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Werkseintrag · Iphigenie auf Tauris
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Cover Iphigenie auf Tauris
Iphigenie auf Tauris
1787
– Werkseintrag –

Iphigenie auf Tauris

1787 · Drama

Eine Priesterin in der Fremde muss wählen zwischen List und Wahrheit – und erlöst durch reine Menschlichkeit ihren von Schuld verfolgten Bruder.

Kurzbiografie↑

Das Schauspiel Iphigenie auf Tauris gehört zu den bekanntesten Werken Johann Wolfgang von Goethes und zu den großen Dichtungen der deutschen Klassik. Goethe griff darin einen alten griechischen Stoff auf, den schon der antike Dichter Euripides in seiner Tragödie Iphigenie bei den Taurern behandelt hatte. Eine erste Fassung schrieb Goethe 1779 in Prosa. Während seiner Italienreise ab 1786 formte er den Text in ein Versdrama um, das 1787 erschien. Das Stück erzählt, wie eine Frau allein durch Wahrheit und menschliche Güte einen scheinbar ausweglosen Konflikt löst. Es gilt als Inbegriff des klassischen Humanitätsideals.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Die Königstochter Iphigenie lebt fern ihrer Heimat auf der Insel Tauris. Die Göttin Diana hat sie einst vor dem Tod gerettet, seither dient Iphigenie ihr dort als Priesterin. Beim König Thoas und seinem Volk ist sie hoch angesehen. Sie hat sogar erreicht, dass ein grausamer Brauch endete: dass jeder Fremde an Dianas Altar geopfert wurde. Dennoch leidet sie unter Heimweh und sehnt sich nach ihrer Familie in Griechenland.

König Thoas wirbt um ihre Hand. Iphigenie lehnt ab, denn eine Heirat würde sie für immer an die Insel binden. Der König reagiert verärgert und droht, die alten Menschenopfer wieder einzuführen.

In dieser Lage treffen zwei Fremde aus Griechenland auf Tauris ein. Sie geraten in Gefangenschaft und sollen geopfert werden. Zwischen ihnen und der Priesterin entsteht ein Gespräch, das Iphigenie tief erschüttert und das ihr Schicksal mit dem der Fremden verbindet. Iphigenie muss sich entscheiden: Soll sie sich durch List und Täuschung retten oder den Weg der Wahrheit gehen?

Die Handlung im Detail↑

Im ersten Aufzug klagt Iphigenie in einem Monolog über ihr Leben auf Tauris. Sie ist der Göttin Diana dankbar, die sie vor dem Tod bewahrt hat, und dient ihr als Priesterin. Doch sie sehnt sich nach Griechenland und steht oft am Ufer, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Sie beklagt auch das gebundene, unfreie Leben einer Frau. Arkas, der Vertraute des Königs Thoas, kündigt dessen Besuch an. Iphigenie gesteht ihm ihr Heimweh. Arkas erinnert sie an das Gute, das sie bewirkt hat, etwa das Ende der Menschenopfer, und rät ihr, die Werbung des Königs anzunehmen. Thoas trägt seine Werbung vor; Iphigenie lehnt ab und verweist auf den Fluch, der auf ihrer Familie, den Nachkommen des Tantalus, laste: Diese seien dazu verurteilt, einander zu töten. Schließlich beruft sie sich auf ihre Pflicht als Priesterin. Thoas droht daraufhin, die alten Menschenopfer wieder einzuführen. Iphigenie betet zu Diana und bittet, sie möge ihr ersparen, unschuldige Menschen opfern zu müssen.

Im zweiten Aufzug treffen Iphigenies Bruder Orest und sein Freund und Vetter Pylades ein. Orest hat seine Mutter Klytämnestra getötet, um den Mord an seinem Vater Agamemnon zu rächen, und wird seither von den Furien, den Rachegöttinnen, gequält. Das Orakel des Gottes Apollon hat ihm versprochen, die Schuld sei getilgt, wenn er „die Schwester“ nach Griechenland zurückbringe. Orest und Pylades glauben, gemeint sei das Standbild von Apollons Schwester Diana, und wollen es aus dem Tempel auf Tauris stehlen. Sie werden jedoch gefangen genommen. Orest ist verzweifelt, Pylades versucht ihn aufzumuntern. Im Gespräch mit Pylades gibt dieser falsche Namen an, um seine Identität zu verbergen. Iphigenie erfährt vom Fall Trojas und vom Untergang vieler Helden. Pylades berichtet auch vom Mord an Agamemnon durch Klytämnestra und deren Geliebten Ägisth. Iphigenie ist bestürzt.

Im dritten Aufzug verspricht Iphigenie dem ihr noch unbekannten Orest, alles zu tun, damit er und Pylades nicht geopfert werden. Sie fragt nach den Kindern Agamemnons. Orest berichtet von der Ermordung Klytämnestras, gibt sich schließlich zu erkennen: „Zwischen uns sei Wahrheit: Ich bin Orest.“ Er wählt damit den Weg der Ehrlichkeit, anders als Pylades, der notfalls zur List greifen würde. Iphigenie gibt sich freudig als seine Schwester zu erkennen. Doch Orest will weiter sterben, um den Furien zu entkommen, und sinkt bewusstlos nieder. In einer Vision sieht er die verstorbenen Vorfahren versöhnt in der Unterwelt. Als er erwacht, lösen das Gebet Iphigenies und die ruhigen Worte des Pylades den inneren Bann. Orest fühlt sich geheilt: „Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz.“ Pylades mahnt zur Eile.

Im vierten Aufzug plant Pylades die Flucht. Iphigenie aber quält ein Gewissenskonflikt: Sie kann fliehen, doch es widerstrebt ihr, den König zu hintergehen. Arkas drängt auf die Opferung der Gefangenen. Iphigenie hält ihn hin und gibt vor, sie müsse erst den vermeintlich noch wirren Orest heilen und die Statue waschen. Im Lied der Parzen erinnert sie an die unbarmherzige Rache der Götter.

Im fünften Aufzug entscheidet sich Iphigenie für die Wahrheit. Sie wendet sich an Thoas, eröffnet ihm offen den Fluchtplan und appelliert an seine Menschlichkeit. Der König ist zunächst erzürnt. Als Iphigenie ihm offenbart, dass Orest ihr Bruder ist, fürchtet er in dem Muttermörder einen Verbrecher. Orest will die Flucht mit Gewalt erzwingen, doch Iphigenie führt alle zur Besinnung zurück. Sie erinnert Thoas an sein früheres Versprechen, sie freizulassen. Daraufhin lässt der König Iphigenie, Orest und Pylades nach Griechenland ziehen. Auch der Orakelspruch findet seine wahre Deutung: Mit „der Schwester“ war nicht die Statue gemeint, sondern Iphigenie selbst, die Priesterin, die Orest nach Griechenland bringen sollte.

Stil↑

Das Werk entstand zunächst 1779 in Prosa. Erst auf seiner Italienreise formte Goethe den Text in ein Versdrama um, das in fünf Aufzüge gegliedert ist. Die Sprache ist von gehobener, gleichmäßiger Klarheit und folgt dem feierlichen Versmaß der Tragödie. Eingebettet sind lyrische Höhepunkte wie das Lied der Parzen, das mehrfach vertont wurde, unter anderem von Johann Friedrich Reichardt und von Johannes Brahms. Auffällig ist, dass Goethe diesem Lied eine eigene Strophe hinzudichtet, mit der Iphigenie der gnadenlosen Botschaft des Parzenliedes leise widerspricht. Der Titel Iphigenie auf Tauris geht auf eine fehlerhafte Übertragung des antiken Vorbilds zurück: Aus dem mythischen Volk der Taurer wurde im Deutschen eine Landschaft namens Tauris, die man gewöhnlich mit der Krim gleichsetzt.

Rezeption↑

Das Schauspiel zählt zu den meistgespielten Werken Goethes und gehört bis heute fest zum Repertoire der deutschsprachigen Bühnen. Zahlreiche Theaterproduktionen haben sich des Stoffes angenommen, darunter Inszenierungen von Leopold Lindtberg und Oskar Wälterlin. Auch als Hörspiel wurde der Stoff mehrfach bearbeitet, etwa 1954, 1966 und 2006. Bildende Künstler griffen Motive wie die Rettung Iphigeniens durch Diana auf. Das Werk gilt als ein Höhepunkt der Weimarer Klassik und als beispielhafter Ausdruck des Ideals von Humanität und Versöhnung.

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