen Begegnungen mit der Frau zu rekonstruieren – doch er erinnert sich nur bruchstückhaft, „wie in einem Traum".

Stil

Zweig wählt die Form der Briefnovelle. Die gesamte Lebensgeschichte erscheint als einziger, ununterbrochener Brief aus der Sicht der namenlosen Frau. Diese Wahl verleiht der Erzählung eine unmittelbare, fast geständnishafte Intensität. Der Leser hört nur ihre Stimme, der Angesprochene bleibt stumm.

Eine knappe Rahmenhandlung fasst die Binnenerzählung ein: der Schriftsteller, der den Brief empfängt und liest. Aus dieser Konstruktion gewinnt die Novelle ihre besondere Spannung. Während die Frau ihr Leben schildert, sucht der Empfänger im eigenen Gedächtnis nach Spuren. Und er findet kaum welche. Dass er sich nur „wie in einem Traum" erinnert, ist nicht nur Bild, sondern Pointe der Form.

Rezeption

Die Novelle gehört zu den bekanntesten Erzählungen Zweigs. Sie hat eine ungewöhnlich breite internationale Wirkung entfaltet. Schon 1929 entstand mit Narkose unter der Regie von Alfred Abel die erste Verfilmung. 1933 folgte Eine Frau vergißt nicht von John M. Stahl, 1943 die finnische Version Valkoiset ruusut von Hannu Leminen.

Zum Klassiker wurde die Verfilmung von Max Ophüls aus dem Jahr 1948. Sie machte den Stoff in Hollywood einem Millionenpublikum zugänglich. Noch 2004 griff die chinesische Regisseurin Xu Jinglei den Brief in ihrem Film Letter from an Unknown Woman auf und verlegte die Geschichte ins Peking des frühen 20. Jahrhunderts. Derselbe kurze Text hat über mehr als acht Jahrzehnte hinweg Filmemacher in Europa, Nordamerika und Asien zu eigenen Fassungen angeregt. Das zeigt, wie weit sein Echo reicht.

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