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Werkseintrag · Die Leute von Seldwyla
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Cover Die Leute von Seldwyla
Die Leute von Seldwyla
1856
– Werkseintrag –

Die Leute von Seldwyla

1856 · Novelle

Zehn Geschichten aus einer erfundenen Schweizer Kleinstadt, in der die Bürger lieber träumen und auf Kredit leben als arbeiten – Gottfried Kellers großes Novellenwerk des poetischen Realismus, heiter, satirisch und in einem Fall zutiefst tragisch.

Überblick

Der zweiteilige Novellenzyklus von Gottfried Keller versammelt zehn Erzählungen. Sie spielen alle in derselben erfundenen Schweizer Kleinstadt. Die erste Folge von fünf Geschichten erschien 1856, die zweite Folge kam 1873 bis 1875 heraus. Seldwyla ist ein Ort, an dem die Bürger lieber feiern, träumen und auf Kredit leben, als ordentlich zu arbeiten. Genau aus diesem Boden lässt Keller seine sonderbaren, oft komischen, manchmal tief traurigen Menschenbilder wachsen. Das Buch gilt als eines der großen Werke der deutschsprachigen Erzählkunst des 19. Jahrhunderts und als Hauptwerk des poetischen Realismus. Zwei der Novellen, Romeo und Julia auf dem Dorfe und Kleider machen Leute, gehören zur Weltliteratur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz aller zehn Erzählungen ist Seldwyla, eine kleine Stadt irgendwo in der Schweiz. Sie ist von alten Ringmauern umgeben. Gegründet wurde sie absichtsvoll ein halbes Stündchen vom schiffbaren Fluss entfernt – damit ja nichts aus ihr werde. Die Gemeinde ist reich an Wäldern und Wein, die Bürger aber sind arm und leben auf Borg. Bis Mitte dreißig führen sie ein heiteres, leichtsinniges Dasein. Danach machen sie reihenweise Bankrott und schlagen sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Die Tüchtigsten verlassen die Stadt und sind in fremden Heeren oder fernen Ländern anzutreffen.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Keller seine zehn „Lebensbilder". Da ist der junge Pankraz, der nichts mit sich anzufangen weiß, davonläuft und sich in der Welt versucht. Da sind zwei Bauernkinder, deren Väter sich ineinander verbissen haben und deren Liebe darum keinen Boden findet. Da ist eine tüchtige Mutter, die ihren Mann nach Amerika verloren hat. Sie bringt einen verschuldeten Steinbruch allein durch und will zugleich ihre Söhne vor dem Seldwyler Schlendrian bewahren. Da sind drei deutsche Handwerksgesellen, die alle drei gleich brav, gleich fleißig und gleich sparsam sind. Sie wollen denselben Betrieb übernehmen – und dazu noch dasselbe Mädchen. Und da ist ein Kater, der in einem späten Mittelalter dem Stadthexenmeister in die Hände fällt und um sein Leben verhandeln muss.

Die Geschichten sind, bis auf eine einzige Tragödie, Komödien mit satirisch-grotesken Zügen. Sie erzählen von Liebe, Geld, Eitelkeit, Bürgerstolz und kleinen Lebenslügen. Und sie erzählen davon, wie die Seldwyler immer dann am besten taugen, wenn sie aus ihrem behaglichen Nest herausgerissen und auf sich selbst gestellt werden.

Die Handlung im Detail

Der Zyklus beginnt mit einer ausführlichen Schilderung der Stadt selbst. Seldwyla liegt schön in grünen Bergen, nach Süden offen, mit gutem Wein an den Stadtmauern und ausgedehnten Wäldern darüber. Die Gemeinde ist vermögend, die Bürgerschaft aber arm; niemand weiß so recht, wovon die Seldwyler eigentlich leben. Sie sind temperamentvoll, fast südländisch heiter, voll Lust an Vergnügungen, aber ohne Fleiß und Zielstrebigkeit. Lieber lassen sie andere für sich arbeiten, spekulieren mit Wertpapieren und leben auf Kredit. Bis Mitte dreißig blühen sie; danach werden sie Falliten, lernen mühsam allerlei kleine Hantierungen und schauen den jüngeren Mitbürgern bei deren Festen nur noch von der Seite zu. In den Wirtshäusern wird gekegelt, Karten gespielt und Politik getrieben; wechselt im Land die Regierung, wechseln auch die Seldwyler regelmäßig ihre Lager, denn sie fühlen sich in der Opposition am wohlsten. Wenn sie es zu bunt treiben, schickt die Regierung eine Finanzprüfungskommission ins Rathaus, dann geben sie eine Weile Ruhe.

Pankraz, der Schmoller erzählt vom jungen Pankraz, der seine Mutter und Schwester mit dauerndem Beleidigtsein quält und mit vierzehn davonläuft. Er wird Soldat in der britischen Kolonialarmee in Indien, bewährt sich und verlernt das Schmollen. Doch dann verliebt er sich in Lydia, die schöne, aber hinterhältige Tochter seines Vorgesetzten, und fällt in seine alte Schwermut zurück. Er geht in die französische Fremdenlegion, bringt es in Algerien zum Oberst und kehrt mit siebenunddreißig Jahren sonnenverbrannt nach Seldwyla zurück, eine Löwenhaut im Gepäck. Mutter und Schwester erzählt er, wie er bei einer einsamen Jagd, in Gedanken bei Lydia versunken, von einem Löwen gestellt wurde. Stundenlang harrte er in Gluthitze Aug' in Auge mit der Bestie aus, bis Kameraden ihn fanden und retteten. Seit diesem Vorfall fühlt er sich wie neugeboren und ist von Schmollerei und altem Liebeskummer geheilt.

Romeo und Julia auf dem Dorfe verlegt Shakespeares Tragödie ins 19. Jahrhundert und in die Schweizer Landschaft unweit von Seldwyla. Zwei wohlhabende Bauern pflügen ihre Felder und eignen sich dabei Furche um Furche den dazwischenliegenden Acker eines Armen an. Im Streit um diesen Besitz werden sie zu erbitterten Feinden, fallen in die Hände Seldwyler Advokaten und ruinieren in jahrelangen Prozessen ihre Höfe. Ihr Hass zerstört auch das Leben ihrer Kinder Sali und Vrenchen, die sich lieben, aber keine Zukunft sehen. Sie beschließen, einen einzigen schönen Tag miteinander zu verbringen und sich dann zu trennen. Am Ende dieses Tages können sie nicht mehr voneinander lassen und nehmen sich gemeinsam das Leben.

Frau Regel Amrain und ihr Jüngster erzählt von einer Alleinerziehenden. Regula Amrain hat von auswärts nach Seldwyla eingeheiratet; ihr Mann, ein echter Seldwyler, ist vor seinen Gläubigern nach Amerika geflüchtet und hat ihr drei Söhne und einen überschuldeten Steinbruch hinterlassen. Mit Hilfe eines jungen Werkmeisters macht sie den Betrieb rentabel und hält ihre Söhne vom üblichen Seldwyler Lebenslauf fern. Der kaum fünfjährige Jüngste, Fritz, verteidigt sie eines Tages tapfer gegen die Zudringlichkeit des Werkmeisters, der es auf die schöne Frau und den gutgehenden Betrieb abgesehen hat. Später revanchiert sich die Mutter und holt den heranwachsenden Fritz aus den Händen einiger Seldwylerinnen von zweifelhaftem Ruf zurück – eine Lektion über erotische Erziehung, der weitere über politische Erziehung folgen. Am Ende kehrt Herr Amrain überraschend zurück.

Die drei gerechten Kammmacher stellt drei deutsche Handwerksgesellen ins Zentrum, die es nach Seldwyla verschlagen hat. Alle drei sind gleich fleißig, ordentlich und genügsam, und alle drei verfolgen dasselbe Ziel: ihrem Meister die Werkstatt abzukaufen. Sie schuften und sparen und liefern sich schließlich ein groteskes Wettrennen. Die zweite Hauptrolle spielt die wohlredende Jungfer Züs Bünzlin, Besitzerin eines Wertpapiers, einer gewissen Bildung und nicht ohne Reize; alle drei flehen sie an, einen von ihnen zu wählen. Doch Züs hat ein falsches Herz und treibt zwei der Gesellen ins Verderben. Der dritte erhält zwar, was er wollte, die Jungfer und die Werkstatt, wird aber unter ihrem Pantoffel seines Lebens nicht mehr froh.

Spiegel, das Kätzchen trägt den Untertitel Ein Märchen und spielt im späten Mittelalter. Der Kater Spiegel landet nach dem Tod seiner Herrin auf der Straße und begegnet dem Seldwyler Stadthexenmeister Pineiß, der für seine Zaubereien das Fett von Katzen braucht. Um nicht zu verhungern, schließt Spiegel mit Pineiß einen Vertrag: Der Hexenmeister füttert ihn heraus, dafür darf er ihn schlachten, sobald der Kater fett genug ist. Als es so weit ist, erzählt der schlaue Spiegel dem Hexenmeister von einem Goldschatz, den nur er heben könne. Mit Hilfe seiner Freundin, einer Eule, gelingt die List: Pineiß erhält als Preis für Spiegels Freiheit viel Gold und obendrein eine liebliche junge Ehefrau. Doch diese verwandelt sich in der Hochzeitsnacht in seine verhasste Nachbarin, die fromme Beghine, die in Wahrheit eine üble Hexe ist. Spiegels Erzählung vom Goldschatz ist dabei kunstvoll in der Manier des Decamerone als eigene Liebesnovelle ausgeführt.

Der zweite Teil eröffnet mit einer ironisch-diplomatischen Vorrede. Seit dem Erscheinen der ersten Hälfte stritten sich, so Keller, etwa sieben Schweizer Städte darum, welche von ihnen mit Seldwyla gemeint sei; jede habe dem Verfasser ihr Ehrenbürgerrecht angeboten. Keller rät, Seldwyla als ideale Stadt zu betrachten, die nur auf den Bergnebel gemalt sei und mit ihm weiterziehe, auch über die Grenzen des Vaterlandes hinaus. Der rasche Wandel der Welt habe ohnehin die Auffälligkeit Seldwylas beseitigt: Die allgemein verbreitete Spekulation in bekannten und unbekannten Werten habe den Seldwylern ein Feld eröffnet, das wie für sie geschaffen scheine und sie mit einem Schlag Tausenden ernsthafter Geschäftsleute gleichstelle. Damit aber gehe gerade das verloren, was sie sympathisch machte: Sie verlernen das Lachen, zum Lustigsein fehlt ihnen die Zeit und zur Politik der Mut. Schon sammle sich da und dort einiges Vermögen an, das bei der nächsten Handelskrise zittere wie Espenlaub oder sich still wieder auseinander begebe wie eine ungesetzliche Versammlung, wenn die Polizei kommt. Auf diese Vorrede folgen die fünf weiteren Novellen, darunter Kleider machen Leute, die ebenfalls zu den meistgelesenen Erzählungen der deutschsprachigen Literatur zählt.

Stil

Keller schreibt seine zehn Novellen als „Lebensbilder" – so lautete sein Arbeitstitel während der Berliner Entstehungszeit. Sie sind ganz überwiegend Komödien in Novellenform, mit stark satirischen und grotesken Zügen. Nur Romeo und Julia auf dem Dorfe schlägt einen tragischen Ton an. Den Rahmen bildet der gemeinsame Schauplatz, die erfundene Stadt Seldwyla. Deren satirisches Porträt stellt Keller seinen Erzählungen voran und schreibt es im zweiten Teil ironisch fort.

Schon die Eingangsbeschreibung zeigt seinen Ton: ein behaglicher, leicht spöttischer Erzähler, der die Stadt scheinbar liebevoll vorstellt und sie dabei unmerklich entlarvt. Die „ursprüngliche tiefe Absicht" der Stadtgründung sei gewesen, sie eine halbe Stunde vom schiffbaren Fluss anzulegen – „zum deutlichen Zeichen, daß nichts daraus werden solle". Aus solchen leise zugespitzten Sätzen baut Keller seine Welt. Er mischt anschauliche Schilderung, sprichwörtliche Wendungen und feine Übertreibung zu einer Sprache, die zugleich gemütlich und scharfsichtig wirkt.

Die einzelnen Geschichten variieren in Tonlage und Form. Eine spielt im späten Mittelalter und ist ausdrücklich als Märchen markiert. Eine andere führt Shakespeares Tragödie in die Schweizer Gegenwart und gibt ihr bäuerliche Bodenhaftung. In Spiegel, das Kätzchen baut Keller mit der Erzählung vom Goldschatz eine eigene kleine Novelle nach Art des Decamerone in die Rahmenhandlung ein. So wechselt der Zyklus zwischen Schelmenstück, Liebesgeschichte, Erziehungsbild und Tragödie. Gerade durch diese Vielfalt wird er zum geschlossenen Werk. Das Ganze gilt als ein Hauptwerk des poetischen Realismus.

Rezeption

Schon die erste Hälfte sorgte in der Schweiz für Aufsehen. Sieben Städte stritten, so Keller in der Vorrede zum zweiten Teil, darum, welche von ihnen mit Seldwyla gemeint sei, und boten dem Verfasser ihr Ehrenbürgerrecht an. Keller wich der angetragenen Ehrung ironisch aus: Er erklärte Seldwyla zur idealen, auf den Bergnebel gemalten Stadt, die mit diesem Nebel weiterziehe, auch über die Landesgrenzen hinaus.

Inzwischen gilt der Zyklus als Meisterwerk der deutschsprachigen Erzählkunst des 19. Jahrhunderts und als repräsentatives Werk des poetischen Realismus. Zwei der Novellen – Romeo und Julia auf dem Dorfe und Kleider machen Leute – gehören zur Weltliteratur und zählen zu den meistgelesenen Erzählungen der deutschsprachigen Literatur. Sie wurden mehrfach für Film und Oper bearbeitet, in viele Sprachen übersetzt und sind in einer kaum überschaubaren Zahl von Ausgaben verbreitet.

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