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Briefe aus meiner Mühle
1869
– Werkseintrag –

Briefe aus meiner Mühle

1869 · Erzählung

Aus einer alten Windmühle in der Provence erzählt ein Schriftsteller seinen Pariser Lesern vom Leben des Südens, mal heiter und schelmisch, mal von leiser Trauer durchzogen.

Überblick

Bei den Briefen aus meiner Mühle handelt es sich um eine Sammlung kurzer Erzählungen des französischen Schriftstellers Alphonse Daudet. Die einzelnen Geschichten erschienen zunächst ab 1866 in Zeitungen; 1869 kamen sie erstmals als Buch heraus. Der Rahmen ist rasch erzählt: Ein Schriftsteller hat sich in eine alte Windmühle in der Provence zurückgezogen und richtet von dort aus seine Briefe an die Leser im lauten Paris. So entsteht ein Bilderbogen des südfranzösischen Landlebens, in dem sich heitere Anekdoten, volkstümliche Schwänke und tragische Begebenheiten abwechseln. Das Werk zählt zu den bekanntesten Erzählwerken der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zu Beginn schildert der Erzähler seinen Einzug in eine seit über zwanzig Jahren verlassene Wind- und Getreidemühle im Rhonetal, wie er sagt, „mitten im Herzen der Provence“. Von diesem stillen Ort aus wendet er sich an die Leser im „lärmenden, schwarzen“ Paris und lässt vor ihnen das Leben des Südens erstehen.

Was folgt, ist kein durchlaufender Roman, sondern eine Reihe eigenständiger Geschichten. Die meisten spielen in der Provence, einige führen nach Algerien und nach Korsika, wohin der Erzähler in früheren Jahren gereist war. Der Ton wechselt beständig. Mal erzählt er heiter-ironisch vom Alltag der Landleute, mal gibt er einen provençalischen Schwank zum Besten, mal einen Stoff im Ton alter Volksmärchen. Man begegnet einem alten Müller, der ein Geheimnis um seine Mühle hütet, der eigensinnigen Ziege des Herrn Seguin, der Mauleselin des Papstes und den beschaulichen Winkeln des südfranzösischen Landes.

Zwischen die leichten Stücke mischen sich ernste und traurige Geschichten, in denen es um Verlust, Tod und Vergänglichkeit geht. Gerade dieser Wechsel zwischen Lachen und Wehmut macht den besonderen Reiz der Sammlung aus. Wie die einzelnen Geschichten ausgehen, bleibt hier offen.

Die Handlung im Detail

Den Auftakt bilden eine kurze Erklärung und die Schilderung des Einzugs: Der Erzähler bezieht die alte Mühle und macht sie zum Ausgangspunkt seiner Briefe. Von hier aus entfaltet sich die Folge der Erzählungen.

In „Die Postkutsche von Beaucaire“ und „Meister Cornilles Geheimnis“ führt Daudet mitten in das Leben der Provence. Cornille, ein alter Müller, wehrt sich gegen die neuen Dampfmühlen und hütet ein Geheimnis, das mit seiner leergewordenen Mühle zusammenhängt. In „Herrn Seguins Ziege“ erzählt der Erzähler von einer kleinen Ziege, die sich nach Freiheit sehnt und ihrem Besitzer davonläuft, um oben im Gebirge dem Wolf zu begegnen. „Die Sterne“ schildert eine ruhige Nacht eines Hirten, dem sich das Mädchen des Hofes anvertraut.

Andere Stücke schlagen einen tragischen Ton an. „Die Arlesierin“ erzählt von einem jungen Mann, der an einer unglücklichen Liebe zerbricht. „Der Todeskampf der ‚Sémillante'“ berichtet vom Untergang einer Fregatte und dem Ende ihrer Besatzung. Auch „Der Tod des Kronprinzen“ und „Die Legende von dem Mann mit dem Goldhirn“ gehören zu den ernsten, ins Bittere gewendeten Geschichten der Sammlung.

Daneben stehen heitere und ironische Erzählungen. „Die Mauleselin des Papstes“ und „Der Pfarrer von Cucugnan“ schöpfen aus dem Volkston der Provence. „Das Elixier des hochwürdigen Paters Gaucher“ erzählt von einem Klosterbruder, der einen begehrten Likör herstellt und damit in eine heikle Lage gerät. „Die drei stillen Messen“ berichten von einem Geistlichen, dessen Genusssucht Folgen hat. „Die Alten“ schildert mit sanfter Ironie einen Besuch bei einem betagten Ehepaar.

Drei Geschichten spielen in Algerien, wo Daudet einen Winter verbracht hatte, darunter „In Miliana“ und „Die Heuschrecken“. Zwei weitere gehen auf einen Aufenthalt auf Korsika zurück, so „Der Leuchtturm der Sanguinaires-Inseln“. Der mehrteilige Abschnitt „In der Camargue“ schildert eine Jagd in der weiten Sumpflandschaft am Meer. Den Beschluss bildet „Heimweh nach der Kaserne“.

Die Geschichten sind nicht durch eine gemeinsame Handlung verbunden, sondern durch den Erzähler und seinen Blick. Am Ende steht kein aufgelöster Konflikt, sondern das Bild einer ganzen Landschaft und ihrer Menschen, festgehalten in vielen kleinen Szenen.

Stil

Die Sammlung lebt von der Form des Briefs: Ein Erzähler wendet sich unmittelbar an seine Leser und schafft so eine vertraute, plaudernde Nähe. Die Mühle und das Landleben der Provence bilden den Rahmen, der die vielen Einzelgeschichten zusammenhält.

Auffällig ist der ständige Wechsel des Tons. Daudet erzählt heiter und ironisch, wenn er Alltagsbegebenheiten und derbe Schwänke schildert, und schlägt ernste, wehmütige Töne an, wo es um Tod und Vergänglichkeit geht. Manche Stücke sind wie Volksmärchen gebaut, andere wie kleine Legenden, wieder andere wie knappe Berichte. Die Landschaft des Südens ist überall gegenwärtig und wird mit sichtlicher Zuneigung gezeichnet. Der Rahmen selbst ist dabei erfunden: Daudet wohnte nie in der Mühle, sondern schrieb die Briefe in Clamart und in Paris.

Rezeption

Um die Urheberschaft entstand früh ein Streit. Einige der Briefe entstanden in Zusammenarbeit mit Paul Arène, weshalb der Journalist Octave Mirbeau Daudet des Plagiats bezichtigte. Arène selbst wies die Vorwürfe jedoch zurück und sprach Daudet die Mühle ausdrücklich als sein Eigen zu. Die ersten Briefe waren zunächst unter einem Pseudonym erschienen; erst ab dem sechsten unterzeichnete Daudet mit seinem Namen.

Einzelne Geschichten wirkten weit über das Buch hinaus. Daudet erarbeitete aus „Die Arlesierin“ eine Bühnenfassung, deren Uraufführung 1872 zunächst ein Misserfolg war. Die Bühnenmusik dazu stammte von Georges Bizet, der sie später zu einer bekannten Orchestersuite umarbeitete. 1954 verfilmte Marcel Pagnol mehrere der Erzählungen. Bis heute erinnert eine Mühle bei Fontvieille an das Werk; sie trägt den Namen des Schriftstellers und beherbergt ein kleines Museum.

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