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Werkseintrag · Erlkönig
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Erlkönig
1782
– Werkseintrag –

Erlkönig

1782 · Lyrik

Ein Vater reitet mit seinem fiebernden Kind durch die Nacht – und der Junge sieht im Dunkel eine Gestalt, die der Vater nicht sehen will.

Überblick

Der Erlkönig ist eine 1782 entstandene Ballade von Johann Wolfgang von Goethe. Er zählt zu den berühmtesten deutschen Gedichten überhaupt. In acht Strophen erzählt er vom nächtlichen Ritt eines Vaters. Dieser will sein krankes Kind durch Wind und Dunkelheit nach Hause bringen. Das Gedicht wurde unzählige Male vertont, am bekanntesten von Franz Schubert und Carl Loewe. Es gehört seit Generationen zum festen Bestand des deutschen Schulkanons.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein Vater reitet in einer windigen, finsteren Nacht durch den Wald. Er hält seinen kleinen Sohn fest im Arm, wärmt ihn und treibt das Pferd voran. Doch das Kind hat Angst. Es glaubt, in der Dunkelheit eine unheimliche Gestalt zu erkennen, den Erlkönig. Der Vater versucht zu beruhigen. Er erklärt, was der Junge sehe, sei nur ein Nebelstreif, das Rascheln der Blätter, der Schein der alten Weiden.

Doch die Gestalt scheint dem Kind immer näher zu kommen. Mit verführerischen Worten ruft der Erlkönig den „feinen Knaben“ zu sich. Er lockt ihn in sein Reich und verspricht ihm bunte Blumen, goldene Gewänder und das fröhliche Spiel seiner Töchter. Das Kind wird immer unruhiger, immer panischer. Der Vater reitet schneller, dem heimatlichen Hof entgegen. Zwischen der nüchternen Vernunft des Erwachsenen und der wachsenden Todesangst des Kindes spannt sich die kurze, atemlose Ballade.

Die Handlung im Detail

In einer windigen Nacht reitet der Vater durch den finsteren Wald, seinen kleinen Sohn schützend im Arm. Das Kind glaubt, in der Dunkelheit den Erlkönig zu erkennen, mit Krone und Schweif, und ängstigt sich. Der Vater beruhigt seinen Sohn: Was er da sehe, sei nur ein Nebelstreif.

Doch die gespenstische Gestalt lässt das Kind nicht los. Mit verführerischen Worten bittet der Erlkönig den „feinen Knaben“, mit ihm in sein Reich zu kommen und sich dort von seinen Töchtern verwöhnen zu lassen; bunte Blumen und goldene Gewänder werden versprochen. Das Kind wird immer unruhiger und ruft, dass es den Erlkönig flüstern höre. Wieder bemüht sich der Vater, für die Halluzinationen eine natürliche Erklärung zu finden: Alles sei nur das Rascheln der dürren Blätter im Wind.

Die Gestalt wird immer bedrohlicher, der Sohn reagiert immer panischer. Der Erlkönig zeigt sich nun in lockender und zugleich drohender Form, weist auf seine Töchter hin, die das Kind warten und wiegen sollen. Der Vater versucht erneut zu erklären: Es seien nur die alten Weiden, deren grauer Schein das Kind täusche.

Schließlich will der Erlkönig das sich sträubende Kind mit Gewalt an sich reißen. In diesem Augenblick verliert auch der Vater seine Fassung. Er gibt dem Pferd die Sporen, reitt, so schnell er kann, dem heimatlichen Hof entgegen, das ächzende Kind in den Armen. Mit Mühe und Not erreicht er den Hof – doch zu spät: Das Kind in seinen Armen ist tot.

Stil

Die Ballade besteht aus acht vierzeiligen Strophen in Paarreimen. Ihr Versmaß treibt voran wie der Hufschlag des Pferdes. So gibt es dem Gedicht jenen atemlosen Sog, der seine Wirkung ausmacht. Goethe arbeitet mit vier Stimmen, die einander ablösen: der erzählende Sprecher, der besorgte Vater, das ängstliche Kind und der lockende Erlkönig. Der Wechsel dieser Stimmen geschieht ohne ausdrückliche Zuordnung. Er verlangt vom Leser, die Sprecher selbst zu erkennen.

Vater und Kind sprechen in kurzen, hastigen Sätzen. Die Rede des Erlkönigs dagegen klingt weich, schmeichelnd, fast singend. Goethe stellt so zwei Welten gegeneinander: die nüchterne Vernunft des Erwachsenen, die alles auf Nebel, Wind und Weiden zurückführt, und die fiebrige Wahrnehmung des Kindes, dem die unheimliche Gestalt überdeutlich vor Augen steht. Die berühmte Anfangszeile „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ setzt sofort den dunklen, drängenden Ton. Dieser Ton trägt das ganze Gedicht.

Rezeption

Der Erlkönig wurde rasch zu einem der meistvertonten deutschen Gedichte. Schon Goethes Zeitgenossen Corona Schröter (1782), Johann Friedrich Reichardt (1794) und Carl Friedrich Zelter (1797) legten Vertonungen vor. Auch Beethoven hinterließ um 1795 Skizzen für eine eigene Fassung. Die heute mit Abstand bekannteste Vertonung schuf Franz Schubert. Sie ist sein erstes gedrucktes Werk und trägt darum die Opuszahl 1. Schubert wollte sie Goethe widmen, doch der Dichter ließ die Noten unkommentiert zurücksenden. Auch Carl Loewes Vertonung von 1818 ist berühmt geworden. Löwe wollte sie Goethe 1820 in Jena persönlich vortragen, scheiterte aber daran, dass es in dessen Unterkunft kein Klavier gab. Weitere Komponisten des 19. Jahrhunderts wie Louis Spohr, Václav Tomášek oder Anselm Hüttenbrenner griffen den Stoff auf.

Auch jenseits der klassischen Musik ist die Ballade lebendig geblieben. Walter Scott übertrug das Gedicht 1797 ins Englische. Der jiddische Dichter Moshe Lifshits brachte 1918 eine Nachdichtung als Kinderstück heraus. Michel Tournier nannte seinen 1970 erschienenen Roman Le roi des aulnes nach der Ballade. Volker Schlöndorff verfilmte den Stoff 1995 unter dem Titel Der Unhold. In der Popmusik haben unter anderem Achim Reichel, Rammstein (mit dem Lied Dalai Lama) und die Schweizer Rockfassung von Daniel Bill und Marc Storace das Gedicht aufgegriffen.

Das Gedicht ist so berühmt, dass es eine eigene Tradition von Parodien hervorgebracht hat. Die Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt veröffentlichte 1925 eine sächsische Fassung. Heinz Erhardt kürzte den Text auf acht Zeilen und ließ in seiner Pointe das Pferd statt des Kindes sterben. Otto Waalkes erweiterte diese Fassung. In der DDR kursierte ein populärer Sketch von Eberhard Cohrs und Heinz Kunert. Auch eine politische Parodie auf Erich Honecker fand Verbreitung. Die Erste Allgemeine Verunsicherung griff den Stoff gleich zweimal humoristisch auf. Paul Maar lässt im Kinderbuch Sams in Gefahr den Erlkönig durch einen Rasenmäher ersetzen.

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