1903 – 1923
Raymond Radiguet
Kurzbiografie↑
Raymond Radiguet war ein französischer Schriftsteller, Dichter und Journalist. Er starb bereits mit zwanzig Jahren. In seinem kurzen Leben verkehrte er im Pariser Künstlermilieu der Avantgarde und gehörte zum engen Kreis um Jean Cocteau. Bekannt wurde er vor allem durch den Roman Den Teufel im Leib. Dieser schildert die Liebe zwischen einem fünfzehnjährigen Jungen und einer verheirateten jungen Frau während des Ersten Weltkriegs. Bei seinem Erscheinen 1923 löste er einen Skandal aus. Daneben veröffentlichte Radiguet Gedichte und betätigte sich als Librettist und Dramatiker. Ein zweiter Roman, Der Ball des Comte d'Orgel, erschien erst nach seinem Tod.
Biografie↑
Geboren wurde Raymond Radiguet am 18. Juni 1903 in Saint-Maur-des-Fossés. Er war das älteste von sieben Geschwistern. Sein Vater Maurice Radiguet war Zeichner. Nach der Grundschule besuchte er das angesehene Pariser Lycée Charlemagne. Dort blieb er allerdings ein mittelmäßiger Schüler. Mit großer Begeisterung las er hingegen die französische Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere Die Prinzessin von Clèves von Madame de Lafayette. Später kamen Stendhal und Proust hinzu sowie die Gedichte von Verlaine, Mallarmé, Rimbaud und Lautréamont.
Als Fünfzehnjähriger brach er die Schule ab, um sich dem Journalismus zu widmen. Er schloss Freundschaft mit den Schriftstellern und Dichtern André Salmon, Max Jacob, Pierre Reverdy und seinem späteren Verleger François Bernouard. Er lernte die Maler Juan Gris, Picasso und Modigliani kennen und verkehrte mit jungen Komponisten wie Milhaud, Georges Auric, Francis Poulenc und Arthur Honegger. Unter dem Pseudonym „Rajiky“ schrieb er mehrere Märchen für die noch junge Zeitung Canard enchaîné.
Im Jahr 1918 lernte er Jean Cocteau kennen. Dieser erkannte sein Talent, ermutigte und förderte ihn und half ihm, seine Gedichte in Avantgarde-Zeitschriften wie Sic und Littérature unterzubringen. Im Mai 1920 gründeten die beiden inzwischen unzertrennlichen Freunde die Revue Le Coq. Für sie gewannen sie unter anderen den Komponisten Georges Auric, den Maler Roger de la Fresnaye, den Schriftsteller Paul Morand und den rumänischen Dadaisten Tristan Tzara. Ebenfalls 1920 erschien sein Gedichtband Les Joues en Feu, herausgegeben von François Bernouard.
Im September 1921 vollendete Radiguet den Roman Den Teufel im Leib. Er schildert darin die Liebe zwischen einem fünfzehnjährigen Jungen und einer achtzehnjährigen verheirateten Frau, deren Mann als Soldat im Weltkrieg kämpft. Auffällig ist die Radikalität, mit der diese Liebe beschrieben wird. Sie setzt sich ausdrücklich über alle damals geltenden moralischen Bedenken hinweg. Der Verleger Bernard Grasset brachte das Buch 1923 mit einer aufsehenerregenden Werbekampagne heraus: „Das erste Buch eines 17-jährigen Romanciers“. Diese wurde von der Kritik als geschmacklos empfunden und löste spöttische wie feindselige Bemerkungen aus. Nach dem Erscheinen erhielt Radiguet jedoch die Glückwünsche anerkannter Literaten wie Paul Valéry, René Benjamin, Henri Massis und Max Jacob.
Kurze Zeit später, am 12. Dezember 1923, starb Raymond Radiguet im Alter von zwanzig Jahren an Typhus. Er starb in einer Klinik in der Rue Piccini im 16. Arrondissement von Paris. Jean Cocteau stand ihm bei und hielt seine letzten Worte im Vorwort des Romans Der Ball des Comte d'Orgel fest, der erst nach Radiguets Tod erschien. Beigesetzt wurde Radiguet auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Radiguets Schreiben ist seine frühe und gründliche Lektüre der klassischen französischen Literatur, vor allem der Werke des 17. und 18. Jahrhunderts. Sein Roman Den Teufel im Leib ist weitgehend autobiografisch. Er erzählt aus der Sicht eines frühreifen jungen Ich-Erzählers. Die Geschichte schildert eine leidenschaftliche Liebe, die endet, als der Soldat aus dem Krieg heimkehrt. Der Roman schließt mit der Geburt eines Kindes und dem Tod der jungen Mutter. Bemerkenswert ist der moralische Standpunkt, den der Autor einnimmt. Gleich die ersten Sätze des Werks setzen den Ton einer schonungslosen Offenheit: „Ich werde mir viele Vorwürfe einhandeln. Aber was kann ich dafür? Ist es meine Schuld, dass ich ein paar Monate vor Kriegsbeginn zwölf wurde?“
Neben dem Roman trat Radiguet als Lyriker hervor, etwa mit dem Band Les Joues en Feu und den erst nach seinem Tod gedruckten Vers libres. Sein zweiter Roman, Der Ball des Comte d'Orgel, erschien ebenfalls erst postum und fand geringere Verbreitung. Ein 2012 herausgegebener Band mit rund 140 Briefen Radiguets zeigt zudem, wie eng er mit den Literaten, Malern, Bildhauern und Komponisten des Paris der 1920er Jahre verbunden war. Zu ihnen zählten Guillaume Apollinaire, Louis Aragon, André Breton, Jean Cocteau, Max Jacob und Tristan Tzara.
Rezeption↑
Schon bei seinem Erscheinen war Den Teufel im Leib ein Skandalerfolg. Die marktschreierische Werbekampagne seines Verlegers stieß auf Kritik. Das Buch selbst brachte Radiguet jedoch die Anerkennung etablierter Schriftsteller ein. Das Werk wurde in der Folge ständig nachgedruckt und wird bis heute mit Interesse gelesen. Mehrfach wurde es verfilmt, unter anderem 1946, 1970 sowie 1986 mit Maruschka Detmers, außerdem 1989 und 1990.
Sein zweiter Roman, Der Ball des Comte d'Orgel, erreichte eine geringere Verbreitung. Die gesammelten Werke erschienen 1993 in Paris bei den Éditions Stock. 2012 legten Chloé Radiguet und Julien Cendres innerhalb einer Gesamtausgabe einen Band mit Briefen Radiguets vor. Sein früher Tod und das nachgelassene Werk haben dazu beigetragen, dass sein schmales Schaffen über die Jahrzehnte präsent geblieben ist.
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