1828
Der Alpenkönig und der Menschenfeind
Überblick↑
Das romantisch-komische Zauberspiel Der Alpenkönig und der Menschenfeind von Ferdinand Raimund gehört zu den bekanntesten Stücken des Wiener Volkstheaters. Es verbindet die Zauberwelt eines Bergkönigs mit einer bürgerlichen Familiengeschichte und der Frage, wie ein verbitterter Mensch zu sich selbst zurückfindet. Die Uraufführung fand am 17. Oktober 1828 im Theater in der Leopoldstadt statt – als Benefizvorstellung für den Dichter. Das Werk trägt den Untertitel eines romantisch-komischen Original-Zauberspiels in zwei Aufzügen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Herr von Rappelkopf, ein Mann, der durch schlimme Erfahrungen zum Menschenfeind geworden ist. Er misstraut allen Menschen, seiner treuen Frau Sophie ebenso wie den Dienstboten, und wittert überall Verrat und Mordabsichten. Besonders erbost ihn, dass seine Tochter Malchen den jungen August liebt, der gerade von seinem Studienaufenthalt in Italien zurückkehrt. Weil Sophie das junge Paar unterstützt, richtet sich Rappelkopfs Zorn auch gegen sie.
In diese verfahrene Lage tritt Astragalus, der Alpenkönig, eine mächtige Zaubergestalt der Bergwelt. Er verspricht den Liebenden zu helfen und nimmt sich vor, den Menschenfeind zu bekehren. Wie er das anstellt, entfaltet sich zwischen komischen Auftritten der Dienerschaft, dem wachsenden Jähzorn des Hausherrn und dem Eingreifen der Zauberwelt. Das Werk hält die Spannung, ob und wie Rappelkopf seine Verbitterung überwinden kann.
Die Handlung im Detail↑
Während Astragalus mit seinem Gefolge von der Jagd heimkehrt, wartet Malchen auf die Rückkehr ihres Geliebten August aus Italien. Ihr Vater Rappelkopf ist strikt gegen diese Verbindung. Aus schlimmen Erfahrungen ist er zum Menschenfeind geworden; er hasst sogar seine ihn dennoch liebende Gattin Sophie, nur weil sie das Paar unterstützt. Seinen drei früheren, verstorbenen Frauen wirft er vor, „aus Bosheit“ gestorben zu sein.
Als der Alpenkönig erscheint, läuft Malchens Kammermädchen Lieschen entsetzt davon, denn sie ist überzeugt, dass jedes Mädchen, das den Alpenkönig erblickt, im selben Augenblick um vierzig Jahre altert. Astragalus verspricht Malchen und August, für eine baldige Hochzeit zu sorgen. In Rappelkopfs Haus klagt die Dienerschaft über die ungerechte Behandlung; Sophie beruhigt sie mit der Nachricht, sie habe ihren Bruder Silberkern gerufen, damit dieser ein ernstes Wort mit dem Hausherrn rede.
Doch Rappelkopf ist überzeugt, sein Schwager habe ihn beim Ruin eines venezianischen Kaufhauses übervorteilt und arm gemacht. Als er erfährt, dass die jungen Leute sich heimlich getroffen haben, beschuldigt er seine Frau, ihn zu hintergehen. Und als der Diener Habakuk mit einem Küchenmesser Zichorien stechen gehen will, verdächtigt Rappelkopf den völlig Verblüfften, ihn im Auftrag Sophies ermorden zu wollen. Er zerschlägt seine Möbel und läuft wütend in den Wald hinaus.
Dort kommt er zur armseligen Hütte eines Kohlenbrenners und bietet ihm Geld, damit dieser mit seiner Familie auszieht und ihm die Hütte überlässt. Die Köhlersleute sind bald überredet, verlassen ihr Zuhause aber traurig mit einem Abschiedslied: „So leb' denn wohl, du stilles Haus, / Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.“ Astragalus tröstet unterdessen die verzweifelte Familie und die Bediensteten und verspricht, den Menschenfeind rasch zu bekehren.
Durch ein Hochwasser zwingt er Rappelkopf, seinem Plan zuzustimmen: Astragalus verwandelt sich in Rappelkopf, und diesen lässt er die Gestalt Silberkerns annehmen. So muss Rappelkopf mit ansehen, wie sein eigenes Ebenbild brutal und ungerecht mit seiner Familie und dem Gesinde umspringt. Anfangs ist er mit dieser rauen Art durchaus einverstanden, bald aber wird es selbst ihm zu viel: „Ich bin ja ein rasender Mensch! Ich fang' mir ordentlich an, selbst zuwider zu werden.“ Zugleich muss er erleben, dass die von ihm so gequälte Umgebung dennoch zu ihm hält und nur hofft, es möge sich zum Besseren wenden.
Als sein Ebenbild die Familie verflucht, fordert der wütende Rappelkopf Astragalus zum Duell – Rappelkopf soll also auf Rappelkopf schießen, was in seinen Augen Selbstmord wäre. Doch Astragalus springt aus Wut und Verzweiflung in den Wildbach. In diesem Augenblick werden Rappelkopf und seine Familie in den Tempel der Erkenntnis versetzt. Dort gelobt er Besserung – auch weil Silberkern von der Rettung seines Vermögens berichtet. Er führt Malchen und August zusammen und schließt seine Gattin um Verzeihung bittend in die Arme: „Kinder, ich bin ein pensionierter Menschenfeind, bleibt bei mir, und ich werde meine Tage ruhig im Tempel der Erkenntnis verleben.“
Stil↑
Als romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen steht das Werk in der Tradition des Wiener Volkstheaters. Raimund verbindet zwei Welten miteinander: die bürgerliche Familienstube mit ihren alltäglichen Sorgen und die Zauberwelt des Alpenkönigs, die von außen eingreift und das Geschehen lenkt. Kern des Stücks ist ein kunstvoller Kunstgriff: Der Menschenfeind wird geheilt, indem er sich selbst als Fremden erlebt und dabei die eigene Bosheit von außen betrachtet.
Die Sprache lebt von Wiener Ton und Witz. Nebenfiguren wie der Diener Habakuk sorgen mit ihren Redensarten für Komik, so mit dem wiederkehrenden Stolz, zwei Jahre in Paris gewesen zu sein. Neben den gesprochenen Szenen stehen Lieder, etwa das gefühlvolle Abschiedslied der Köhlersleute, das den heiteren Ton für einen Moment ins Rührende wendet. So mischen sich Volksstück-Komik, Zauberapparat mit Verwandlungen und Naturgewalten sowie eine erbauliche Grundabsicht. Der Weg des grimmigen Rappelkopf führt vom Jähzorn zur Selbsterkenntnis, und aus dem Menschenfeind wird am Ende, mit einem versöhnlich-komischen Wort, ein „pensionierter Menschenfeind“.
Rezeption↑
Bereits die Umstände der ersten Aufführung deuten auf Raimunds Ansehen: Das Stück wurde 1828 als Benefizvorstellung für den Dichter selbst im Theater in der Leopoldstadt gegeben. Es gehört zu den Zauberspielen, mit denen sich Raimunds Name verband, und zählt zu den bekannten Werken des Alt-Wiener Volkstheaters. Die Verbindung von heiterer Volksbühne, Zauberwelt und einer sittlichen Wandlung – vom verbitterten Sonderling zum versöhnten Familienvater – hat das Stück über seine Entstehungszeit hinaus lebendig gehalten.
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