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Werkseintrag · Romeo und Julia auf dem Dorfe
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Cover Romeo und Julia auf dem Dorfe
Romeo und Julia auf dem Dorfe
1856
– Werkseintrag –

Romeo und Julia auf dem Dorfe

1856 · Novelle

Zwei Bauernkinder lieben einander, während der unversöhnliche Streit ihrer Väter um ein schmales Stück Acker beide Familien zugrunde richtet.

Überblick

Die Erzählung Romeo und Julia auf dem Dorfe gehört zu den bekanntesten Stücken aus Gottfried Kellers Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla. Sie wurde 1847 entworfen, 1855/56 ausgearbeitet und veröffentlicht und erhielt 1875 ihre endgültige Gestalt. Der Titel verweist auf Shakespeares Romeo und Julia: Keller überträgt den berühmten Stoff von der unmöglichen Liebe in die eigene Gegenwart und in ein Dorf seiner Schweizer Heimat. Zwei junge Leute, Sohn und Tochter zweier wohlhabender Bauern, lieben einander, obwohl ihre Väter in erbitterter Feindschaft leben. Die Erzählung gilt als beispielhaft für den poetischen Realismus und zählt zum festen Bestand der deutschsprachigen Literatur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zwei Bauern, Manz und Marti, bestellen friedlich ihre nebeneinanderliegenden Äcker am Fluss bei Seldwyla. Zwischen ihren Feldern liegt ein verwildertes, herrenloses Stück Land, dessen rechtmäßiger Erbe nicht anerkannt wird. Ihre kleinen Kinder, Sali und Vrenchen, spielen unterdessen unbeschwert miteinander.

Als das herrenlose Land schließlich versteigert wird, ersteigert es Manz – und aus dem Streit um eine schmale Furche wächst ein Rechtsstreit, der beide Männer immer tiefer ins Unglück zieht. Aus den angesehenen, sparsamen Bauern werden verbitterte, ruinierte Streithähne, die einander hassen und ihren Kindern jeden Umgang verbieten. Die glückliche Kindheit ist dahin.

Jahre später begegnen sich der inzwischen junge Sali und Vrenchen wieder. Trotz der Feindschaft der Väter und trotz der bitteren Armut, in die beide Familien geraten sind, erwacht zwischen ihnen die Liebe. Doch zwischen ihrem Glück und einer gemeinsamen Zukunft stehen die Schuld der Väter und die Härte ihrer Lage. Wie die beiden damit umgehen, erzählt die Novelle in stillen, eindringlichen Bildern.

Die Handlung im Detail

An einem Septembermorgen pflügen die Bauern Manz und Marti ihre Äcker auf einem Hügel über dem Fluss bei Seldwyla. Zwischen ihren Feldern liegt eine verwilderte, mit Steinen und Unkraut bedeckte Fläche. Ihre Kinder – Manz' siebenjähriger Sohn Sali und Martis fünfjähriges Töchterchen Vrenchen – bringen ihnen einen Imbiss. Die Väter, gute Nachbarn, sprechen über das herrenlose Stück Land. Es gehörte einem längst verstorbenen Dorfbewohner; solange dessen Nachkommen nicht gefunden sind, bietet die Behörde es nur zur Pacht an. Es gibt zwar einen Heimatlosen, den schwarzen Geiger, der dem Verstorbenen aufs Haar gleicht und vermutlich sein Enkel ist. Doch weil ihm der Taufschein fehlt und niemand seine Abstammung bezeugt, kann er das Erbe nicht antreten. Manz und Marti schweigen dazu – und pflügen sich jeder zum Abschluss noch eine kräftige Furche von der herrenlosen Fläche herunter.

Mit den Jahren wachsen die Kinder heran, und der herrenlose Acker wird zwischen den breiter gewordenen Nachbarfeldern immer schmaler. Endlich gibt die Behörde ihn zur Versteigerung frei. Manz erhält den Zuschlag und verlangt von Marti das Stück Erde zurück, das dieser sich durch schiefes Pflügen angeeignet hatte. Als Marti sich weigert, lässt Manz die Feldsteine genau über dem strittigen Dreieck zu einem großen Haufen aufschichten. Marti geht vor Gericht. Von diesem Tag an liegen die beiden Bauern im Prozess und ruhen nicht, bis sie einander zugrunde gerichtet haben.

Der Streit verwandelt die sparsamen, angesehenen Männer in Prahler und Verschwender. Sie halten in den Wirtshäusern falsche Ratgeber – Advokaten und Spekulanten – bei Laune, fallen auf jeden Schwindel herein und lassen ihre Höfe verkommen. Ihr Hass lodert immer höher: Sie spucken aus, wenn sie einander von Weitem sehen, und verbieten jedem im Haus jedes Wort mit der Gegenseite. Vrenchen verliert mit kaum vierzehn Jahren die Mutter, die vor Kummer erkrankt und stirbt. Auch Manz wirtschaftet seinen Hof vollends herunter, bis dieser unter den Hammer kommt. Für den Erlös lässt er sich von den Seldwylern eine elende Schänke aufschwatzen und zieht in die Stadt. Die Gäste bleiben aus; Müßiggang und Mangel ziehen ein.

Eines schwülen Tages gehen Manz und sein inzwischen neunzehnjähriger Sohn Sali flussaufwärts zum Angeln. Auf halbem Weg zwischen Stadt und Dorf begegnet ihnen Marti, dem Vrenchen das Angelzeug nachträgt. Während ein Gewitter losbricht, geraten die alten Männer in einen Ringkampf auf einem schmalen Steg, bei dem jeder den anderen ins Wasser stoßen will. Mit Mühe gelingt es Sali und Vrenchen, sie zu trennen. Dabei kommen sich die beiden jungen Leute zum ersten Mal seit der Kindheit wieder nah; ihre Hände berühren sich, und Sali erstaunt über Vrenchens Schönheit.

Von Sehnsucht getrieben, geht Sali am nächsten Tag ins Dorf und findet Vrenchen am halbverfallenen Elternhaus. Sie verabreden sich heimlich bei den Äckern, wo sie als Kinder gespielt haben. Hand in Hand schlendern sie über den Hügel. Plötzlich begegnet ihnen der schwarze Geiger und führt sie zu dem Steinhaufen, der nun feuerrot von blühendem Mohn überwachsen ist. Er hält ihnen vor, dass ihre Väter ihm den Boden gestohlen haben. Erst jetzt erfahren die beiden vom Unrecht. Doch kaum ist der Geiger fort, müssen sie über sein groteskes Aussehen lachen, legen sich ins Korn, küssen sich und führen verliebte Gespräche. Vrenchen windet sich einen Kranz aus Mohnblumen.

Marti aber hat Verdacht geschöpft, ist ihnen nachgeschlichen und stürzt sich tobend auf seine Tochter. Halb aus Angst um Vrenchen, halb im Jähzorn ergreift Sali einen Stein und schlägt dem Alten auf den Kopf. Marti fällt bewusstlos zu Boden. Die beiden schwören einander Stillschweigen und trennen sich. Marti erwacht zwar wieder, bleibt aber geistig verwirrt – ein harmlos-fröhlicher Narr. Vrenchen pflegt ihn wochenlang, bevor ihn die Behörde in eine Anstalt einweist. Als sie ihn dorthin bringt, ist sein letzter Besitz bereits verkauft; sie kehrt unter ein Dach zurück, das ihr nicht mehr gehört.

Dort sucht Sali sie auf. Auch ihm ist sein Zuhause verleidet, denn seine Eltern sind zu Hehlern geworden. Was nun werden solle, fragt er. Vrenchen meint, selbst ohne die Armut wäre Salis Tat ein schlechter Grundstein für eine Ehe; ihnen bleibe nur, getrennte Wege zu gehen, sie als Magd, er als Knecht oder Soldat. Eng aneinandergeschmiegt schlafen sie ruhig wie zwei Kinder. Am Morgen wünscht sich Vrenchen, vor der Trennung noch einen einzigen schönen Tag mit Sali zu verbringen, am liebsten beim Tanz – wie auf einer Hochzeit, von der sie geträumt hat. Doch sie hat keine Schuhe mehr. Sali verspricht, ihr welche zu besorgen, und verkauft dafür seine silberne Taschenuhr.

An einem schönen Septembersonntag wandern die beiden über Land zu einem Dorf, wo Kirchweih ist. Unterwegs begegnet man ihnen mit Achtung; eine Wirtin hält sie sogar für ein Brautpaar auf dem Weg zur Trauung. Je näher sie dem Fest kommen, desto mehr fühlen sie sich selbst als Braut und Bräutigam. Auf dem Markt schenkt er ihr ein Lebkuchenhaus, sie ihm ein Lebkuchenherz; heimlich kauft jedes für das andere noch ein billiges Ringlein. Weil Festbesucher aus dem Heimatdorf sie erkennen und tuscheln, meiden sie den vornehmen Tanzboden und gehen ins „Paradiesgärtlein", wo sich arme Leute und fahrendes Volk vergnügen. Dort begrüßt sie der schwarze Geiger und lädt sie ein, sich den Heimatlosen anzuschließen und ihr ungebundenes Leben in den Bergen zu teilen. Es kommt zu einer ausgelassenen, possenhaften Trauung. Nach Mitternacht führt der Geiger die singende, tanzende Gesellschaft über die nächtlichen Felder; auch an ihren verlorenen Vaterhäusern vorbei, küssend, lachend und weinend.

Auf dem Hügel bei den drei Äckern bleiben Sali und Vrenchen zurück und warten, bis Musik und Gelächter verklingen. „Diesen sind wir entflohen", sagt Sali, „aber wie entfliehen wir uns selbst?" Sie tauschen ihre Ringe. Den Gedanken an Trennung, an die Gefahr, einander zu verlieren oder untreu zu werden, kann keines mehr ertragen. So beschließen sie, einander auf der Stelle anzugehören und danach gemeinsam in den Tod zu gehen. Sie laufen zum Fluss hinunter, wo ein mit Heu beladenes Schiff liegt. Dieses wählen sie zu ihrem Hochzeitsbett, klettern hinauf und stoßen ab. Als sich das Schiff im Frost des Herbstmorgens der Stadt nähert, gleiten die beiden bleichen Gestalten, fest umschlungen, hinunter in die kalten Fluten.

Stil

Kennzeichnend ist die Verbindung von nüchterner Wirklichkeitsschilderung und stiller Poesie, die als beispielhaft für den poetischen Realismus gilt. Schon der Titel ruft Shakespeares Tragödie auf und verlegt sie aus dem alten Verona in ein Schweizer Bauerndorf der Gegenwart. So gewinnt das große Motiv der unmöglichen Liebe eine ganz bürgerlich-bäuerliche, alltägliche Grundlage: Es sind nicht hochmütige Adelsgeschlechter, sondern der Streit zweier Bauern um ein schmales Stück Acker, der die Kinder ins Verderben treibt.

Der Erzähler tritt ruhig und überlegen auf und deutet das Ende früh an, etwa wenn er von den Vätern sagt, sie hätten nicht geruht, bis sie einander zugrunde gerichtet hatten. Die Handlung ist von wiederkehrenden Bildern durchzogen: die drei Äcker am Fluss, der wachsende Steinhaufen über dem strittigen Land, der rote Mohn, der diesen Haufen schließlich überwuchert. Eine besondere Rolle spielt der schwarze Geiger – die verstoßene, heimatlose Gestalt, die immer wieder auftaucht und das Schicksal des Paares begleitet. Die Sprache verbindet schlichte Anschaulichkeit mit feiner Ironie und mündet in den ruhigen, fast feierlichen Schlussbildern am Fluss.

Rezeption

Zu den bekanntesten Erzählungen Gottfried Kellers zählend, gehört das Werk zum festen Kanon der deutschsprachigen Literatur. Es ist in zahlreichen Ausgaben verbreitet und seit Langem eine vielgelesene Schullektüre. Die Geschichte wurde mehrfach illustriert, musikalisch bearbeitet und verfilmt. Die Übertragung des Shakespeare-Stoffes in die bäuerliche Welt der eigenen Heimat hat dem Werk über Generationen hinweg eine feste Stellung gesichert.

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