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Werkseintrag · Deutschland. Ein Wintermärchen
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Deutschland. Ein Wintermärchen
1844
– Werkseintrag –

Deutschland. Ein Wintermärchen

1844 · Epik

Eine Winterreise des Pariser Exilanten quer durch das Deutschland von 1843 – als spöttisches Versepos, dessen schärfste Schmuggelware der Dichter im Kopf über die Grenze trägt.

Überblick

Heinrich Heines satirisches Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen erschien 1844. Es gilt als Höhepunkt der politischen Dichtung des Vormärz. Den äußeren Rahmen bildet eine Reise: Der Dichter lebte seit dreizehn Jahren im Pariser Exil und unternahm sie im Winter 1843 von Frankreich nach Hamburg. In 27 Kapiteln schildert Heine diese Fahrt. Zugleich verbindet er sie mit beißender Kritik am reaktionären, militaristischen und kleinstädtisch-gemütlichen Deutschland seiner Zeit. Der Untertitel spielt auf Shakespeares Alters-Romanze The Winter's Tale an. Er kennzeichnet das Werk zugleich als Gegenstück zu Heines drei Jahre älterem Versepos Atta Troll. Ein Sommernachtstraum.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein Dichter kehrt nach dreizehn Jahren im französischen Exil erstmals wieder nach Deutschland zurück. Im Winter 1843 reist er von der westlichen Grenze über Aachen, Köln, Westfalen, den Teutoburger Wald, Minden, Bückeburg und Hannover bis nach Hamburg. Dort lebt seine Mutter, und dort wird er bei seinem Verleger erwartet.

Schon an der Grenze stellt sich ihm der preußische Zoll in den Weg und durchsucht sein Gepäck nach verbotenen Schriften. Dabei ahnt er nicht, dass der Dichter die eigentliche Schmuggelware im Kopf trägt. Jede Station der Reise wird zum Anlass für Beobachtungen, Erinnerungen und Spott: über pickelhaubenstarre Soldaten, über den unvollendeten Kölner Dom, über den deutschtümelnden Vater Rhein, über die altgermanische Küche der Westfalen, über das gerade begonnene Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Träume und Visionen mischen sich in die Reise. Ein stummer Begleiter mit einem Beil folgt dem Dichter, und alte Märchen der Kinderzeit melden sich wieder zu Wort.

In Hamburg, am Ziel der Fahrt, warten die Mutter mit deftigem Essen und unbequemen Fragen. Es kommt zum Wiedersehen mit der vom Brand gezeichneten Heimatstadt. Und es kommt zur Begegnung mit Hammonia, der Schutzheiligen der Stadt, die dem Heimkehrer noch etwas Besonderes zu zeigen verspricht.

Die Handlung im Detail

Die Reise beginnt im ersten Capitulum an der französisch-deutschen Grenze. Heine, der seit dreizehn Jahren in Paris lebt, betritt nicht ohne Rührung wieder deutschen Boden. Ein kleines Harfenmädchen singt mit wahrem Gefühl und falscher Stimme das alte Lied vom irdischen Jammertal; der Dichter verspricht seinen Freunden ein neues, besseres Lied, das das Himmelreich schon auf Erden errichten will. Im zweiten Caput durchsuchen die preußischen Zöllner sein Gepäck, finden aber nur Hemden, Hosen und Schnupftücher – die wahre Konterbande, ein zwitscherndes Vogelnest konfiszierlicher Bücher, trägt er im Kopf mit sich.

In Aachen (Caput III) trifft er auf preußische Soldaten, hölzern, pedantisch, mit eingefrorenem Dünkel im Gesicht. Heine spottet über die Schnurrbärte, die wie umgedrehte Zöpfe unter der Nase hängen, und über die Pickelhaube, deren spitzes Metall im Gewitter Blitze auf das romantische Haupt der Träger ziehen könnte. Auf der Weiterreise nach Köln (Caput IV) verspottet er die Anstrengungen, den seit dem Mittelalter unvollendeten Kölner Dom doch noch fertigzustellen; für ihn ist gerade die Einstellung der Bauarbeiten in der Reformationszeit ein Sinnbild des wahren Fortschritts, der Befreiung von geistiger Unmündigkeit. In der Separatausgabe ersetzte er die letzte Strophe dieses Kapitels durch fünf neue Strophen, die die Heilige Allianz angreifen.

Am Rhein (Caput V) begegnet er dem Vater Rhein als unzufriedenem alten Mann, des deutschtümelnden Geschwätzes überdrüssig. Der Flussgott sehnt sich nach den fröhlichen Franzosen zurück, fürchtet aber deren Spott wegen Nikolaus Beckers Rheinlied, das ihn als unberührbare Jungfrau besingt. Heine beruhigt ihn: Die Franzosen seien inzwischen noch ärgere Philister geworden als die Deutschen, sie tränken Bier und läsen Fichte und Kant. Im sechsten Caput tritt ein Dämon mit einem Beil an Heines Seite, der ihm seit langem als stummer Schatten folgt und auf das Zeichen wartet, das Urteil des Dichters zu vollstrecken: "Ich bin die Tat von deinem Gedanken." Gefolgt von diesem Begleiter erreicht Heine im siebten Caput den Dom mit dem Dreikönigenschrein und zerschmettert die armen Skelette des Aberglaubens – die drei Könige stehen für die reaktionäre Allianz von Preußen, Österreich und Russland.

Mit der Kutsche fährt er weiter (Caput VIII): In Mülheim erwacht die alte Begeisterung für Napoleon, in dem Heine den Vollender der Revolution und Verwirklicher der Freiheit gesehen hatte. In Hagen (Caput IX) genießt er die altgermanische Küche mit Sauerkraut, Grünkohl, Stockfisch und Würsten, vermischt mit satirischen Spitzen gegen die Schweinsköpfe, denen man bei uns noch immer Lorbeerblätter um den Rüssel legt. Caput X singt ein gutmütiges Loblied auf die treuen, sentimentalen Westfalen, die so gut fechten wie trinken. Im Teutoburger Wald (Caput XI) spendet Heine für das gerade begonnene Hermannsdenkmal und phantasiert darüber, was geschehen wäre, hätte Arminius die Römer nicht besiegt: Statt drei Dutzend Landesvätern hätte Deutschland wenigstens einen richtigen Nero – ein verdeckter Hieb auf die Berliner Kulturpolitik Friedrich Wilhelms IV. und seine Hofgelehrten.

Mitten in der Nacht verliert die Kutsche ein Rad (Caput XII); Heine hält den heulenden Wölfen ringsum eine persiflierende Dankesrede. Bei Paderborn (Caput XIII) sieht er im Morgennebel ein Kruzifix und stellt fest, dass Christus, der arme jüdische Vetter, weniger Glück gehabt habe als er selbst, den eine liebevolle Zensur bisher vor einer Kreuzigung bewahrt habe.

Die Capita XIV bis XVII gehören dem Barbarossa-Traum. Heine erinnert sich an die Märchen seiner Amme, darunter die Geschichte vom Kaiser Rotbart, der im Kyffhäuser schlafe, um Germania einst zu befreien. Im Schlaf erscheint ihm der Kaiser, jedoch nicht als mutiger Haudegen, sondern als seniler Greis, stolz darauf, dass die Motten seine Fahne noch nicht gefressen haben, ansonsten gleichgültig gegenüber Deutschlands Not. Da es ihm an Schlachtrossen mangele, vertröstet er den Dichter mit der Sprichwortweisheit "chi va piano, va sano". Heine klärt den Kaiser darüber auf, dass die Guillotine seit dem Mittelalter manch gekröntes Haupt entfernt habe; der Kaiser tobt, droht mit Majestätsverbrechen und verbietet weitere Reden. Heine bleibt unerschrocken und rät dem Alten, in seinem Berg zu bleiben – im Grunde brauche man gar keine Kaiser mehr. Im Caput XVII, wieder erwacht, bereut er den Streit und fleht den Kaiser im Stillen an, das alte Reich doch wiederherzustellen: Dessen modriger Plunder sei immer noch besser als das politische Zwitterwesen der Gegenwart, das weder Fleisch noch Fisch ist.

In der preußischen Festungsstadt Minden (Caput XVIII) fühlt sich Heine wie Odysseus in der Höhle des Polyphem; im unruhigen Schlaf träumt er, wie Prometheus an einen Felsen gekettet zu sein, während der preußische Adler ihm die Leber heraushackt. Nach einem Besuch des Großvaterhauses in Bückeburg (Caput XIX) erreicht er Hannover, wo König Ernst August sich, an das freiere britische Leben gewöhnt, zu Tode langweilt und am liebsten selbst erhängen möchte, geschützt nur durch die Feigheit seiner Untertanen.

Am Ziel der Reise quartiert sich Heine im zwanzigsten Caput bei seiner Mutter in Hamburg ein. Sie tischt deftig auf und stellt verfängliche Fragen nach seiner Frau, seinem Lieblingsvolk und seiner Partei; der Sohn weicht aus mit dem Hinweis, beim Fischessen müsse man schweigen, sonst bekomme man eine Gräte in den Hals. Caput XXI zeigt Hamburg nach dem großen Brand, halb zerstört, doch reichlich entschädigt – Heine spottet über das heuchlerische Selbstmitleid der Hanseaten. Im zweiundzwanzigsten Caput blickt er nostalgisch zurück: Die Hamburger erscheinen ihm wie wandelnde Ruinen, viele alte Bekannte sind gealtert oder schon verstorben.

In Caput XXIII besingt er das gute Essen und Trinken und seinen Verleger Campe, der ihn dazu einlädt. In weinseliger Stimmung erscheint ihm Hammonia, die Schutzheilige Hamburgs, und nimmt ihn mit auf ihr Kämmerlein. Dort offenbart sie ihm im vierundzwanzigsten Caput, dass er nach dem Tode Klopstocks ihr Lieblingsdichter sei, und erkundigt sich nach den Gründen seiner Reise. Mit dem Epilog in Caput XXVII schließt das Werk.

Stil

Das Werk umfasst neben einem Vorwort und einem Nachtrag 27 Capita mit mehr als 500 Strophen. Die Strophenform erinnert an die Nibelungenstrophe. Jede Strophe besteht aus vier Versen: der erste und dritte mit je vier Hebungen, der zweite und vierte mit je drei. Das Versmaß ist überwiegend jambisch. Doch die Zahl der unbetonten Senkungen schwankt, sodass häufig der Anapäst mitschwingt – ein für Volkslieder typischer Zug, der den Rhythmus freier und prosa-näher macht. Das Reimschema bleibt schlicht: Vers zwei und vier reimen sich im Kreuzreim, Vers eins und drei sind reimlos. Ebenso regelmäßig sind die Kadenzen. Die ungeraden Zeilen klingen männlich aus, die geraden weiblich. Schon in dieser nüchternen Bauform liegt eine bewusste Anknüpfung an Volkslied und Märchenton. Sie steht in spannungsvollem Kontrast zur scharfen politischen Pointe der Verse.

Sprachlich verbindet Heine bilderreiche, oft märchenhaft gefärbte Poesie mit beißendem Sarkasmus. Die Reisebeschreibung schiebt sich beständig zur Seite und gibt politischen, philosophischen und autobiografischen Betrachtungen Raum. Der Ich-Erzähler spielt offen mit dem Bild der Konterbande: Die eigentliche Schmuggelware sind die Gedanken, die er im Kopf über die Grenze trägt. Mythologische Anspielungen wie Antäus, Polyphem und Prometheus stehen neben Märchenfiguren wie Barbarossa und realen Zeitgenossen wie dem Verleger Campe oder König Ernst August. Liedhafter Ton, ironische Pointe und politische Anklage greifen so eng ineinander, dass kaum ein Caput ohne Doppelboden bleibt.

Rezeption

Heines Versepos war in Deutschland bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein heftig umstritten. Im Jahrhundert seiner Entstehung galt es vielen als Schmähschrift eines heimatlosen Vaterlandsverräters und Miesmachers. In der Zeit des Nationalsozialismus steigerte sich diese Sicht bis ins dümmlich Groteske: Das Regime verfemte Heine als jüdischen Nestbeschmutzer und verbannte seine Werke. Marx griff in Artikeln seiner "Neuen Rheinischen Zeitung" mehrfach auf das Werk zurück.

Die moderne Lesart wird durch ein entspannteres Verhältnis zu Nationalismus und Deutschtümelei im Zeichen der europäischen Integration begünstigt. Sie sieht in dem Versepos ein bedeutendes politisches Gedicht der deutschen Sprache, souverän in Witz, Bildwahl und Sprache. Ein Großteil seines Reizes liegt darin, dass die Botschaft nicht eindimensional ausfällt. Sie trägt vielmehr die Gegensätze in Heines Denken offen aus. Der Dichter zeigt sich als ein Mensch, der seine Heimat liebt und sie als kreativen Kontrast zum leichtlebigen Frankreich braucht. So wie der Riese Antäus den Boden unter den Füßen braucht, so braucht Heine den Kontakt zum Heimatland für seine schöpferische Kraft.

Exemplarisch wird in dem Werk der Bruch sichtbar, den die Julirevolution für das intellektuelle Deutschland bedeutet hatte. Der frische Wind der Freiheit erstickt in den reaktionären Bestrebungen der Restauration. Der Traum von einem demokratischen Deutschland ist auf ein Jahrhundert hinaus ausgeträumt. Deutschland. Ein Wintermärchen gilt heute als bewegendes, teils visionäres Zeugnis des Exilanten Heine. In ihm ahnt er den Untergang Preußens durch dessen Militarismus voraus. Das Werk wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen und hat über zwanzig Nachahmer gefunden. Am bekanntesten ist Wolf Biermann, der 1972 das Motiv der Wintermärchen-Reise aufgriff. Der Regisseur Sönke Wortmann nahm den Titel 2006 zum Vorbild für seinen Dokumentarfilm Deutschland. Ein Sommermärchen. Katja Riemann verband Auszüge aus dem Wintermärchen mit Liedern aus Schuberts Winterreise zu Winter. Ein Roadmovie, uraufgeführt 2012 bei den Ruhrfestspielen.

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