1774
Die Leiden des jungen Werthers
Überblick↑
Mit dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers gelang Johann Wolfgang Goethe 1774 ein Welterfolg. Er machte ihn über Nacht europaweit berühmt. Der junge Rechtspraktikant Werther schildert in Briefen an seinen Freund Wilhelm seine unglückliche Liebe zu Lotte. Sie ist bereits einem anderen Mann versprochen. Goethe schrieb das schmale Buch innerhalb von vier Wochen. Er verarbeitete darin eigene Erfahrungen mit Charlotte Buff in Wetzlar sowie den Suizid seines Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem. Der Roman gilt als herausragendes Werk des Sturm und Drang und als erster Bestseller der deutschen Literaturgeschichte. Er erschien zur Leipziger Buchmesse im September 1774 und wurde rasch in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1787 überarbeitete Goethe den Text. Dabei ging er stärker auf Distanz zu seinem Helden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Frühjahr 1771 verlässt der junge Werther seinen Heimatort. Er will für seine Mutter eine Erbschaftssache regeln und zugleich Abstand von einer unglücklichen Liebe gewinnen. Er bezieht Quartier in einem idyllischen Dorf namens Wahlheim, streift durch die Natur und hält seine Eindrücke in Zeichnungen und Briefen an seinen Freund Wilhelm fest.
Auf einer Kutschfahrt zu einem Tanzvergnügen begegnet er Lotte, der ältesten Tochter eines verwitweten Amtmanns. Sie schneidet ihren acht jüngeren Geschwistern wie eine Mutter das Brot ab. Werther ist tief beeindruckt. Beim Ball entdecken die beiden eine gemeinsame Begeisterung für die empfindsame Lyrik Klopstocks. Werther deutet das als Zeichen einer Seelenverwandtschaft. Doch Lotte ist bereits so gut wie verlobt mit einem jungen Mann namens Albert.
Als Albert von einer Geschäftsreise zurückkehrt, gerät Werther in eine bedrängende Lage zwischen zugewandter Freundschaft und immer stärker werdender Leidenschaft. Er versucht es mit der Flucht in eine Anstellung bei einem Gesandten am Hof. Doch die steife Etikette und seine Stellung als Bürgerlicher unter Adligen führen zu Demütigungen. Werther kehrt nach Wahlheim zurück und sucht Lottes Nähe wieder. Seine Verzweiflung wächst. Der Roman folgt Schritt für Schritt einem inneren Sog, dem sich der junge Held immer weniger entziehen kann.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung erstreckt sich vom 4. Mai 1771 bis zum 24. Dezember 1772. Werther verlässt seinen Heimatort, um für seine Mutter eine Erbschaftsangelegenheit zu regeln und eine zurückliegende unglückliche Liebe hinter sich zu lassen. Nach kurzer Zeit in der Stadt zieht er in das benachbarte Dorf Wahlheim, das er als Idylle erlebt. Er streift durch die Natur, zeichnet und schreibt Briefe an seinen Freund Wilhelm. Er lernt den sympathischen Amtmann S. kennen, einen Witwer mit neun Kindern, schiebt einen Besuch bei ihm aber auf.
Auf der Fahrt zu einem Ball hält die Kutschgesellschaft beim Haus des Amtmanns, um dessen Tochter Lotte abzuholen. Werther sieht sie, umringt von ihren acht jüngeren Geschwistern, denen sie das Abendbrot von einem Brotlaib abschneidet, und ist tief gerührt. Beim Tanz auf dem Ball entsteht ein lebhaftes Einverständnis zwischen ihm und Lotte. Ihre Freundinnen erinnern sie an einen gewissen Albert, mit dem sie "so gut als verlobt" sei. Als ein Gewitter aufzieht und sich danach die regenfeuchte Natur zeigt, fällt beiden zugleich Klopstocks Ode Frühlingsfeier ein. Werther deutet diesen Augenblick als Beweis einer tiefen Seelenverwandtschaft und sucht von nun an immer öfter Lottes Nähe.
Als Albert von einer Geschäftsreise zurückkehrt, ändert sich Werthers Stimmung. Es entsteht ein Dreiecksverhältnis, in dem Lotte ihm zunächst als "Heilige" erscheint, in deren Nähe er keine Begierde empfindet. Werther und Albert freunden sich an und sprechen miteinander, auch über den Selbstmord und die Schwermut, die "Krankheit zum Tode". Dabei tritt der Gegensatz beider Charaktere deutlich hervor: Werther voll stürmischer Gefühle, Albert der besonnene Traditionalist. Als Werther erkennt, dass er seinen Gefühlen aus Rücksicht auf Albert nicht nachgeben darf, verlässt er den Ort fluchtartig, ohne Abschied. Auslöser ist ein emotionales Gespräch, in dem sich zeigt, dass Lotte ihrer sterbenden Mutter versprochen hat, Albert zu heiraten. Damit endet das erste Buch.
Werther tritt eine Stelle bei einem Gesandten am Hof an. Die Pedanterie seines Vorgesetzten und die Enge der höfischen Etikette engen ihn ein. Eines Tages wird er aus einer adeligen Runde vom Grafen C. vorsichtig hinauskomplimentiert, weil sich die Gäste an seiner Anwesenheit als Bürgerlicher stoßen. Die Episode wird zum Stadtgespräch. Auch das "Fräulein von B.", eine neue Bekannte mit Ähnlichkeiten zu Lotte, deutet ihm an, er sei zu übermütig und seines bürgerlichen Standes nicht genügend bewusst. Werther fühlt sich wie zerstört. Hinzu kommt die Nachricht, dass Lotte und Albert inzwischen geheiratet haben, ohne ihn einzuladen. Er bittet um seine Entlassung, hält sich kurz bei einem ihm gewogenen Fürsten auf, fährt in seinen Heimatort und kehrt schließlich nach Wahlheim zurück.
Bald besucht er Lotte wieder regelmäßig. Unbewusst kokettiert sie mit seinen Gefühlen, etwa indem sie ihren Kanarienvogel erst an ihren Lippen und dann an seinen picken lässt. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und der Entschluss, sich das Leben zu nehmen, wachsen in Werther heran. Weil Lotte sich bedrängt fühlt und im Dorf bereits geredet wird, bittet sie ihn, auch auf Alberts Wunsch, vier Tage zu warten und sie erst zu Weihnachten wieder zu treffen.
Doch schon am nächsten Tag sucht er sie auf. Er liest ihr aus seiner Ossian-Übersetzung die Gesänge von Selma vor, beide werden von ihren Gefühlen überwältigt. Als Werther sie leidenschaftlich umarmen und küssen will, reißt sich Lotte verwirrt los, flüchtet und schließt sich im Nebenzimmer ein. Er verabschiedet sich, wandert stundenlang ziellos umher und kehrt in seine Wohnung zurück. In einem letzten Brief an Lotte spricht er die Zuversicht aus, sie in einem anderen Leben wiederzusehen. Um Mitternacht vor Heiligabend schießt er sich an seinem Schreibtisch mit einer Pistole, die er sich von Albert geliehen hat, in den Kopf. Am nächsten Morgen wird er tödlich verwundet aufgefunden. Auf seinem Pult liegt Lessings bürgerliches Trauerspiel Emilia Galotti aufgeschlagen. Gegen zwölf Uhr mittags stirbt er. Ein christliches Begräbnis bleibt ihm als Selbstmörder verwehrt. Damit endet das zweite Buch.
Stil↑
Goethe wählte die Form des Briefromans. Erst gegen Ende des zweiten Teils lösen Kommentare eines fiktiven "Herausgebers" diese Form ab. Bis auf drei Ausnahmen sind die Briefe an Werthers besten Freund Wilhelm gerichtet, der selbst nie zu Wort kommt. Diese Rolle übernimmt zwangsläufig der Leser. Er wird zum Mitwisser intimer Gefühle, die ihm ein scheinbar authentischer Briefschreiber anvertraut. Vorbild war Rousseaus Julie ou la Nouvelle Héloïse. Mit deren Helden Saint-Preux identifizierte Goethe sich rückblickend selbst.
Die Erstausgabe erschien anonym und begann mit einer kurzen Einleitung des "Herausgebers". Dass auch dieser eine Fiktion war, konnten die Leser zunächst nicht erkennen. In Fußnoten verschlüsselte er Orts- und Personennamen, angeblich um wirklich existierende Personen zu schützen. Das verstärkte den Eindruck echter Dokumente.
Auffallend ist der Wechsel der Erzählhaltungen. Werthers Briefe sind in der Ich-Form geschrieben und durchweg emotional. Das Vorwort und der Abschluss "Der Herausgeber an den Leser" hingegen sind aus auktorialer Perspektive verfasst, im Ton teilnehmend, aber sachlich. Dieser Wechsel ist schon aus praktischen Gründen nötig, denn Werther kann seinen eigenen Tod nicht in einem Brief beschreiben. Zugleich erhöht der ständige Wechsel zwischen gefundenen Dokumenten und dem Bericht des allwissenden Erzählers die Dramatik im Schlussteil deutlich.
Rezeption↑
Der Roman gilt als herausragendes und exemplarisches Werk des Sturm und Drang und wurde zum ersten Bestseller der deutschen Literatur. Er erschien in zahlreichen Übersetzungen und gilt als Mitauslöser der sogenannten Lesesucht. Goethe selbst schrieb später in Dichtung und Wahrheit, die Wirkung des Büchleins sei groß, ja ungeheuer gewesen, vor allem, weil es genau in die rechte Zeit traf.
Schon bei Erscheinen löste der Roman heftige Reaktionen aus. Viele bürgerliche Leser empfanden Werther als Störer des Ehefriedens und als Freigeist, der ihren moralischen und religiösen Wertvorstellungen widersprach. Sie warfen dem Buch vor, junge Menschen zum Selbstmord zu verführen. Neuere Studien bestätigen etwa ein Dutzend nachweisbarer Suizide nach dem Erscheinen. Rüdiger Safranski hat die hohe Zahl als langlebiges Gerücht beschrieben. Der Theologe Johann Caspar Lavater nannte den Werther "unchristlich". Der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze sah in ihm eine Schande für die Religion. In Sachsen, Dänemark und dem Habsburgerreich wurde das Buch verboten. Goethe verwahrte sich gegen die Vorwürfe und stellte der zweiten Auflage von 1775 einen Leitspruch voran, der mit den Worten endet: "Sei ein Mann, und folge mir nicht nach." Als die 17-jährige Christiane von Laßberg im Januar 1778 Selbstmord beging und ein Exemplar des Romans bei sich getragen haben soll, geriet Goethe in große seelische Not. Johann Wilke hat dies als einen Anlass für die Überarbeitung von 1787 gedeutet, in der Goethe stärker auf Distanz zu seinem Helden ging.
Unter den jugendlichen Lesern brach ein regelrechtes Werther-Fieber aus. Sie machten den Helden zur Kultfigur. Sie imitierten seinen blauen Frack mit Messingknöpfen, die gelbe Weste, die braunen Stulpenstiefel und den runden Filzhut als "Werther-Mode". Es gab eine berühmte Werther-Tasse und sogar ein Eau de Werther. Szenen aus dem Roman, gezeichnet etwa von Daniel Chodowiecki, schmückten Tee- und Kaffeekannen, Keksschalen und Teedosen. Napoleon bekannte Goethe 1808 beim Erfurter Fürstenkongress, er habe den Werther siebenmal gelesen und trage ihn stets bei sich. Goethe selbst gestand Johann Peter Eckermann am 2. Januar 1824, das Buch seit dem Erscheinen nur einmal gelesen und es seither gemieden zu haben. Er sah darin "lauter Brandraketen" und fürchtete, "den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es hervorging".
Im 19. Jahrhundert spitzten sich die Urteile zu. Ludwig Tieck nannte Werther 1834 einen "kleinlichen, sentimentalen Philister", der nur einer armseligen Liebe lebe und sterbe. Søren Kierkegaard knüpfte 1849 in seiner Schrift Die Krankheit zum Tode schon im Titel an Goethes Roman an und kritisierte Werthers Selbstmord als Flucht eines Ungläubigen vor der Wirklichkeit. Im 20. Jahrhundert charakterisierte Gerhard Storz Werther 1953 als "Dichter ohne Werk", der sein Leben zur Dichtung mache und dabei Sein und Bild verwechsle. 1972 verpflanzte Ulrich Plenzdorf den Stoff in seiner Erzählung Die neuen Leiden des jungen W. in die DDR. Damit stellte er die Frage neu, ob Werthers Geschichte als Tragödie oder als Komödie zu lesen sei. Leo Kreutzer warnte 1980 davor, der Deutschlehrer-Frage aufzusitzen, "wie Werther wäre zu retten gewesen": Kunstfiguren sei nur ästhetisch zu helfen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →