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Porträt Miklós Radnóti
Miklós Radnóti
1909 – 1944
– Autorenporträt –

Miklós Radnóti

1909 – 1944 · 35 Jahre

Ungarischer Dichter, der 1944 auf einem Gewaltmarsch erschossen wurde – seine letzten Gedichte fand man anderthalb Jahre später in der Jackentasche des Toten.

Kurzbiografie↑

Miklós Radnóti zählt zu den größten ungarischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1909 in Budapest als Miklós Glatter, in einer jüdischen Familie, die längst in der ungarischen Gesellschaft aufgegangen war. Sein Leben endete im November 1944: Nach Zwangsarbeit und einem Gewaltmarsch quer durch Ungarn wurde er zusammen mit 21 Mitgefangenen erschossen. In der Tasche seiner Jacke fand man bei der Exhumierung ein Notizheft mit seinen letzten Gedichten. Diese Umstände haben sein Werk untrennbar mit dem Gedächtnis an den Holocaust verbunden.


Biografie↑

Als Miklós Glatter kam der Dichter am 5. Mai 1909 in der Kádár utca 8 in Budapest zur Welt. Seine Geburt war zugleich ein doppelter Verlust: Die Mutter Ilona Grósz starb, ebenso der namenlos gebliebene Zwillingsbruder. Der Vater Jakab Glatter arbeitete als Handelsreisender. Den Namen Radnóti leitete der Sohn später von Radnót ab, dem Ort, in dem der Großvater Jónás Glatter ein Gasthaus besessen hatte.

Von den Umständen seiner Geburt erfuhr Radnóti erst mit zwölf Jahren. Das Erlebnis verarbeitete er später in der Sammlung Ikrek hava („Monat der Zwillinge“, entstanden 1939, erschienen 1940). In einer autobiographischen Skizze schrieb er 1940 darüber: „Ich bin ein Zwillingskind, mein jüngerer Bruder und meine Mutter starben, als ich geboren wurde.“ Und weiter: „Ich kannte meine Mutter nicht, ich erinnere mich kaum an meinen Vater.“

Der Vater hatte 1911 erneut geheiratet, Ilona Molnár, eine Jüdin aus Siebenbürgen. Sie liebte den Stiefsohn wie ein eigenes Kind. Ebenso eng war das Verhältnis zur fünf Jahre jüngeren Halbschwester Ágnes, die später als Journalistin und Romanautorin unter dem Namen Ágnes Erdélyi bekannt wurde. Dass die eine nicht seine Mutter und die andere nur seine Halbschwester war, erfuhr Radnóti erst nach dem Tod des Vaters. Beide Frauen wurden 1944 in Auschwitz ermordet.

Am 21. Juli 1921 starb der Vater an einem Schlaganfall. Der Zwölfjährige wuchs fortan bei Verwandten auf. Sein Onkel Dezső Grósz, ein wohlhabender Textilhändler, wollte ihn zum Nachfolger im Familiengeschäft machen. Nach dem Abitur 1927 begann Radnóti deshalb zunächst eine kaufmännische Ausbildung und trat in das Großhandelsunternehmen des Onkels ein.

Geschrieben hatte er da schon. Am 15. September 1925 erschien in der Studentenzeitung Új Századok sein Prosastück Mi szeretnék lenni („Was möchte ich sein“). Im Herbst 1926 lernte er in der Wohnung seines Mathematiklehrers Károly Hilbert die vierzehnjährige Fanni Gyarmati kennen, seine spätere Frau. Gemeinsam schlossen sich die beiden dem Jugendliteraturkreis Balassa Bálint an. 1928 veröffentlichte Radnóti erste Gedichte in einer Literaturzeitschrift, die er mit Freunden gegründet hatte.

1930 erschien seine erste Gedichtsammlung Pogány köszöntő („Heidnischer Gruß“). Sie zeigte den Einfluss des französischen Expressionismus und griff soziale Ungerechtigkeiten an. Im selben Jahr nahm er an der Universität von Szeged ein Studium der ungarischen und französischen Literatur auf.

In Szeged kam er in den Kreis um Sándor Sík, einen piaristischen Geistlichen und Literaturprofessor. Sík behandelte ihn wie einen Sohn und beeinflusste ihn stark. Auf langen Spaziergängen an der Theiß und in Seminaren im Piaristenkloster wurde der Grundstein für Radnótis spätere Hinwendung zur katholischen Kirche gelegt. Wichtig wurde auch der Sprachwissenschaftler Béla Zolnai, der später sein Taufpate wurde.

1931 erschien der Band Újmódi pásztorok éneke („Lied neumodischer Hirten“). Die Staatsanwaltschaft ließ ihn wegen angeblicher Obszönität beschlagnahmen. Im selben Jahr verbrachte Radnóti drei Monate in Paris und besuchte dort die Kolonialausstellung. Er übersetzte afrikanische Gedichte und Märchen.

Nach dem Abschluss seines Studiums suchte er ab 1934 eine Stelle als Lehrer für ungarische Literatur, mit wenig Erfolg. Er verdiente sein Geld als Übersetzer und Privatlehrer. Unterstützung fand er bei Mihály Babits, dem Redakteur der Zeitschrift Nyugat. Dort erschienen seine Arbeiten erstmals unter dem Namen Miklós Radnóti. 1935 heiratete er Fanni Gyarmati; das Paar zog nach Budapest. In den folgenden Jahren kamen mehrere Gedichtbände heraus.

Seit Anfang der 1930er Jahre gehörte Radnóti der illegalen Ungarischen Kommunistischen Partei an. 1937 reiste er erneut nach Frankreich und knüpfte Kontakte zu linksgerichteten Parteien. Der Spanische Bürgerkrieg und der Tod des Dichters Federico García Lorca trafen ihn tief; danach wandte er sich stärker dem Übersetzen zu. In den Jahren 1941 und 1942 unterhielt er eine Liebesbeziehung zu der Malerin Judit Beck, einer Freundin seiner Frau, die das duldete.

1942 und 1943 wurde Radnóti wegen seiner jüdischen Herkunft mehrfach zum Arbeitsdienst eingezogen. Am 2. Mai 1943 taufte ihn Sándor Sík in der Szent-István-Basilika in Budapest. Der Übertritt schützte weder ihn noch seine Frau vor weiterer Verfolgung. Im selben Jahr erschien sein Übersetzungsband Orpheus nyomában („Auf den Spuren von Orpheus“) mit Nachdichtungen unter anderem von Arthur Rimbaud, Stéphane Mallarmé, Paul Éluard, Guillaume Apollinaire und Blaise Cendrars.

Im Mai 1944 wurde er zunächst an die ukrainische Front beordert, später in das Lager Bor in Serbien gebracht. Die dort entstandenen Gedichte trug er in ein Notizheft ein. Als Titos Truppen vorrückten, trieb man ihn mit mehreren tausend jüdischen Zwangsarbeitern in Gewaltmärschen quer durch Ungarn Richtung österreichische Grenze. Radnóti brach zusammen und wurde mit 21 Mitgefangenen erschossen. Über den Todestag gehen die Angaben auseinander: Genannt werden der 4. und der 9. November 1944. Auch der Sterbeort wird unterschiedlich bezeichnet, in einer Lesart als Abda, in einer anderen allgemeiner als ein Ort nahe Győr; gemeint ist dieselbe Gegend westlich der Stadt.

Im Sommer 1946 wurde das Massengrab geöffnet. In der Jackentasche des Toten lag das Notizheft aus Bor. Die gefundenen letzten Gedichte erschienen 1948 in der Sammlung Tajtékos ég („Schäumender Himmel“), das Heft selbst wurde später unter dem Titel Bori notesz („Notizen aus Bor“) veröffentlicht.


Literarische Merkmale↑

Bereits sein Erstling Pogány köszöntő von 1930 verband zwei Züge, die für Radnóti kennzeichnend blieben: die Anlehnung an den französischen Expressionismus und den offenen Angriff auf soziale Ungerechtigkeit. Wie stark die französische Moderne für ihn war, zeigt auch seine Arbeit als Übersetzer. In Orpheus nyomában versammelte er 1943 Nachdichtungen vor allem von Rimbaud, Mallarmé, Éluard, Apollinaire und Cendrars.

Seine Dichtung war eng an das eigene Leben gebunden. Der Tod von Mutter und Zwillingsbruder bei seiner Geburt, von dem er erst als Zwölfjähriger erfuhr, wurde in Ikrek hava zum Gegenstand eines ganzen Bandes. Auf äußere Erschütterungen reagierte er unmittelbar: Der Spanische Bürgerkrieg und der Tod Federico García Lorcas trafen ihn so, dass er sich stärker dem Übersetzen zuwandte.

Am ungewöhnlichsten sind die Gedichte, die im Lager Bor und auf den letzten Wegen entstanden. Radnóti schrieb sie in ein Notizheft, das er bei sich trug, bis er erschossen wurde. Diese Verse zu schreiben, hieß unter den Bedingungen von Zwangsarbeit und Todesmarsch zu schreiben, ohne Aussicht auf einen Leser. Dass sie überhaupt bekannt wurden, verdankt sich allein dem Zufall der Exhumierung.


Rezeption↑

Erst eineinhalb Jahre nach seinem Tod wurde das Massengrab bei Abda geöffnet, und erst 1946 erhielt seine Frau Fanni Gewissheit über sein Schicksal. Die im Notizheft gefundenen letzten Gedichte erschienen 1948 als Tajtékos ég. Radnóti gilt heute als einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Sein Grabstein steht auf dem Kerepesi temető in Budapest. Am Massengrab bei Abda wurde eine Statue errichtet; sie wurde 2013 geschändet. In Ungarn tragen Schulen seinen Namen, und ein ungarischer Antirassismus-Preis ist nach ihm benannt.

Um das Andenken kümmerte sich vor allem seine Witwe. Fanni Radnóti setzte ihr Studium und ihre Arbeit fort und unterrichtete Französisch an der Universität für Theater- und Filmkunst. Sie verwaltete den Nachlass ihres Mannes und spendete 2008 sämtliche Manuskripte seiner Werke. Bei den Eröffnungsfeiern der nach ihm benannten Schulen trat sie nie auf. Nur ein einziges Mal, 1962, sprach sie mit Journalisten und sagte dabei: „Der Faschismus hat unser Leben verschlungen.“ Sie heiratete nicht wieder und lebte bis zu ihrem Tod 2014 im Alter von 102 Jahren in der Wohnung in der Pozsonyi-Straße. Das Namensschild „Dr Miklós Radnóti“ ließ sie dort bis zuletzt hängen.

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