1956
Der Arzt von Stalingrad
Überblick↑
Der Roman Der Arzt von Stalingrad von Heinz G. Konsalik erschien 1956 im Kindler Verlag. Er erzählt von einem deutschen Lagerarzt in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Buch zählt zu den erfolgreichsten Werken des Autors und erreichte eine Weltauflage von über vier Millionen Exemplaren. Vorbild für die Hauptfigur war der Arzt Ottmar Kohler, der tatsächlich als Lagerarzt in Stalingrad wirkte. Zur Entstehungszeit war der Stoff hochaktuell.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Gegen Ende der 1940er Jahre leitet Dr. Fritz Böhler das Lazarett eines sowjetischen Kriegsgefangenenlagers nahe Stalingrad. Er ist selbst Gefangener. Gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. von Sellnow und Dr. Schultheiß versorgt er mit einfachsten Mitteln Tausende deutsche Gefangene. Wo die Lage medizinisch aussichtslos scheint, wagt Böhler improvisierte Operationen, die ihm weit über das Lager hinaus einen Ruf verschaffen.
Zwischen den deutschen Ärzten und der russischen Lagerführung herrscht anfangs ein Verhältnis der Unterwerfung. Der Lagerarzt Dr. Kresin, die Kapitänsärztin Dr. Kasalinsskaja und der Kommandant Worotilow begegnen den Gefangenen mit Misstrauen. Nach und nach entsteht etwas wie Vertrauen. Immer wieder wird es auf die Probe gestellt: durch Zwischenfälle im Lager und durch Besuche von Politkommissaren aus Moskau. Heimlich holt man Böhler zu russischen Patienten in die Stadt und in andere Lager. Und daheim in Köln wartet seine Familie auf seine Rückkehr.
Die Handlung im Detail↑
Die Erzählung setzt Ende der 1940er Jahre ein. Dr. Fritz Böhler ist Kriegsgefangener und leitet zugleich das Lazarett eines sowjetischen Lagers in der Nähe von Stalingrad, dem heutigen Wolgograd. Er gilt als Musterbild eines pflichtbewussten und entscheidungsstarken Arztes, der das ärztliche Ethos auch unter härtesten Bedingungen hochhält. Mit seinen Kollegen Dr. von Sellnow und Dr. Schultheiß hält er die medizinische Versorgung Tausender Gefangener aufrecht. Seine gewagten, improvisierten Eingriffe machen ihn im Lager und darüber hinaus bekannt, sodass er häufiger heimlich zu russischen Patienten in die Stadt und in andere Lager gebracht wird.
Das Verhältnis zu den russischen Ärzten Kresin und Kasalinsskaja sowie zum Lagerkommandanten Worotilow verändert sich im Lauf der Zeit. Aus Unterwerfung wird langsam Vertrauen, das jedoch immer wieder erschüttert wird. Auch Böhler irrt: Als Sellnow vergiftet wird, verdächtigt er die Russen. Tatsächlich stammt das Gift von einem gefundenen Wolfsköder, den niemand als solchen erkannt hatte.
Einen dunklen Strang bildet der Fall des ehemaligen Nationalsozialisten Große. Die sowjetische Geheimpolizei presst ihn zur Spitzeltätigkeit unter den eigenen Kameraden. Als er auffliegt, versuchen die Mitgefangenen, ihn in der Latrine zu ertränken. Böhler rettet ihn, doch das moralische Urteil über den Verräter bleibt vernichtend, auch bei Böhler selbst.
Die Härte der Lagerwelt wird nicht einseitig verteilt. Vom Lagerleutnant Markow, der die Deutschen hasst, heißt es, seine ganze Familie sei im Krieg umgekommen, seine Mutter und sein Bruder als ausgehungerte Zivilisten von der SS erschlagen worden. Mehrfach stellt der Roman die Frage, ob es russischen Soldaten in deutschen Lagern nicht noch schlimmer ergangen sei.
Im Jahr 1950 wird ein Teil der Gefangenen in die Heimat entlassen. Auch Böhler steht auf der Liste. In Köln wartet seine Familie. Er stellt jedoch die Verpflichtung gegenüber den Kameraden über die eigene Sehnsucht und erreicht, dass er im Lager bleiben darf. Erst 1953, mit der Entlassung der letzten Kriegsgefangenen, endet seine Zeit hinter dem Stacheldraht.
Stil↑
Erzählt wird überwiegend aus der Sicht eines unpersönlichen, allwissenden Erzählers, der die Gefühle der Figuren kennt, vor allem die der deutschen. Unterbrochen wird dieser Erzählfluss durch kurze Ich-Passagen, die mit der Überschrift „Aus dem Tagebuch des Dr. Schultheiß“ eingeleitet werden. Den Charakter echter Tagebucheinträge haben sie allerdings kaum.
Die Sprache ist auf leichte Lesbarkeit angelegt. Sie bleibt volksnah und wird stellenweise drastisch, etwa in Schimpfwörtern wie „deutsches Schwein“ oder „Russensau“ und in Ausbrüchen wie „Man sollte sie allesamt umbringen!“.
Bei allem historisch-politischen Hintergrund ist das Buch zuallererst ein Unterhaltungsroman, zugeschnitten auf den Geschmack eines breiten deutschsprachigen Publikums. Das vermittelte Geschichts- und Menschenbild ist zwiespältig. Einerseits erscheinen die russischen Figuren, sofern sie nicht die kommunistische Führung vertreten, als ebenso verantwortungsvolle und fehlbare Menschen wie die Deutschen; die Verantwortung für das Elend der Gefangenen wird den Nationalsozialisten und ihrem Angriffskrieg zugeschrieben. Andererseits transportiert der Roman auf vielen Ebenen eine Vorstellung deutscher Überlegenheit: Die deutschen Ärzte gelten meist als fähiger, die Deutschen insgesamt als technisch und gesellschaftlich fortgeschrittener. Die zweifelhaften Gestalten stehen überwiegend auf russischer Seite. Offen rassistisch wird die Darstellung, wo asiatische Angehörige der Sowjetvölker auftreten: Sie erscheinen als grausam, primitiv oder fanatisch, wobei äußere Merkmale herausgestellt werden.
Rezeption↑
Zum Publikumserfolg wurde der Roman rasch und dauerhaft. Er erschien in einer Vielzahl von Auflagen, dazu in Lizenzausgaben anderer Verlage und in Buchgemeinschaften wie dem Bertelsmann Lesering. Insgesamt wurde er etwa vier Millionen Mal verkauft.
Bereits 1958 kam eine Verfilmung unter dem Titel Der Arzt von Stalingrad in die Kinos, mit O. E. Hasse in der Hauptrolle.
Auch über das Buch hinaus wirkte die Geschichte. Das reale Vorbild Ottmar Kohler wurde bei seiner Rückkehr zu Neujahr 1954 von Bundeskanzler Konrad Adenauer persönlich begrüßt. Er geriet, nicht zuletzt durch Konsaliks romantisierende Darstellung, unfreiwillig in die Rolle des Vorzeigebeispiels für den „guten Deutschen“ in Krieg und Gefangenschaft.
Die Literaturwissenschaft hat sich später mit dem Buch befasst. Matthias Harder untersuchte 1999 die Struktur des Romans im Rahmen einer Studie über die Darstellung des Zweiten Weltkriegs bei Konsalik. Christian Adam ordnete das Werk 2016 in seine Darstellung der Bücherwelt nach 1945 ein.
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