1721
Irdisches Vergnügen in Gott
Überblick↑
Die Gedichtsammlung Irdisches Vergnügen in Gott von Barthold Heinrich Brockes (1680–1747) ist eines der umfangreichsten lyrischen Werke der deutschen Frühaufklärung. Zwischen 1721 und 1748 erschienen neun Bände mit mehr als 5500 Seiten. Brockes verbindet darin genaue Naturbeobachtung mit religiöser Andacht. Jedes Blatt, jeder Käfer, jede Blume wird zum Anlass, den Schöpfer zu preisen. Die Sammlung gilt als Hauptwerk der sogenannten Physikotheologie. Sie steht am Anfang einer neuen, aufmerksamen deutschen Naturdichtung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Brockes nimmt seine Leser mit auf eine ungewöhnliche Wanderung. Statt großer Landschaftsbilder zeigt er das, was die meisten Menschen übersehen: einen Grashalm, einen Wassertropfen, eine kleine Fliege, einen winzigen Heidezweig. Mit fast schon mikroskopischer Genauigkeit beschreibt er Farben, Formen und Eigenschaften dieser unscheinbaren Dinge.
Die Sammlung umfasst neben den eigenen Gedichten auch Übersetzungen. Dazu gehören Fabeln des französischen Dichters Antoine Houdar de la Motte, moralische Prosa aus dem Englischen und Französischen sowie philosophische Texte. Im siebten Band stehen Auszüge aus den Night Thoughts des englischen Dichters Edward Young. Ein späterer Band enthält sogar eine kurze Robinsongeschichte. Der letzte Band schließt mit Aphorismen.
Jedes Gedicht folgt einem ähnlichen Aufbau: erst die sinnliche Wahrnehmung, dann das genaue Hinsehen, schließlich die Frage, wozu das Beobachtete dem Menschen nützt. Wer mitliest, lernt, die Welt langsamer und aufmerksamer zu betrachten. Brockes lädt geradezu zur stillen Übung des Schauens ein.
Die Handlung im Detail↑
Eine fortlaufende Handlung hat die Sammlung nicht; sie ist eine über fast drei Jahrzehnte gewachsene Reihe von Einzelbetrachtungen. Der erste Band erscheint 1721, der neunte und letzte 1748, ein Jahr nach Brockes' Tod. Schon der vollständige Titel verrät das Programm: Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten.
Der Aufbau jedes einzelnen Gedichts folgt einem festen Dreischritt. Zuerst steht die sinnliche Empfindung: das Auge sieht, das Ohr hört, die Hand berührt. Dann folgt die genaue, fast naturwissenschaftliche Beschreibung des Gegenstands. Im dritten Schritt wird gefragt, wozu er dem Menschen nütze – und aus diesem Nutzen wird der Lobpreis Gottes abgeleitet, mit dem nahezu jedes Gedicht endet.
Wie das funktioniert, zeigt das Gedicht Die Heide besonders schön. Der Sprecher gesteht zunächst, dass die Heide „obenhin" betrachtet „traurig, schwarz, verdorrt und schlecht" wirke. Dann aber begibt er sich aufs Feld, setzt sich nieder, reißt einen Strauß heraus und untersucht das Heidekraut Halm für Halm. Er entdeckt die Festigkeit des kleinen Holzes, prüft sogar die Brennbarkeit, findet winzige Blüten, an denen Bienen Nahrung holen, sieht die Rinde wie an alten Eichen mit Moos überzogen. Was von weitem nur braun aussah, erweist sich aus der Nähe als Wunderwerk. Am Ende steht der Aufruf, die Heide künftig „nicht sonder Gottes Lob" anzusehen.
Dasselbe Verfahren wendet Brockes auf Hunderte Gegenstände an: auf Gras und Wasser, auf eine Fliege, auf Schnee und Mondlicht, das durch Blätter bricht. Die Beobachtung wandert dabei vom Kleinen zum Kleineren – den späteren Lesern erschien das oft kleinteilig und überdetailliert. Brockes selbst sah darin den entscheidenden Punkt: Nicht die Gesamtschau, sondern die Einzelbetrachtung führt zur Erkenntnis. In der Nützlichkeit des kleinsten Dings spiegelt sich für ihn die Ordnung der Schöpfung und damit deren Schöpfer.
Über die neun Bände hinweg erweitert Brockes diesen Ansatz um aufgenommene Übersetzungen. Im ersten Band stehen elf Fabeln von Houdar de la Motte, im zweiten moralische Prosastücke aus dem Englischen und Französischen, im dritten die Grund-Sätze der Weltweisheit des Abbé Genest. Der siebte Band bringt Übersetzungen aus Edward Youngs Night Thoughts, der achte eine kurze Robinsonade. Der neunte Band schließt mit einem Anhang aus Aphorismen.
So entsteht über fast drei Jahrzehnte ein riesiges Mosaik, in dem naive Frömmigkeit und aufgeklärte Beobachtungslust ungewöhnlich eng zusammengehen. Brockes verbindet die neue, empirische Lust am Sehen mit dem alten Lobgesang auf den Schöpfer – beides geht für ihn ineinander auf.
Stil↑
Brockes schreibt in gebundener Rede, meist in regelmäßigen Reimpaaren und Wechselversen. Die Sprache ist klar, anschaulich und auf genaue Wahrnehmung gerichtet. Sein Markenzeichen ist die fast lupenartige Detailgenauigkeit. Farben, Lichtbrechungen, Oberflächen und kleinste Bewegungen werden mit einer Sorgfalt beschrieben, die in der deutschen Dichtung vor ihm so kaum vorkam.
Die Gedichte sind oft nicht auf einen Höhepunkt oder eine pointierte Wendung hin gebaut. Sie wirken eher wie in Verse gefasste Meditationen, die ruhig vom einen Detail zum nächsten gleiten. Diese Bauweise folgt einem festen Dreischritt aus sinnlicher Empfindung, sachlicher Beschreibung und Schlussbetrachtung über den Nutzen für den Menschen. Daraus erwächst der Lobpreis Gottes.
Auffällig ist Brockes' Vorliebe für abschwächende Verneinungen. Die Heide bringt „nicht geringe Freude", ist „nicht minder schön", in ihr ist „nicht weniger als sonst" der Schöpfer zu loben. Diese vorsichtigen Wendungen verraten den Forscher, der sein Urteil sorgsam abwägt. Daneben pflegt Brockes eine gewählte, von galanten Wendungen geprägte Sprache. Sie schließt ihn zugleich an die höfische Dichtung seiner Zeit an.
Rezeption↑
Schon zu Brockes' Lebzeiten fand Irdisches Vergnügen in Gott ein großes Publikum. Dass die Sammlung über fast drei Jahrzehnte hinweg auf neun Bände anwachsen konnte, spricht für anhaltendes Interesse. Der erste Teil erschien bereits 1724 in zweiter, „durchgehends verbesserter und über die Hälfte vermehrter" Auflage.
Auch musikalisch wirkte das Werk weiter. Georg Friedrich Händel vertonte neun Gedichte daraus als Neun Deutsche Arien (HWV 202–210). Weitere Vertonungen folgten, etwa eine eigens dem Werk gewidmete Komposition aus dem Jahr 1740.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde Brockes oft als bieder oder allzu kleinteilig belächelt. Die wissenschaftliche Beschäftigung blieb dennoch beachtlich. Über das Werk entstanden zahlreiche Dissertationen, von Otto Janssens Arbeit über das Naturgefühl 1907 bis zu mehreren Untersuchungen in den 1950er- und 1970er-Jahren in Wien, Göttingen, Bonn, Cambridge und Chapel Hill. Georg Guntermann widmete 1980 eine eigene Studie der Rezeptionsgeschichte des Werks in der deutschen Germanistik.
In neuerer Zeit ist Brockes als wichtiger Anfangspunkt der deutschen Naturlyrik und als Hauptzeuge der Physikotheologie wiederentdeckt worden. Forscher wie Wolfgang Martens, Uwe-Karsten Ketelsen, Gunter E. Grimm und zuletzt Volkhard Wels haben die Eigenart dieser Verbindung von empirischer Beobachtung und Gottesvertrauen herausgearbeitet. Nach Brockes war eine solche Verbindung in dieser Geschlossenheit kaum noch möglich.
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