Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die Letzte am Schafott
Eingang · Werke · Die Letzte am Schafott
Cover Die Letzte am Schafott
Die Letzte am Schafott
1931
– Werkseintrag –

Die Letzte am Schafott

1931 · Novelle

Eine junge Nonne, von Kindheit an von Angst beherrscht, findet mitten im Terror der Französischen Revolution zu einer letzten, furchtlosen Stimme.

Überblick

Die Novelle Die Letzte am Schafott von Gertrud von Le Fort erschien 1931. Sie erzählt vom Schicksal der jungen, überaus ängstlichen Blanche de la Force während der Französischen Revolution. Am Ende nimmt Blanche an der Guillotine den frommen Gesang ihrer früheren Mitschwestern auf, der Karmelitinnen von Compiègne, und erhebt so ihre schwache Stimme gegen den blutigen Terror. Das Werk verbindet ein historisches Ereignis mit der Frage nach Angst, Glauben und Opferbereitschaft. Die Hinrichtung der sechzehn Karmelitinnen von Compiègne am 17. Juli 1794 ist historisch verbürgt, Blanche de la Force dagegen ist eine von Le Fort erfundene Gestalt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Blanche de la Force, die Tochter eines französischen Marquis. Schon ihre Geburt fällt in einen schrecklichen Augenblick: Bei einem Unglück mit einem Feuerwerk während der Vermählung Ludwigs XVI. gerät die Kutsche ihrer Mutter in einen Tumult. Von Kindheit an ist Blanche von einer tiefen, kaum erklärbaren Angst geprägt.

Mit sechzehn Jahren soll das Mädchen heiraten, doch Blanche will Nonne werden. Gegen den Willen ihres Vaters, der für die Freiheit schwärmt, tritt sie in den Karmel von Compiègne ein. Dort begegnet sie ihrer Novizenmeisterin Mutter Marie de l’Incarnation, einer Frau von starkem, opferbereitem Glauben.

Dann bricht die Revolution über das Land herein. Die Klöster werden bedroht, die Nonnen zu Duldsamkeit und Standhaftigkeit aufgerufen. Während die anderen Schwestern sich innerlich auf das Äußerste vorbereiten, kämpft Blanche mit ihrer Furcht. Die Erzählung folgt ihrem Weg zwischen Schwäche und der Sehnsucht, dem eigenen Glauben treu zu bleiben.

Die Handlung im Detail

Während des Unglücks mit dem Feuerwerk bei der Vermählung Ludwigs XVI. gerät die Staatskarosse des Marquis de la Force in einen Tumult. Die verstörte Marquise erreicht ihr Palais mit zerrissenen Kleidern zu Fuß, kommt zu früh nieder und stirbt. Ihre Tochter, die Halbwaise Blanche, erweist sich als sehr ängstlich.

Mit sechzehn Jahren soll Blanche heiraten, will aber Nonne werden. Ihr Vater, der Marquis de la Force, ist dagegen, kann sich jedoch nicht durchsetzen. Blanche tritt in den Karmel von Compiègne ein. Ihre Novizenmeisterin wird Mutter Marie de l’Incarnation, die uneheliche Tochter eines Prinzen von Frankreich.

1789, nach dem Sieg der Revolution, inspiziert ein übereifriger Kommissar das Kloster und droht beiden Frauen mit dem Tod. Marie glüht angesichts des drohenden Martyriums „wie ein Cherub“. Auch die anderen Schwestern bereiten sich auf das Martyrium vor. Als die Kirchengüter durch die Nationalversammlung beschlagnahmt werden, erweisen sich die Nonnen als große Dulderinnen. Sie deuten die Widerwärtigkeiten der Revolution in Freude um und leben „arm wie in Bethlehem“. Der ganze Konvent, mit Mutter Marie an der Spitze, gelobt das Martyrium – Blanche aber hat Angst. Mutter Marie kann für Kleinmut kein Verständnis aufbringen.

Die Repressalien werden drückender, die Nonnen sollen ihren Habit ablegen. Blanche hält dem Druck nicht stand und flüchtet. Ihr Vater schreibt der Priorin, Blanche sei krank. Kurz darauf wird der Vater eingekerkert und von den Revolutionären im Kerker erschlagen. Blanche lehnt hinter dem Toten an der Kerkerwand. Das Mädchen gerät in die Gewalt der schrecklichen „Septembermütter“, jener Marktweiber, die nach den Schreckenstagen vom 2. bis 6. September 1792 benannt sind. Sie schleppen Blanche durch die Straßen von Paris.

Mutter Marie in Compiègne ist froh, dass nach Blanches Flucht keine schwache Frau mehr im Kloster weilt. Die Behörden zitieren sie nach Paris, ihre Staatsrente soll aufgehoben werden. Als Marie die Opfer sieht, die zur Guillotine gekarrt werden, versteht sie auf einmal, was Todesangst bedeutet, und stürzt sich ins Menschengewühl, denn sie glaubt, Blanche unter den Frauen erblickt zu haben, die dem Karren zum Schafott folgen. Als sie nach Compiègne zurückwill, sind die Pariser Stadttore geschlossen. Marie, „die Seele des Opferwillens aller“, sieht sich vom Opfer des Martyriums ausgeschlossen.

Inzwischen wird der gesamte Konvent von Compiègne verhaftet, nach Paris gebracht und hingerichtet. Der adelige Briefschreiber, mit der Kokarde getarnt, erlebt das Martyrium der sechzehn Nonnen als Zuschauer. Ihr frommer Gesang lässt die blutdürstige Menge verstummen. Dann geschieht das Wunder: Maries Stimme „geht auf eine andere über“. Blanche erhebt am Schafott als Letzte aus dem Pulk der Septembermütter heraus ihre Stimme. Das Gesicht der einst Ängstlichen ist „völlig furchtlos“. Sie setzt den Gesang fort, bis sie von dem Gesindel erschlagen wird. Mutter Marie hingegen kommt als einzige der Nonnen mit dem Leben davon.

Stil

Als Form wählt Gertrud von Le Fort den Brief eines Aristokraten an eine anonyme Emigrantin. Datiert ist dieser Brief mit „Paris, im Oktober 1794“. Dadurch erhält die ganze Erzählung die Stimme eines Augenzeugen, der aus der unmittelbaren Nähe der Ereignisse berichtet.

Der Briefschreiber erzählt jedoch nicht alles. Manches übergeht er, etwa die Flucht Blanches aus dem Kloster, und von Gerüchten distanziert er sich vorsichtig. Die Ereignisse unmittelbar vor Blanches Geburt möchte er nüchtern berichten. So entsteht ein Erzähler, der zurückhaltend abwägt, statt vorschnell zu deuten – ein Ton, der dem grausamen Stoff eine gefasste, beinahe distanzierte Ruhe verleiht.

Rezeption

Der Stoff der Karmelitinnen von Compiègne, den die Novelle gestaltet, hat über das Werk hinaus weitergewirkt. Auf Grundlage von Le Forts Novelle verfasste Georges Bernanos das Dialogwerk Dialogues des Carmélites, das 1949 postum veröffentlicht wurde. Daraus ging 1951 in Zürich die deutschsprachige Bühnenfassung Die begnadete Angst hervor, und Francis Poulenc vertonte den Stoff 1957 als Oper unter dem Titel Dialogues des Carmélites. 1960 wurde der Stoff zudem unter dem Titel Opfergang einer Nonne von Philippe Agostini verfilmt. So fand die Geschichte der ängstlichen Blanche und der Nonnen von Compiègne ihren Weg auf die Bühne, in die Oper und auf die Leinwand. Diese Bearbeitungen selbst sind jedoch nicht Le Forts eigene Werke.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten