1572
Die Lusiaden
Überblick↑
Das Versepos Die Lusiaden von Luís de Camões gehört zu den bedeutendsten Werken der portugiesischen Literatur. Der Dichter begann es vermutlich um 1556 und schloss es 1571 ab; im März 1572 erschien es in Lissabon. Der Titel bedeutet so viel wie „die Söhne des Luso“, also die Portugiesen – denn der eigentliche Held des Werks ist nicht ein einzelner Mann, sondern das ganze Volk.
Im Mittelpunkt steht die Seereise Vasco da Gamas, der als Erster den Weg um Afrika herum nach Indien fand. Um diese Fahrt herum ruft Camões immer wieder andere Ereignisse der portugiesischen Geschichte auf und feiert die Taten seiner Landsleute. Das Werk wird häufig mit der Äneis Vergils verglichen und gilt vielen als das Nationalepos Portugals.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Anfang steht die Fahrt Vasco da Gamas, der mit seinen Schiffen den Seeweg nach Indien sucht. Camões setzt mitten in der Handlung ein: Die Flotte ist bereits unterwegs, hat den Süden Afrikas hinter sich gelassen und segelt an der ostafrikanischen Küste entlang. Erst später wird nachgeholt, was vorher geschah.
Über der Reise wachen die Götter der griechisch-römischen Sagenwelt. Sie sind in zwei Lager geteilt: Die einen wollen den Portugiesen helfen, die anderen ihnen die Fahrt vereiteln. So mischen sich himmlische Streitigkeiten in das irdische Geschehen und lenken den Verlauf der Reise.
Zwischen den Stationen der Fahrt erzählt der Dichter die Geschichte Portugals: von den frühen Königen und ihren Kämpfen, von siegreichen Schlachten und tragischen Schicksalen. Vasco da Gama selbst tritt dabei als redegewandter Erzähler auf, der fremden Herrschern die Vergangenheit seines Landes schildert. Die Seereise bildet den roten Faden, an dem sich Ruhm und Leid einer ganzen Nation entfalten.
Die Handlung im Detail↑
Das Epos umfasst zehn Gesänge. Es beginnt mit der Anrufung der Nymphen des Tejo, von denen der Dichter Eingebung erbittet, und mit einer Widmung an den jungen König Sebastian. Dann setzt die Erzählung mitten im Geschehen ein: Vasco da Gamas Flotte ist schon auf hoher See.
Zu Beginn versammeln sich die olympischen Götter. Jupiter erklärt, es sei das Schicksal der tapferen Portugiesen, Taten zu vollbringen, die alle früheren Reiche vergessen lassen. Venus und andere Götter stehen den Seefahrern bei, während Bacchus sie zu verderben sucht, weil er fürchtet, seine eigenen Ruhmestaten im Osten könnten von den Portugiesen übertroffen werden. Diese Götterhändel verbinden die einzelnen Abenteuer und greifen an entscheidenden Stellen in das Geschehen ein.
An der ostafrikanischen Küste kommt es bei der Insel Mosambik zu einem Gefecht, das durch Bacchus' Ränke ausgelöst wird. In Mombasa droht den Seefahrern eine Falle, doch sie entgehen ihr. Freundlich empfangen werden sie schließlich beim König von Melinde. Diesem trägt Vasco da Gama in einer langen Rede die Geschichte Portugals vor: die Herkunft des Landes, die Schlacht bei Ourique und den Sieg bei Aljubarrota. In diese Rückschau gehört auch das traurige Schicksal der Inês de Castro, das der Dichter mit besonderer Zartheit erzählt.
Auf der Weiterfahrt erscheint dem Kap der Guten Hoffnung der riesenhafte Adamastor, ein zur Klippe verwandeltes Wesen, das den Seefahrern Unheil weissagt. Später gerät die Flotte in einen gewaltigen Sturm, in dessen Todesangst Vasco da Gama zu Gott betet. Venus lässt den Sturm sich legen, und die Schiffe erreichen endlich Indien. Die Ankunft in Calicut, dem Höhepunkt der Reise, hat Camões nach dem Maß des Goldenen Schnitts genau in die Mitte des Werks gesetzt: Sie steht am Beginn des siebten Gesangs. Beim dortigen Herrscher, dem Samorim, erläutert Paulo da Gama, der Bruder Vascos, die Bilder und Gestalten der portugiesischen Geschichte.
Nach dem Erreichen des Ziels und dem Antritt der Heimreise schenkt Venus den Seefahrern als Lohn die Insel der Liebe. Dort werden sie von Nymphen empfangen, und eine weissagende Meerjungfrau kündet zu Musik die künftigen Taten der Portugiesen im Osten. Zum Abschluss zeigt die Göttin Tethis dem Seefahrer die „Maschine der Welt“, ein sinnbildliches Modell des Weltalls. In dieser Szene bekennt sie, dass sie und die übrigen antiken Götter nur erdichtete Gestalten seien, die allein dazu dienten, schöne Verse zu schmücken – eine Stelle, die manche Deuter auf Wunsch der kirchlichen Zensur eingefügt sehen. Das Epos schließt mit einem Nachwort, in dem der Dichter den König mahnt und beklagt, dass sein Land seine Sänger zu wenig ehre.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk in der Weise der antiken Heldenepen. Es besteht aus zehn Gesängen mit insgesamt 1102 Strophen und 8816 Versen. Jede Strophe ist eine Stanze aus acht Zeilen; die ersten sechs reimen sich überkreuz, die beiden letzten paarweise, nach dem festen Schema ABABABCC. Jeder Vers zählt zehn Silben. Dieses strenge Muster gibt dem Epos seinen gleichmäßigen, feierlichen Klang, weshalb man diese Strophenform auch die kamonianische Stanze nennt.
Der Aufbau folgt dem klassischen Vorbild: Zuerst nennt der Dichter seinen Gegenstand und seine Helden, dann ruft er die Nymphen des Tejo an, darauf widmet er das Werk dem König, und schließlich beginnt die eigentliche Erzählung – nicht am Anfang der Reise, sondern mitten im Geschehen. Vier Ebenen durchziehen das Ganze: die Seefahrt selbst, die Geschichte Portugals, das Wirken der antiken Götter und die eigenen Betrachtungen des Dichters, der sich als Bewunderer seines Volkes zu Wort meldet.
Obwohl das Werk erzählend ist, sind seine Sprecher fast immer Redner, die feierliche Ansprachen halten. Neben dem Dichter selbst ergreifen Vasco da Gama, der als redegewandter Hauptmann gilt, sein Bruder Paulo, der Göttervater Jupiter, die Göttin Tethis und die weissagende Meerjungfrau das Wort. Ein eindrucksvoller Einschub ist die Rede des Alten vom Restelo, der am Ufer die Seefahrer vor Hochmut und Habgier warnt. Der Ton wechselt je nach Gegenstand: bald heldenhaft und mitreißend, bald klagend und schwermütig, bald bewundernd. Berühmt sind die Bewegungsbilder der Schlachten und des Sturms, reich an Farben, Geräuschen und klangvollen Wiederholungen, sowie die ruhigen, lieblichen Schilderungen, etwa die des Palastes des Neptun oder der Insel der Liebe.
Rezeption↑
Als das Werk 1572 in Lissabon gedruckt wurde, stand es unter der Aufsicht der kirchlichen Zensur. Der Gutachter des Heiligen Offiziums nahm die heidnischen Götter hin, weil sie seiner Ansicht nach nur dem Schmuck des dichterischen Stils dienten und den christlichen Glauben nicht anfochten. Er hielt fest, die Fabel der Götter sei kein Hindernis, solange die Wahrheit des Glaubens gewahrt bleibe. Einzelne Strophen wurden dennoch verändert oder gestrichen, ehe der Druck erscheinen durfte. Von dieser ersten Ausgabe sind heute nur noch wenige Exemplare erhalten, verstreut über drei Kontinente.
In der Folgezeit wuchs das Ansehen des Werks stetig. Es zählt zu den wichtigsten Dichtungen der portugiesischen Sprache und wird häufig mit der Äneis Vergils verglichen. Vielen gilt es als das Nationalepos Portugals und nimmt in der Kultur des Landes einen Rang ein, wie ihn Vergils Werk für die Römer oder die Ilias und die Odyssee Homers für die Griechen besitzen. Der Dichter hatte sein Werk dem jungen König Sebastian gewidmet und zum Aufbruch nach Afrika angefeuert – ein Feldzug, der für Portugal in einer Katastrophe endete.
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