1712
Brockes-Passion
Überblick↑
Bei der Brockes-Passion handelt es sich um ein Libretto, also das Textbuch für ein sogenanntes Passionsoratorium – ein geistliches Werk über das Leiden und Sterben Jesu, das zur Musik gesungen wird. Verfasst hat es der Hamburger Ratsherr und Dichter Barthold Heinrich Brockes. Der vollständige Titel lautet Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus. Der Text erschien erstmals 1712. Ungewöhnlich ist seine Wirkung: Mehr als zehn Komponisten setzten ihn in Musik, darunter Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann, Johann Mattheson und Georg Friedrich Händel. Kein anderer deutscher Passionstext wurde so häufig vertont. Eine der bekanntesten Vertonungen stammt von Händel.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Grundlage des Textes ist die biblische Leidensgeschichte Jesu, wie sie in den vier Evangelien überliefert ist – vor allem im Matthäus-Evangelium. Zu Beginn steht ein Chor, der wie ein Sündenbekenntnis der versammelten Gemeinde klingt. Von dort folgt der Text den letzten Stationen im Leben Jesu: dem Abendmahl mit den Jüngern, dem Gang zum Ölberg und dem Gebet im Garten Gethsemane. Hinzu kommen der Verrat, die Gefangennahme und die Verhöre vor den geistlichen und weltlichen Machthabern. Neben dem Evangelisten, der das Geschehen berichtet, treten zahlreiche Gestalten selbst auf: Jesus, seine Mutter Maria, die Jünger Petrus und Johannes, der Verräter Judas sowie Richter wie Caiphas und Pilatus. Gedeutet wird das Geschehen von sinnbildlichen Figuren, etwa der „Tochter Zion" und mehreren „Gläubigen Seelen". Wer den Text vor sich hat, kann die vertraute Geschichte in dichterisch ausgeschmückter Sprache neu miterleben.
Die Handlung im Detail↑
Nach dem einleitenden Chor, der die eigene Schuld der Gläubigen bekennt, beginnt die eigentliche Handlung mit dem Abendmahl. Jesus teilt Brot und Wein mit seinen Jüngern und kündigt Verrat und Verleugnung an. Anschließend geht er mit ihnen zum Ölberg und betet im Garten Gethsemane, während die Jünger einschlafen. Judas führt die Häscher herbei, und Jesus wird gefangen genommen. Es folgt das Verhör vor dem Hohen Rat unter Caiphas. In dieser Zeit leugnet Petrus dreimal, seinen Herrn zu kennen – ihm sind eigene, klagende Betrachtungen gewidmet. Danach wird Jesus an den römischen Statthalter Pilatus ausgeliefert. Es kommt zur Verhandlung, zur Verspottung durch die Soldaten und schließlich zur Kreuzigung. Der Text schildert das Leiden Jesu mit drastischen, gefühlsstarken Bildern, ohne den Schmerz zu beschönigen. Mit dem Tod Jesu ist der Tiefpunkt erreicht. Der Schlusschor wendet das Geschehen jedoch ins Tröstliche: Er bekennt sich zu Christus, der die Welt durch sein Leiden erlöst hat. So mündet das dargestellte Grauen zuletzt in ein Gefühl der Erleichterung und der Gewissheit der Erlösung.
Stil↑
Der Text ist ganz auf die Musik hin angelegt. Schon das Titelblatt des Erstdrucks von 1712 weist auf eine Aufführung mit Musik hin. Wie in einer Oper wechseln sich Rezitative, Arien, Ensembles und Chöre ab; insgesamt besteht das Werk aus 117 kurzen Abschnitten. Anders als später bei Johann Sebastian Bach wird der Bibeltext nicht wörtlich übernommen. Selbst die berichtenden Passagen sind in Verse umgedichtet. Ein Evangelist erzählt das Geschehen, die biblischen Gestalten sprechen in Dialogen, und sinnbildliche Figuren wie die „Tochter Zion" oder die „Gläubigen Seelen" deuten es. Hinzu kommen bewegte Chöre der Volksmenge und fünf Choräle.
Neun Abschnitte tragen die Bezeichnung Soliloquium – eine Art kurze Solo-Kantate, in der eine einzelne Gestalt empfindsam über das Geschehen nachdenkt. Jesus wird nicht als Triumphierender, sondern als Duldender gezeigt. Auf äußere Beschreibungen verzichtet Brockes weitgehend. Stattdessen soll sich der Hörer in das Leiden hineinfühlen, zur Buße bewegt und so von seinen Sünden erlöst werden. Dieses fromme Ziel entspricht dem Denken des Pietismus, für den der Glaube auch aus dem Gefühl erwachsen kann. Weil die wörtliche Lesung des Evangeliums fehlt, eignete sich das Werk nicht für den Gottesdienst; aufgeführt wurde es meist im privaten Kreis oder im Konzertsaal.
Gerühmt wurde der Text für seinen kunstvollen, erhabenen Stil, der mit rhetorischen Mitteln starke Gefühle weckt. Typisch sind bildhafte, lautmalerische und bewusst gegensätzliche Formulierungen. Ein Beispiel ist der paradoxe Eingangsvers „Mich vom Stricke meiner Sünden zu entbinden, wird mein Heil gebunden". Andere Stellen sind bewusst drastisch und schildern das Leiden in grellen Bildern. Beeinflusst wurde Brockes durch den italienischen Stil des Dichters Giambattista Marino, dessen Werke er ins Deutsche übertrug – darunter den Bethlehemitischen Kindermord.
Rezeption↑
Kaum ein anderer geistlicher Text seiner Zeit fand eine solche Verbreitung. Bis 1727 erschien das Libretto in mehr als dreißig Auflagen. Es wurde ins Schwedische und Französische übersetzt. Zahlreiche Komponisten griffen es auf – neben Keiser unter anderem Telemann, Mattheson, Händel, Johann Friedrich Fasch und Gottfried Heinrich Stölzel. In Hamburg wurden zeitweise mehrere Vertonungen innerhalb weniger Tage aufgeführt. 1730 brachte die Leiterin der Gänsemarktoper sogar alle vier Hauptfassungen samt einer daraus zusammengestellten Auswahl auf die Bühne.
Georg Philipp Telemann notierte 1718 in seiner Lebensbeschreibung, die Dichtung werde „von allen Kennern für unverbesserlich gehalten". Seine Frankfurter Aufführungen von 1716 gehören zu den frühen Beispielen öffentlicher Konzerte, für die Eintritt verlangt wurde: Wer keinen gedruckten Text vorweisen konnte, wurde nicht eingelassen. Brockes' ohnehin hohes Ansehen in Hamburg wuchs dadurch weiter; 1720 wählte man ihn zum Senator.
Spätere Generationen konnten dem Stil weniger abgewinnen. Sie empfanden ihn als überladen und nahmen an den drastischen Darstellungen der Gewalt Anstoß. So äußerte sich 1860 der Händel-Biograph Friedrich Chrysander kritisch über das Werk. Als Textvorlage für zahlreiche bedeutende Vertonungen des frühen 18. Jahrhunderts behielt die Dichtung dennoch ihren festen Platz in der Musikgeschichte.
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