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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Archipel Gulag
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Cover Der Archipel Gulag
Der Archipel Gulag
1973
– Werkseintrag –

Der Archipel Gulag

1973 · Autobiografie

Aus den Berichten von mehr als zweihundert Überlebenden formte ein Nobelpreisträger die eindringliche Darstellung des sowjetischen Lagersystems.

Überblick↑

Das Werk Der Archipel Gulag ist ein historisch-literarisches Buch des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Issajewitsch Solschenizyn, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Es erschien am 28. Dezember 1973 in Frankreich und gilt als sein Hauptwerk. Der Titel bezeichnet das sowjetische Lagersystem als einen über das ganze Land verstreuten Archipel, eine abgeschlossene Inselwelt der Unterdrückung und Entmenschlichung. Gulag ist dabei die Abkürzung für die russische Bezeichnung der Hauptverwaltung der Umerziehungs- und Arbeitslager. Das Buch zählt zu den bekanntesten Werken der Samisdat-Literatur, jener Schriften, die in der Sowjetunion heimlich entstanden und im Untergrund verbreitet wurden. Mit dem Bild der Inselwelt nimmt Solschenizyn den Titel des Werks Die Insel Sachalin von Anton Tschechow auf, der darin Zwangsarbeit und Verbannung im Zarenreich beschrieb.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Über sieben große Teile hinweg entfaltet Solschenizyn das Bild des sowjetischen Lagersystems. Er beginnt mit der „Gefängnisindustrie“, die seit der Oktoberrevolution aufgebaut wurde, und vergleicht die Zustände im sowjetischen Justizapparat mit denen der Zarenzeit. Dabei nennt er die Namen von Opfern und Tätern und zeigt, wie oft nicht eine Straftat oder ein bloßer Verdacht zur Verhaftung führte, sondern wirtschaftliche Erwägungen und der Bedarf an Arbeitskräften.

Weiter verfolgt der Autor die „Häftlingsströme“, die durch Untersuchungsgefängnisse und lange Transporte in die Straflager fließen. Er schildert die Lagerwelt, die Rangordnung unter den Gefangenen und den Alltag zwischen Arbeit, Hunger und Willkür. Später wendet er sich dem Seelenleben der Häftlinge zu und fragt, wie Haft und Ungewissheit den Menschen verändern. Auch das Leben der Verbannten und die Auswirkungen der Angst auf die Bevölkerung in Freiheit kommen zur Sprache. Ein abschließender Teil richtet den Blick kritisch auf die Zeit der 1960er Jahre.

Die Handlung im Detail↑

Sieben Teile bilden das Gerüst des Werks. Im ersten Teil, „Die Gefängnisindustrie“, schildert Solschenizyn den Ausbau der sowjetischen Haftmaschinerie seit der Oktoberrevolution. Er vergleicht sie mit dem Justizwesen der Zarenzeit und nennt Namen von Opfern und Tätern. Bemerkenswert ist, dass die Täter oft schon wenige Jahre später mit der nächsten Verhaftungswelle selbst zu Opfern werden und im Archipel landen. Ausschlaggebend für eine Verhaftung war häufig nicht die Straftat, sondern der Bedarf an Arbeitskräften. Als Haupttäter benennt Solschenizyn Stalin, zieht aber zugleich eine direkte Linie von den Grausamkeiten der Revolutionszeit und des Bürgerkriegs unter Lenin zu Stalin.

Der zweite Teil, „Ewige Bewegung“, behandelt die „Besiedlung“ des Archipels durch die Häftlingsströme, die ab 1917 bis in die Entstehungszeit des Buches durch Untersuchungsgefängnisse und landesweite Transporte in die Lager fließen. Im dritten Teil, „Arbeit und Ausrottung“, beschreibt der Autor den Weg der Häftlinge von der Einlieferung bis zum Tod durch Mangelernährung, Erschöpfung, Krankheit oder durch sadistische Bewacher. Er schildert die repräsentativen, oft falsch geplanten oder nutzlosen Bauwerke der Stalinzeit und das Schicksal der daran beteiligten Gefangenen. Auch die fein abgestufte Rangordnung wird deutlich: Kriminelle wurden milder bestraft und besser behandelt, weil sie nicht als klassenfremd galten, während politische Gegner als Konterrevolutionäre schikaniert wurden. Fluchtversuchen setzten die Weite des Landes, die Witterung und die Niedergeschlagenheit der Häftlinge enge Grenzen.

Im vierten Teil, „Seele und Stacheldraht“, wagt Solschenizyn einen Blick in das Innere der Gefangenen. Er zeigt, wie die zeitlich festgelegte Gefängnishaft und die ungewiss lange Lagerhaft die Menschen verändern. Rücksicht, Hilfe oder etwas Positives zu lernen sei kaum möglich gewesen, denn das Lagerleben war so eingerichtet, dass „auf einen Überlebenden ein oder zwei Tote kommen.“ Die Essensrationen wurden nicht gleichmäßig verteilt, sondern so, dass mindestens zwei Häftlinge darum kämpfen mussten. Im letzten Kapitel wendet sich der Autor der Bevölkerung in Freiheit zu und beschreibt, wie viele Menschen in einem Klima der Angst und des Misstrauens lebten, nur durch List überleben konnten und manche sogar bis zum Verrat getrieben wurden.

Der fünfte Teil, „Die Katorga kommt wieder“, und der sechste, „In der Verbannung“, widmen sich der Psychologie der Gulag-Bewohner und vergleichen das Schicksal der Verbannten mit dem der Inhaftierten in den berüchtigten Gefängnissen. Der siebte Teil, „Nach Stalin“, schließt mit einem kritischen Ausblick auf die Zeit der 1960er Jahre.

Stil↑

Aus einer Fülle von Zeugenaussagen speist sich das Werk. Nachdem der Kurzroman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch 1962 in der Sowjetunion erscheinen durfte, wandten sich viele ehemalige Lagerhäftlinge an Solschenizyn. Mehr als zweihundert Personen, die zwischen 1918 und 1956 inhaftiert waren, schrieben ihm oder suchten das Gespräch. Diese Berichte bilden zusammen mit den eigenen Erlebnissen des Autors sowie öffentlichen und geheimen Dokumenten die Grundlage des Buches.

Solschenizyn schrieb einerseits als treuer Chronist, der die Schicksale der Opfer getreu wiedergab, andererseits verdichtete er ihre Erlebnisse literarisch. Diese dichterische Anlage kommt schon im Untertitel „Versuch einer künstlerischen Bewältigung“ zum Ausdruck. So wirkt das Werk teilweise wie ein Sachbuch oder eine wissenschaftliche Arbeit, samt biografischem Namensverzeichnis, Abkürzungsverzeichnis und zahlreichen Anmerkungen in der Fußzeile. Zugleich ist es streckenweise ein zynisch gehaltenes politisch-literarisches Manifest, ein Pamphlet und eine Anklage gegen Justiz und Lagerwesen der Sowjetunion. Im Kern bleibt es den Opfern gewidmet und versteht sich als Erinnerung und Würdigung ihres Lebens und Leidens.

Rezeption↑

Kurz nach der Veröffentlichung wurde Solschenizyn am 13. Februar 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesen. Er lebte danach in Zürich und später siebzehn Jahre lang im US-Staat Vermont, ehe er 1994 nach Russland zurückkehrte. Im Westen galt das Buch als wichtiges politisch-literarisches Zeitzeugnis im Kalten Krieg, und der Titel gab der Straflagerregion der Sowjetunion ihren Namen. In den USA und England verstärkte der Bericht die Ablehnung des kommunistischen Systems sowjetischer Prägung. In der Populärkultur wurde das Wort „Gulag“ zum Synonym für Verbannung und Vernichtung.

In der Bundesrepublik Deutschland waren kritische Haltungen gegenüber der Sowjetunion bereits so verbreitet, dass Solschenizyn sogar von Vertretern der Neuen Linken in Schutz genommen wurde. Dennoch entwickelte sich eine lebendige Diskussion über den Inhalt. Die Darstellung der Nazi-Kollaborateure und der Gestapo wurde von linken Intellektuellen wie Friedrich Hitzer heftig kritisiert. In den romanischen Ländern, besonders in Frankreich, wandten sich viele Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler von den kommunistischen Parteien und teils vom Sozialismus überhaupt ab. Diese Bewegung schwächte die kommunistischen Parteien in Italien, Frankreich und Spanien. Es folgten schwere ideologische Kämpfe darüber, ob das Sowjetmodell weiter bedingungslos unterstützt werden solle oder ob ein Kommunismus unter Wahrung der Menschenrechte anzustreben sei. Diese als „Eurokommunismus“ bezeichnete Richtung setzte sich in Italien unter Enrico Berlinguer durch.

In Polen veröffentlichten in den 1980er Jahren einige oppositionelle Verlage der Bewegung Solidarność das Buch. Die Einnahmen flossen einem von Solschenizyn gegründeten Hilfsfonds zu, mit dessen Mitteln Dissidenten in der UdSSR politische Häftlinge und deren Familien unterstützten und der auch nach 1991 ehemaligen Häftlingen half. Die archivgestützte wissenschaftliche Erforschung des Stalinismus hat Solschenizyns subjektive Quellenarbeit seither um weitere Aspekte ergänzt, etwa um die wirtschaftliche Rolle der Lager bei großen Bauprojekten wie dem Weißmeer-Ostsee-Kanal.

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