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Werkseintrag · Iracema
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Iracema
1865
– Werkseintrag –

Iracema

1865 · Roman

Im Wald der brasilianischen Provinz Ceará trifft eine junge Indigene, Hüterin eines heiligen Trankes, auf einen fremden weißen Mann mit blauen Augen – aus dieser verbotenen Liebe formt Alencar eine dichterische Gründungssage seiner Heimat.

Überblick↑

Der Roman Iracema von José de Alencar erschien 1865 in Brasilien. Sein vollständiger Titel lautet übersetzt „Iracema: Legende von Ceará“; er verweist auf die Heimatprovinz des Autors im Nordosten des Landes. Das Buch bildet zusammen mit O Guarani und Ubirajara die indianistische Trilogie Alencars. Erzählt wird die Begegnung einer jungen Indigenen mit einem weißen Mann, aus der ein Kind hervorgeht. Alencar schuf damit eine dichterische Gründungssage für Ceará und zugleich ein Bild dessen, was in der Zeit der europäischen Kolonisierung in Amerika geschah.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Anfang steht eine Begegnung im Wald. Iracema, Tochter des alten Schamanen Araquém vom Volk der Tabajara, ruht unter einem Baum und spielt mit einem Vogel, als ein Fremder auftaucht: Martim, ein weißer Mann mit blauen Augen. Erschrocken schießt sie einen Pfeil auf ihn. Martim wehrt sich nicht, weil er nach seiner Erziehung keine Frau angreift. Iracema bereut den Angriff, hilft ihm und bricht ihren Pfeil in der Mitte durch, ein Zeichen für Waffenruhe und Frieden.

Sie führt den Fremden in ihr Dorf, wo Araquém ihn gastfreundlich aufnimmt und ihm die Hand einer seiner Töchter anbietet. Martim wählt Iracema. Da erfährt er, dass gerade sie keinem Mann gehören darf: Sie hütet das Geheimnis der Jurema, jenes heiligen Trankes, den sie für den Schamanen bereitet, und ihre Keuschheit ist der Gottheit geweiht.

Zwischen beiden entsteht dennoch eine verbotene Liebe. Martim weiß um die Strafen, die Iracema drohen, und spricht immer wieder davon, das Dorf zu verlassen und seine Gefährten zu suchen; jedes Mal kränkt sie das. Zugleich wirbt Irapuã, der Anführer der Tabajara-Krieger, vergeblich um Iracema und droht, den Fremden zu töten. Der Roman spielt in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts, als Portugal und seine überseeischen Kolonien unter spanischer Herrschaft standen.

Die Handlung im Detail↑

Die Handlung setzt zwischen 1603 und dem Beginn des Jahres 1604 ein und reicht bis 1611. Die Liebesgeschichte selbst, von der ersten Begegnung bis zum Tod der Titelfigur, spielt sich im Jahr 1604 ab und füllt fast das ganze Buch, vom zweiten bis zum zweiunddreißigsten Kapitel.

Iracema trifft im Wald auf Martim und schießt einen Pfeil auf ihn, den Fremden. Er wehrt sich nicht. Reuig bricht sie den Pfeil entzwei und bringt den Verletzten in ihr Dorf zu ihrem Vater Araquém, dem Schamanen der Tabajara. Martim wird gastfreundlich aufgenommen, wählt aber Iracema, die als Hüterin der heiligen Jurema keinem Mann gehören darf. Beide beginnen dennoch eine verbotene Liebe. Martim, der mit den Potiguara am Küstenstreifen befreundet ist, den Gegnern der Tabajara, spricht wiederholt davon, fortzugehen.

Irapuã, der Anführer der Tabajara-Krieger, liebt Iracema ohne Gegenliebe und droht dem Weißen mit dem Tod. Als Martim das Dorf verlässt und von Caubi, Iracemas von einer langen Jagd heimgekehrtem Bruder, durch den Wald geleitet wird, kommt es zum Kampf zwischen Irapuã und Martim. Iracema stellt sich zwischen die beiden Männer und verhindert, dass dem Fremden etwas geschieht. Zu Martim hält der Potiguara-Held Poti, der sich als sein Bruder versteht; dessen Bruder Jacaúna führt die Krieger der Potiguara an. Die Potiguara geben Martim den Namen Coatiabo. Batuirité, der greise Großvater Potis, nennt ihn „Weißer Habicht“ und sagt vor seinem Tod voraus, dass sein Volk von den Weißen vernichtet werde.

Aus der Verbindung Iracemas mit dem Portugiesen geht ein Sohn hervor: Moacir. Seine Mutter stirbt; das Kind gilt als der erste Cearenser und als der erste Brasilianer gemischter Herkunft, geboren aus der Vereinigung zweier Völker. Alencar deutet den Namen Moacir als „Sohn des Leidens“; der Tupi-Forscher Eduardo Navarro hält diese Deutung für unzutreffend und führt das Wort auf einen Tupi-Begriff für Reue oder Neid zurück. Die „Jungfrau mit den Honiglippen“ wurde zum Sinnbild von Ceará, und ihre Geschichte steht für das, was Amerika in der Zeit der europäischen Kolonisierung widerfuhr.

Stil↑

Als Gattungsbezeichnung gab Alencar seinem Buch im Untertitel das Wort „Legende“ mit. Kritiker und Literaturhistoriker haben es darüber hinaus sehr unterschiedlich eingeordnet: als Gedicht in Prosa, als poemhafter Roman, als Beispiel dichterischer Prosa, als historisch-indianistischer Roman, als episch-lyrische oder mythopoetische Erzählung. Jede dieser Bestimmungen hebt eine Seite des Werkes hervor, keine erfasst es ganz: die Sage, die Erzählung, die Dichtung, das Heldentum, das Lyrische, die Geschichte, den Mythos.

Das Aufeinandertreffen von Natur und Zivilisation, verkörpert in Iracema und Martim, spiegelt sich in einer doppelten Zeitrechnung. Die eine ist eine dichterische Zeit, gemessen an den Rhythmen der Natur und ihrer sinnlichen Wahrnehmung: an den Jahreszeiten, an Mond, Sonne und Wind. Sie beherrscht den Hauptteil der Erzählung. Daneben steht eine geschichtliche, mit Jahreszahlen versehene Zeit, angesiedelt in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts unter der spanisch-portugiesischen Doppelkrone.

Die Vorliebe für Lokalkolorit, für das Typische und Fremdartige gehört zu Alencars nationaler Absicht, die eigene Heimat zu verschönern. Metaphern und Vergleiche weiten die Bilder eines paradiesischen, ursprünglichen Nordostens: die Strände und das Bergland der Ibiapaba, die Flüsse Parnaíba und Jaguaribe, die Quelle von Ipu. Auch die Figur selbst ist in solchen Bildern gezeichnet, mit Haaren schwärzer als der Flügel des Graúna-Vogels und einem Wuchs schlank wie eine Palme. Den Namen Iracema erklärte Alencar in einer Fußnote der Erstausgabe aus dem Tupi als „Honiglippen“; brasilianische Sprachwissenschaftler bezweifeln diese Herleitung heute, Eduardo Navarro sieht darin ein Nheengatu-Wort für „Schwarm“.

Rezeption↑

Zu den frühen Stimmen über das Buch zählt eine Besprechung von Machado de Assis. Beharrlich hielt sich die Behauptung, der Name Iracema sei ein Buchstabenspiel aus „América“; Alencar selbst wies dieses Gerücht zurück und erklärte die tatsächliche Herkunft des Namens. Möglich ist, dass ihn eine historische Gestalt der Kolonialzeit anregte, die ebenfalls „Honiglippen“ genannt wurde und sich mit einem Fremden einließ. Anders als in Alencars romantischer Fassung wurde diese Frau von portugiesischen Kolonisatoren geraubt und gefangen gehalten, was den Angriff auf die Zuckermühle von Tracunhaém auslöste.

Die Titelfigur ist in Brasilien zum Gegenstand zahlreicher Gemälde und Skulpturen geworden. Das Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 1951 erschien bei der Editora Brasil-América Limitada eine von André Le Blanc illustrierte Bearbeitung. 1957 richtete Gedeone Malagola den Roman für die Zeitschrift Vida Juvenil ein; für dasselbe Blatt bearbeitete er auch O Guarani und Ubirajara. Alfredo Pessoa Lima und Stelio Torquato Lima brachten den Stoff in die Versform der Cordel-Dichtung.

Auch das Kino nahm sich des Stoffes mehrfach an. 1917 entstand ein Stummfilm unter der Regie von Vittorio Capellaro mit Iracema de Alencar in der Titelrolle. 1949 folgte eine Verfilmung von Vittorio Cardineli und Gino Talamo mit Ilka Soares. 1979 kam Iracema, a Virgem dos Lábios de Mel von Carlos Coimbra in die Kinos. 2017 widmete die Sambaschule Beija-Flor dem Buch ihr Karnevalsthema.

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