1824
Die Lore-Ley
Überblick↑
Heinrich Heines Gedicht Die Lore-Ley entstand 1824. Es gehört zu den bekanntesten deutschen Balladen überhaupt. In wenigen Strophen erzählt es von einer schönen Jungfrau. Sie sitzt hoch oben auf dem Felsen Loreley über dem Rhein, kämmt ihr goldenes Haar und lockt mit ihrem Gesang die Schiffer auf dem Strom in den Untergang. Heine knüpft damit an eine Kunstsage an, die Clemens Brentano 1801 erfunden hatte. Er gibt ihr eine knappe, eingängige Form. Berühmt wurde das Gedicht vor allem durch die Vertonung Friedrich Silchers von 1837. Mit ihr drang es als Lied in alle Schichten und wurde zum Inbegriff der Rheinromantik.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Sprecher gesteht gleich zu Beginn, er wisse nicht, was es bedeuten solle, dass ihn ein altes Märchen aus alter Zeit so traurig stimme. Dann führt er den Leser an den Rhein. Auf dessen Höhe sitzt in der Abenddämmerung eine wunderschöne Jungfrau. Sie kämmt ihr goldenes Haar und singt ein Lied von seltsamer, gewaltiger Melodie. Unten auf dem Fluss fährt ein Schiffer in seinem kleinen Kahn. Er hört das Lied und blickt hinauf zur Höhe.
Die Handlung im Detail↑
Das Gedicht umfasst sechs Strophen. Die erste setzt mit dem berühmten Vers "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" ein und stellt den Sprecher als einen Nachdenklichen vor, dem ein altes Märchen nicht aus dem Sinn geht. Die zweite Strophe öffnet die Szene: die Luft ist kühl, es dunkelt, der Rhein fließt ruhig dahin, und auf dem Gipfel des Berges funkelt das Abendrot. Die dritte und vierte Strophe zeigen die Jungfrau. Sie sitzt hoch oben auf dem Felsen, ihr Geschmeide blitzt golden, sie kämmt mit goldenem Kamm ihr goldenes Haar und singt dazu ein Lied von wunderbarer, mächtiger Melodie.
In der fünften Strophe wechselt der Blick nach unten auf den Fluss. Ein Schiffer im kleinen Kahn wird von wildem Weh ergriffen; er sieht nicht mehr die Felsenriffe vor sich, sondern nur noch hinauf in die Höhe. Die sechste Strophe schließt den Vorgang: die Wellen verschlingen am Ende Schiffer und Kahn, und der Sprecher bemerkt, dass dies die Lore-Ley mit ihrem Singen getan habe. So kehrt das Gedicht am Ende zu seinem märchenhaften Anfangston zurück und benennt zugleich die unheimliche Wirkung der schönen Sängerin auf dem Felsen.
Stil↑
Heine wählt eine schlichte, liedhafte Form. Sechs vierzeilige Strophen stehen in einem ruhig fließenden Versmaß. Die Kreuzreime sind einfach, die Sprache wirkt fast volkstümlich und prägt sich genau dadurch dem Gedächtnis ein. Die Bilder sind sparsam, aber wirkungsvoll: das Dunkelwerden, der ruhige Rhein, das Abendrot auf dem Gipfel, das goldene Geschmeide, der goldene Kamm, das goldene Haar. Die Wiederholung des Goldenen gibt der Erscheinung etwas Märchenhaftes und zugleich Bedrohliches. Auffällig ist die Rahmung durch den Sprecher. Er erzählt das Geschehen nicht nur, sondern umgibt es mit einer eigenen Stimmung: mit jener Traurigkeit, die er gleich im ersten Vers eingesteht und die das ganze Gedicht durchzieht. Diese Mischung aus volksliedhafter Einfachheit und leiser Melancholie macht den besonderen Ton aus.
Rezeption↑
Vor allem im 19. Jahrhundert wurde das Gedicht weithin als sentimentales Volkslied gesungen und gelesen. Getragen wurde es von Friedrich Silchers Vertonung aus dem Jahr 1837. Es wurde zum Inbegriff der Rheinromantik und ist bis heute eines der bekanntesten deutschen Gedichte überhaupt.
Verbreitet ist eine Behauptung des Germanisten Walter A. Berendsohn. Das Lied sei so beliebt gewesen, dass selbst die Nationalsozialisten es nicht aus den Lyrik-Anthologien zu streichen gewagt hätten, obwohl Heine als jüdischer Autor verboten war. Stattdessen sei seine Urheberschaft verschwiegen und das Gedicht "einem unbekannten deutschen Dichter" zugeschrieben worden. Diese Erzählung wurde oft wiederholt, unter anderem von Herbert Eulenberg 1947 im Vorwort einer Werkauswahl Heines. Umfangreiche Untersuchungen von Schulbüchern und Gedichtanthologien aus der NS-Zeit haben für diese Zuschreibung allerdings keinen Beleg erbracht. Eine entsprechende Prüfung der Liedersammlungen steht noch aus.
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