1846
Der Asra
Überblick↑
In wenigen Versen erzählt Heinrich Heine eine der berühmtesten Liebesgeschichten der deutschen Lyrik: die Begegnung eines jungen Sklaven mit der Tochter eines Sultans. Das kurze Gedicht erschien zunächst 1846 im Tübinger Morgenblatt für gebildete Leser und wurde 1851 in den dritten Gedichtband Romanzero aufgenommen, wo es als fünfzehntes Stück im Zyklus Historien steht. Der knappe Text gehört zu den meistzitierten und meistvertonten Gedichten Heines und hat über Musik, Roman und Film bis in die Gegenwart gewirkt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht eine wiederkehrende Begegnung an einem Brunnen im Schlossgarten eines Sultans. Tag für Tag tritt die schöne Tochter des Herrschers ans Wasser, und Tag für Tag steht dort auch ein junger Sklave und sieht sie. Heine zeichnet zwei Menschen, die sich über die Schranken ihres Standes hinweg nähern, ohne ein Wort zu wechseln. Erst nach langer Zeit bricht das Schweigen, und die Sultanstochter wendet sich dem Sklaven mit einer Frage nach seiner Herkunft zu. Was er antwortet, ist die Pointe dieses kurzen, von ferner Welt und stiller Leidenschaft erfüllten Gedichts.
Die Handlung im Detail↑
Heines Ballade entfaltet in nur vier Strophen eine ritualisierte Szene. Täglich geht die wunderschöne Tochter des Sultans am Abend zum Springbrunnen im Schlossgarten, wo die weißen Wasser plätschern. Täglich steht dort auch ein junger Sklave und sieht zu, wie sie kommt. Tag für Tag wird er bleicher und bleicher; die unausgesprochene Liebe zehrt ihn auf.
Eines Abends durchbricht die Sultanstochter den stummen Ablauf. Sie tritt auf den Sklaven zu und verlangt schnell von ihm zu wissen, wie er heiße, woher er stamme und was sein Stamm sei. Die Frage zwingt ihn, sich zu offenbaren, und mit der Antwort vollzieht sich zugleich der Tabubruch: Er nennt sich Mohamet und seine Heimat den Jemen, und er sagt von seinem Stamm, dies seien die Asra, „welche sterben, wenn sie lieben". In diesem letzten Vers liegt das Ende der Begegnung beschlossen – die Liebe und der Tod sind in der Herkunft des Sklaven untrennbar verbunden. Heine schließt das Gedicht mit diesem Wort, ohne die Folgen auszumalen; alles Weitere überlässt er der Vorstellung des Lesers.
Stofflich greift Heine auf eine alte orientalische Überlieferung zurück. Anregung gaben ihm Anton Theodor Hartmanns Übersetzung des persischen Liebesromans um Madschnūn und Lailā sowie eine Handschrift, die Stendhal in seiner Abhandlung De l'amour zitiert hatte. Aus diesen Quellen formt Heine eine eigene, äußerst knappe Ballade, die das Motiv der tödlichen Liebe auf wenige Verse verdichtet.
Stil↑
Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je vier Versen. Auf Endreime verzichtet Heine vollständig; den Rhythmus trägt allein der trochäische Vierheber, durchgehend mit weiblicher Kadenz. Der gleiche Versanfang in Strophe eins und zwei markiert die Begegnung als ritualisierten, sich wiederholenden Vorgang. Schon im ersten Vers steht ein Enjambement, das das Adjektiv „wunderschön" und den darauffolgenden Hinweis auf den hohen Stand der Sultanstochter eigens hervorhebt. In der zweiten Strophe kehren die beiden letzten Verse der ersten wieder; diese Wiederholung lässt das gleichzeitige Beieinandersein der beiden Figuren spürbar werden. Ein weiterer Zeilensprung baut kurze Spannung auf, die sich in der Konfrontation der Sultanstochter mit dem Sklaven entlädt. Das letzte Enjambement schließlich verzögert die Preisgabe des Namens und steigert so die Wirkung der Selbstoffenbarung – im selben Augenblick, in dem der Tabubruch geschieht. Mit diesen wenigen Mitteln erreicht Heine die äußerste Verdichtung eines orientalischen Stoffes: alles ist Andeutung, Ritual und plötzliche Enthüllung.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten und in den Jahrzehnten danach fand das Gedicht den Weg in die Musik. Bereits 1856 nahm der russische Komponist Anton Rubinstein den Asra in seine 6 Lieder auf, 1863 vertonte Carl Loewe den Text. In bosnischer Übersetzung des Dichters Aleksa Šantić ging Heines Gedicht unter dem Titel Kraj tanana šadrvana in das bosnische Liedgut ein; der deutsch-bosnische Schriftsteller Saša Stanišić hat – wie zuvor Dževad Karahasan und andere – darauf hingewiesen, dass diese Sevdalinka eine Übertragung des Heine-Gedichts ist.
Auch in der Literatur hat der Asra Spuren hinterlassen. 1879 erschien Ludwig Ganghofers Gedichtbuch Vom Stamme Asra; ein unmittelbarer Bezug zu Heines Text ist hier jedoch nicht erkennbar. In Theodor Fontanes Roman Der Stechlin spielt die Figur Czako auf das Gedicht an, wenn sie beim Besuch bei einem Imker das Schicksal der Drohne beim Hochzeitsflug der Königin mit dem Schicksal des Heineschen Asra vergleicht. Bis in die jüngste Gegenwart reicht die Wirkung: In Christian Petzolds Film Roter Himmel aus dem Jahr 2023 rezitiert die von Paula Beer gespielte Nadja das Gedicht kurz hintereinander zweimal – ein Zeichen dafür, wie eingängig dieser knappe Text bis heute geblieben ist.
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