1790 – 1836
Ferdinand Raimund
Kurzporträt↑
Ferdinand Raimund, geboren am 1. Juni 1790 in Wien-Mariahilf, war ein österreichischer Schauspieler und Dramatiker. Gemeinsam mit Johann Nestroy zählt er zu den Hauptvertretern des Alt-Wiener Volkstheaters. Aus einfachen Verhältnissen kommend, arbeitete er sich vom Zuckerbäckerlehrling zum gefeierten Bühnenkünstler empor. In seinen Zaubermärchen wie Der Bauer als Millionär und Der Alpenkönig und der Menschenfeind verband er volkstümliche Unterhaltung mit genauer Menschenbeobachtung. Von Depressionen und der panischen Furcht vor der Tollwut gezeichnet, nahm er sich 1836 das Leben.
Biografie↑
Als Sohn des Kunstdrechslers Jakob Raimann kam Ferdinand Raimund – eigentlich Ferdinand Jakob Raimann – am 1. Juni 1790 im Haus Mariahilf 10 zur Welt. Sein Vater stammte aus Prag und hatte in Wien eine eigene Werkstatt gegründet. Ferdinand war das zwölfte oder dreizehnte Kind seiner Eltern; die meisten Geschwister waren früh gestorben. Trotz bescheidener Verhältnisse besuchte er die angesehene St.-Anna-Normalhauptschule, wo er unter anderem Französisch und Violinspiel lernte.
Der Tod der Mutter 1802 und des Vaters 1804 beendete die Schulzeit des Vierzehnjährigen. Ab 1805 machte er eine Lehre beim Zuckerbäcker Jung. Als „Numero“ bot er im Nationaltheater, dem späteren Burgtheater, in den Spielpausen Süßwaren an und kam so erstmals mit dem Theater in Berührung. Besonders der Schauspieler Ferdinand Ochsenheimer imponierte ihm; dessen Spielweise ahmte er jahrelang bis ins Detail nach.
Um selbst Schauspieler zu werden, verließ er 1808 die Zuckerbäckerei. Erste Versuche, in Wien engagiert zu werden, blieben vergeblich. In Meidling wurde er wegen eines Sprachfehlers abgelehnt, in Pressburg schon einen Tag nach seinem Debüt entlassen. Von 1809 bis 1814 zog er mit verschiedenen Wandertruppen durch Westungarn, unter anderem in Steinamanger, Ödenburg und Raab. Dort gefiel er in den Rollen des Intriganten und des komischen Alten.
1814 kehrte Raimund nach Wien zurück und trat am 13. April erstmals am Theater in der Josefstadt auf. Der künstlerische Durchbruch gelang ihm am 28. März 1815 als eifersüchtiger Geiger Adam Kratzerl in der Posse Die Musikanten am Hohen Markt. Das Stück hatte ihm Josef Alois Gleich geschrieben, sein späterer Schwiegervater. Wegen des großen Erfolgs folgten bis 1817 mehrere Fortsetzungen, die seine Popularität als Volksschauspieler begründeten. Ab Januar 1816 übernahm er zusätzlich die Aufgaben eines Regisseurs und bestand dabei auf präziser Probenarbeit.
Am 4. Oktober 1817 wechselte Raimund an das Leopoldstädter Theater. Hier spielte er neben den beliebten Kollegen Ignaz Schuster und Friedrich Josef Korntheuer, führte Regie und begann, Stücke für seine Benefizabende selbst zu schreiben. In diese Zeit fielen die Bekanntschaft mit Toni Wagner und die unglückliche Ehe mit Louise Gleich. Die 1820 geschlossene Ehe wurde 1822 wieder geschieden; seit 1821 war Toni Wagner seine Lebensgefährtin.
Im Sommer 1826 verfiel Raimund erstmals einer panischen Angst vor einer Tollwut-Ansteckung und brach ein Gastspiel in München überstürzt ab. Von dieser Phobie kam er nicht mehr los. Von April 1828 an war er artistischer Direktor des Leopoldstädter Theaters. Der Eigentümer Rudolf Steinkeller bereitete ihm jedoch durch Eingriffe in den Personalstand große Schwierigkeiten. Im August 1830 legte er den Posten frustriert zurück und beschränkte sich auf Gastrollen im Theater an der Wien sowie in München und Hamburg.
Sein Ehrgeiz, eigentlich zum Tragiker geboren zu sein, blieb unerfüllt: Seine großen Erfolge feierte er in komischen Charakterrollen. Immer wieder suchten ihn Depressionen heim. 1834 zog er sich auf sein Gut in Gutenstein zurück. Am 1. Mai 1836 stand er in Hamburg zum letzten Mal auf der Bühne. Als ihn am 25. August 1836 ein Hund biss, den er für tollwütig hielt, erwachte seine alte Furcht. In der Nacht vom 29. auf den 30. August versuchte er sich zu erschießen. An den Folgen der Schussverletzung starb Ferdinand Raimund am 5. September 1836 im Alter von 46 Jahren in einem Gasthof in Pottenstein. Er liegt auf dem Bergfriedhof in Gutenstein begraben.
Literarische Merkmale↑
Sein Weg zum Bühnenautor führte über das Alt-Wiener Volkstheater, dessen Formen er zunächst übernahm und dann erweiterte. Sein Debüt als Schriftsteller gab er mit der Posse Der Barometermacher auf der Zauberinsel, die auf einem Märchen aus Wielands Sammlung Dschinnistan beruht. Schon hier zeigte sich seine Entwicklung zur Charakterkomik. Die Zauberposse mit Gesang Der Diamant des Geisterkönigs blieb der romantischen Fortentwicklung des barocken Theaters verhaftet, löste sich aber von den überlieferten Rollenklischees.
Nach einer Nervenkrise 1825 entstand eine Reihe von Zaubermärchen, in denen Raimund meist selbst die Hauptrolle spielte. Mit dem scheinbar traditionellen Der Bauer als Millionär erweiterte er die Möglichkeiten des Volkstheaters. In oft stark verknappten Dialogen hob er menschliche Schicksale und Verhaltensweisen ins Typische. Die Handlung entwickelte er aus genauer Beobachtung kleinbürgerlichen und bäuerlichen Verhaltens. Eine Sonderstellung nimmt das Ideendrama Die gefesselte Phantasie ein, das mit seiner pathetischen, weitgehend in Versen gehaltenen Kunstsprache aus dem übrigen Werk herausfällt. Im romantisch-komischen Zauberspiel Der Alpenkönig und der Menschenfeind dient die Geisterwelt nur noch als Folie für eine psychologisch fein gestaltete Fabel um menschliche Selbsterkenntnis. Als Darsteller wirkte Raimund durch facettenreiche, psychologisch komplexe Charaktere, durch Verwandlungskunst, körperliche Behendigkeit und artistische Sprachfertigkeit.
Rezeption↑
Über die Jahre wuchs Raimund in mehr als 170 Rollen zum gefeierten Darsteller Wiener Kleinbürger, in denen sich das Publikum wiedererkannte. Der Erfolg als Adam Kratzerl 1815 entschied laut dem Literaturhistoriker Otto Rommel über sein Leben und seine Kunst. Sein Zaubermärchen Der Bauer als Millionär wurde nach Auskunft der Neuen Deutschen Biographie zu einem überwältigenden Erfolg in ganz Europa, während Der Alpenkönig und der Menschenfeind beim Publikum großen Anklang fand. Andere Stücke wie das Besserungsstück Moisasurs Zauberfluch wurden seltener gespielt.
Gemeinsam mit Johann Nestroy gilt Raimund als einer der Hauptvertreter des Alt-Wiener Volkstheaters. Sein Nachleben ist in Wien und Niederösterreich vielfach sichtbar. Sein Geburtshaus in Wien-Mariahilf und das nach ihm benannte Raimund-Theater bestehen seit 1893, in Gutenstein wurde 1966 eine Gedenkstätte eingerichtet. Seit 1936 gibt die Raimund-Gesellschaft einen Raimund-Almanach heraus. Zum 200. Geburtstag 1990 gab die Österreichische Bundespost eine Briefmarke heraus. Sein Werk ist in zahlreichen Gesamt- und Werkausgaben überliefert, darunter eine historisch-kritische Säkularausgabe in sechs Bänden.
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