1918 – 2008
Alexander Issajewitsch Solschenizyn
Kurzbiografie↑
Alexander Issajewitsch Solschenizyn war ein russischer Schriftsteller und Systemkritiker, der 1970 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Geboren 1918 in Kislowodsk, erlebte er selbst acht Jahre Haft in den Arbeitslagern des sowjetischen Gulag, ehe er zum unnachgiebigen Chronisten des stalinistischen Terrors wurde. Sein literarisches Hauptwerk Der Archipel Gulag schildert die Verbrechen des Regimes an Millionen Menschen. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte lange im westlichen Exil, bevor er 1994 nach Russland zurückkehrte. Dort starb er 2008 in Moskau.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Solschenizyn zunächst bei den Großeltern. Sein Vater, ein Kosak, starb vor seiner Geburt, und seine Mutter war schwer krank. Bei den Großeltern lernte er den russisch-orthodoxen Glauben sowie russische Sitten und Gebräuche kennen. 1924 zog die Mutter nach Rostow am Don, wo er zur Schule ging. Schon mit neun Jahren wollte er Schriftsteller werden. 1936 legte er das Abitur ab und begann ein Studium der Mathematik und Physik in Rostow. Eigentlich hatte er in Moskau Literatur studieren wollen, doch dazu fehlte das Geld. In seiner Jugend begeisterte er sich für die Anschauungen Lenins.
Am 7. April 1940 heiratete er die Chemikerin Natalja Alexejewna Reschetowskaja. Ein Jahr später wurde er zur Roten Armee eingezogen. Im Deutsch-Sowjetischen Krieg diente er als Batteriechef einer Artillerieeinheit in einer Schallmesstruppe und nahm an der Schlacht bei Kursk, der Operation Bagration und den Kämpfen in Ostpreußen teil. Seine Erlebnisse als Offizier verarbeitete er später in Gedichtform im Band Ostpreußische Nächte und in der Erzählung Schwenkitten ’45. Als Hauptmann wurde er mit dem Orden des Großen Vaterländischen Krieges und dem Orden des Roten Sterns ausgezeichnet.
Im Februar 1945 wurde er überraschend an der Front verhaftet, weil er in Briefen an einen Freund Kritik an Stalin geübt hatte. Ohne Gerichtsverhandlung verurteilte man ihn nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches zu acht Jahren Haft und anschließender „ewiger Verbannung“. Zunächst kam er in ein Sonderlager für Wissenschaftler in Marfino, wo er Lew Kopelew kennenlernte. Diese Erfahrungen flossen in den Roman Der erste Kreis der Hölle ein. Weil er sich weigerte, an vorgegebenen wissenschaftlichen Themen zu arbeiten, wurde er in den Lagerkomplex Ekibastus in Kasachstan verlegt und arbeitete dort in einer Gießerei. In den Lagern erlebte er den täglichen Kampf ums Überleben, Hunger und Aufstände. Der frühere Atheist und Kommunist bekannte sich später nachdrücklich zum orthodoxen Christentum.
1951 erkrankte er an Krebs; das Geschwür wurde im Lagerkrankenhaus operiert. 1952, ein Jahr vor seiner Entlassung, ließ sich seine Frau von ihm scheiden, zunächst im gegenseitigen Einverständnis, um weiteren Repressalien zu entgehen. Im Februar 1953 wurde Solschenizyn aus der Haft entlassen und trat die Verbannung im Dorf Berlik in der Steppe Kasachstans an. Kurz nach seiner Ankunft erfuhr er vom Tod Stalins. Schließlich fand er eine Anstellung als Dorfschullehrer für Mathematik, Physik und Astronomie. Ende 1953 musste er sich wegen eines Tumors in einem Taschkenter Krankenhaus behandeln lassen; die Überlebenschance lag anfangs unter dreißig Prozent. Diese Zeit verarbeitete er später im Roman Krebsstation.
Während der Tauwetter-Periode wurde er 1957 rehabilitiert, die Verbannung aufgehoben. Er lebte danach in Rjasan und arbeitete als Lehrer. Im selben Jahr heiratete er Natascha erneut. Sie unterstützte ihn und ermöglichte es ihm, seine Unterrichtsverpflichtungen zugunsten des Schreibens zu verringern. 1962 verfasste er die Novelle Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch über den Lageralltag eines Gefangenen. Chruschtschow lernte die Erzählung kennen. Wenig später erschien August Vierzehn, der erste Teil der später unter dem Titel Das rote Rad verbreiteten Trilogie über die Geschichte Russlands im Ersten Weltkrieg. 1967 rief er auf dem Schriftstellerkongress zur Abschaffung der Zensur auf. 1969 wurde er aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen. In dieser Zeit fand er Aufnahme in der Datscha des Cellisten Rostropowitsch, der ihn öffentlich verteidigte und selbst in Ungnade fiel. 1971 vergiftete ihn ein KGB-Agent mit einem Rizin-Gel, was eine schwere Erkrankung auslöste.
1972 ließen sich Solschenizyn und Natascha erneut scheiden. 1973 heiratete er die Mathematikerin Natalja Dmitrijewna Swetlowa; das Paar hatte drei Söhne. Noch vor der Veröffentlichung gelangte der KGB an ein Manuskript des ersten Bandes von Der Archipel Gulag. Solschenizyn veröffentlichte das Buch unter Zeitdruck im Tamisdat. Am 13. Februar 1974 wurde er verhaftet, wegen Landesverrats angeklagt und bereits am nächsten Tag aus der Sowjetunion ausgewiesen und nach Frankfurt am Main ausgeflogen. Zunächst fand er Aufnahme bei Heinrich Böll, später lebte er in der Schweiz. 1976 siedelte die Familie in die USA über und ließ sich in Cavendish im Bundesstaat Vermont nieder. In diesen Jahren erschienen weitere Bände des Archipel Gulag sowie Die Eiche und das Kalb.
Nach Gorbatschows Glasnost und Perestroika wurde Solschenizyn 1989 wieder in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen. 1990 erhielt er seine Staatsbürgerschaft zurück, 1991 wurde die Anklage aufgehoben, im selben Jahr zerfiel die Sowjetunion. Am 27. Mai 1994 kehrte er nach Russland zurück und wurde zunehmend zur Leitfigur der national denkenden Kräfte. 1997 wurde er in die Russische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. In seinem zwischen 2002 und 2004 erschienenen Werk Zweihundert Jahre zusammen äußerte er sich zur russisch-jüdischen Geschichte. Alexander Solschenizyn starb am 3. August 2008 im Alter von 89 Jahren in seinem Moskauer Haus an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Beisetzung fand am 6. August 2008 im Moskauer Donskoi-Kloster statt.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Solschenizyns Schreiben ist die enge Verbindung von eigenem Erleben und literarischer Gestaltung. Immer wieder machte er die Zeit in Haft und Verbannung zum Stoff seiner Bücher: Das Sonderlager in Marfino wurde zum Roman Der erste Kreis der Hölle, die Krebsbehandlung in Taschkent zur Krebsstation, der graue Lageralltag zur Novelle Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch. Er sah es als seine Aufgabe, den zum Schweigen Gebrachten seine Stimme zu leihen, und zog sich zum Schreiben oft in abgelegene Hütten zurück.
Sein Werk reicht dabei über unterschiedliche Formen hinweg: von der knappen Novelle über den breit angelegten historischen Zyklus Das rote Rad bis zur dokumentarischen Aufarbeitung des Lagersystems im Archipel Gulag. Auch die Lyrik nutzte er, um seine Kriegserfahrungen in Ostpreußische Nächte festzuhalten. Nach seiner eigenen geistigen Wandlung im Lager trat das Bekenntnis zum orthodoxen Christentum immer deutlicher hervor und prägte seine Sicht auf Leid und menschliche Entwicklung.
Rezeption↑
Aufgenommen wurde Solschenizyns Werk im Westen wie in Russland höchst unterschiedlich, je nach Schaffensphase. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew nannte ihn in einem Nachruf den „mutigsten Schriftsteller in der gesamten Geschichte Russlands“; er habe „allein gegen das sowjetische Imperium gekämpft“ und letztlich gesiegt. Die westliche Rezeption seiner literarischen, historischen und politischen Schriften in der Bundesrepublik, in Großbritannien und den USA hat die Komparatistin Elisa Kriza 2014 in einer eigenen Studie kritisch untersucht.
Sein Spätwerk stieß dagegen auf scharfe Kritik. Für das zweibändige Zweihundert Jahre zusammen, das die jüdisch-russische Geschichte darstellt, erntete er im In- und Ausland harschen Widerspruch, da es mehrere als antisemitisch auslegbare Ansätze enthält. Anstoß erregte vor allem seine Behauptung, Russen und Juden müssten die Verantwortung für das frühe sowjetische Terrorregime teilen. Kritiker bemängelten zudem seine selektive Zitierweise, dass er kaum westliche Forschungsliteratur heranzog und sich auf ein veraltetes Nachschlagewerk stützte. Anders als bei seinen früheren Büchern blieb das öffentliche Interesse an diesem Werk in Russland gering.
Seit 2006 gibt der Moskauer Verlag Wremja eine auf dreißig Bände angelegte Edition seines Gesamtwerks heraus. Zu seinem hundertsten Geburtstag 2018 erschien darin der Band Die Eiche und das Kalb; der Archipel Gulag füllt die Bände vier bis sechs.
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