1795
Wilhelm Meisters Lehrjahre
Überblick↑
Mit Wilhelm Meisters Lehrjahre schuf Johann Wolfgang von Goethe einen der prägenden Bildungsromane der deutschen Literatur. Das Werk erschien 1795/96 und gilt als Muster der Gattung: Es erzählt den inneren und äußeren Reifeweg eines jungen Mannes. Der Roman besteht aus acht Büchern. Die ersten fünf lehnen sich an ein zu Goethes Lebzeiten unveröffentlichtes Fragment an, an Wilhelm Meisters theatralische Sendung. Ein Vergleich beider Texte zeigt etliche wörtliche Übereinstimmungen. Später setzte Goethe die Geschichte mit Wilhelm Meisters Wanderjahre fort, die 1821 und 1829 erschien.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Wilhelm Meister, Sohn aus gutem Kaufmannshaus. Schon als Kind hat ihn ein Puppenspiel verzaubert, und seither zieht es ihn unwiderstehlich zur Bühne. Sein Vater und sein nüchterner Freund Werner halten die Theaterbesuche für Zeitverschwendung und möchten den jungen Mann zum Geschäftsmann erziehen.
Wilhelm aber liebt die Schauspielerin Mariane und träumt davon, Theatermann zu werden. Eine Geschäftsreise nutzt er, um dem bürgerlichen Leben zu entkommen und der Kunst nachzugehen. Unterwegs begegnet er einer bunten Welt fahrender Schauspieler: der spöttischen Philine, dem rätselhaften Kind Mignon, das er einer rohen Zirkustruppe abkauft, und einem alten Harfenspieler mit wehmütigen Liedern.
Wilhelm schließt sich den Komödianten an, erlebt Liebe, Eifersucht, Überfälle und Enttäuschungen. Er entdeckt Shakespeare, ringt mit der Frage, ob die Kunst wirklich sein Weg ist, und sucht nach der „harmonischen Ausbildung" seiner Natur. Was aus seinem Theatertraum wird und welche Lebensform er am Ende findet, entfaltet der Roman in vielen Stationen.
Die Handlung im Detail↑
Der junge Wilhelm Meister liebt die Schauspielerin Mariane, die freilich auch von dem reichen Kaufmann Norberg ausgehalten wird. Die alte Barbara drängt Mariane, sich an den begüterten Verehrer zu halten. Wilhelm genießt seine erste Liebe und erzählt von dem Puppenspiel seiner Kindheit, das seine Leidenschaft fürs Theater geweckt hat. Sein Vater und sein Freund Werner wollen ihn auf Geschäftsreisen schicken. Wilhelm ergreift die Gelegenheit, um der Enge seines bisherigen Lebens zu entkommen und einer „edlern Bahn" zu folgen. Doch eines Nachts wird er Zeuge, dass Mariane noch einen anderen Verehrer hat, und verlässt sie.
Wilhelm ist zutiefst erschüttert und wirft sich zunächst ganz auf die Handelsgeschäfte. Jahre später, auf einer neuen Reise, gerät er wieder unter Schauspieler. Er lernt Philine kennen und kauft das wunderbare Kind Mignon einem brutalen Truppenleiter ab. Mignon spricht ein gebrochenes, mit Französisch und Italienisch durchsetztes Deutsch. Wilhelm erfährt von einem heruntergekommenen Alten, dass Mariane wegen einer Schwangerschaft vom Direktor verstoßen wurde. Ein alter Harfenspieler taucht auf, dessen Lieder Wilhelm tief bewegen. Mignon hängt sich an Wilhelm und nennt ihn fortan Vater.
Mit Mignons berühmtem Lied „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn" beginnt das dritte Buch. Die Truppe gelangt an den Hof eines Grafen, wo sie den adeligen Herrschaften gefallen will. Wilhelm wird auf Shakespeare hingewiesen und ist zutiefst beeindruckt, doch der höfische Günstling Jarno rät ihm, dem Theater zu entsagen und in ein „tätiges Leben" überzugehen. Die gelangweilte Gräfin und Wilhelm tauschen heimlich Küsse.
Beim Weiterziehen wird die Truppe im Wald von Räubern überfallen und ausgeplündert; Wilhelm wird durch einen Schuss verletzt. Eine „schöne Amazone" kommt mit einem alten Herrn und einem Wundarzt zu Hilfe – eine Erscheinung, die Wilhelm nicht mehr loslässt. In einer Handelsstadt empfängt ihn der Theaterdirektor Serlo und schenkt ihm reinen Wein ein: Die Truppe um Melina taugt nichts. Serlo stellt ihm seine Schwester Aurelie vor, eine leidenschaftliche, fast wahnsinnige Frau, die einst eine unglückliche Liebe zu einem Baron Lothar erlebte. Es lebt ein kleiner Knabe namens Felix in der Nähe.
Wilhelm erfährt brieflich vom Tod seines Vaters. Werner schlägt ihm vor, gemeinsam Gutsverwalter zu werden; in seinen Briefen hatte sich Wilhelm allerdings geschönt dargestellt. In seiner Antwort gesteht er den Betrug und bekennt zugleich seinen tiefsten Wunsch: Er sehnt sich nach der „harmonischen Ausbildung" seiner Natur und danach, „eine öffentliche Person zu sein". Der lebhafte Knabe Felix trinkt lieber aus der Flasche als aus dem Glas – eine Angewohnheit, die ihm am Romanende das Leben retten wird.
Ein eigenes Buch tritt aus der Theaterwelt heraus: die „Bekenntnisse einer schönen Seele". Darin entdeckt ein junges Mädchen die Liebe, macht sich mit naturwissenschaftlichem, musischem und spirituellem Wissen vertraut und wendet sich ganz Gott zu. Es entwickelt eine ganz persönliche, natürliche Religiosität und reift zu einer wohltätigen, gläubigen Frau, die im Roman unter dem Namen „schöne Seele" auch selbst auftritt.
In den letzten Büchern verlässt Wilhelm „die Bretter, die die Welt bedeuten". Er findet Anschluss an eine Loge, einen geheimen Bund, hinter dem die rätselhaften Helfer seines Lebens stehen. Diese Gesellschaft strebt soziale Veränderungen an und sieht in den Vereinigten Staaten von Amerika ein Vorbild: „Hier oder nirgend ist Amerika!" Aus dem Theaterträumer ist ein Mann geworden, der sein Leben nicht länger der Bühne, sondern dem tätigen Wirken in der Welt widmet.
Stil↑
Kennzeichnend für den Roman ist sein Aufbau aus acht Büchern, die Wilhelms Weg in vielen Stationen verfolgen. Goethe verbindet die erzählte Handlung mit eingestreuten Liedern, die zu den bekanntesten Teilen des Werks gehören. Mignons „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn" und die wehmütigen Gesänge des Harfners geben dem Roman seinen eigenen lyrischen Klang. Briefe der Figuren treiben die Handlung voran und enthüllen ihr Innenleben.
Eine Besonderheit bildet das sechste Buch, die „Bekenntnisse einer schönen Seele". Es unterbricht die Theaterwelt und schiebt eine ganz eigene Lebensgeschichte in der Ich-Form ein. So entsteht ein vielstimmiges Werk, das nüchterne Geschäftsbriefe, höfische Szenen, derbe Komödiantenwelt, Lied und religiöse Selbstbetrachtung nebeneinanderstellt. Schon Zeitgenossen fiel auf, dass Goethe die Erzählung mit ausführlichen Gesprächen und Erörterungen über Kunst, Bildung und Lebensführung anreichert.
Rezeption↑
Schon kurz nach dem Erscheinen entzündete sich an dem Roman eine lebhafte Debatte. Friedrich Schlegel würdigte das Werk 1798 in Über Goethes Meister und betonte, nicht ein einzelner Mensch, sondern „die Bildung selbst" solle hier in vielfachen Beispielen dargestellt werden. Germaine de Staël fand die Lehrjahre mit „geistreichen Erörterungen" überfrachtet.
Ganz anders urteilte Novalis. Im Februar 1800 nannte er das Buch in privaten Aufzeichnungen „ein fatales und albernes Buch" und verspottete es als „Wallfahrt nach dem Adelsdiplom". Den Geist des Werks bezeichnete er als „künstlerischen Atheismus". Öffentlich ließ er allerdings seinen Freund Schlegel den Roman loben und schrieb selbst mit Heinrich von Ofterdingen einen Gegenentwurf. Adam Müller stellte Goethe in seinen Vorlesungen 1806/1807 auf eine Stufe mit Cervantes und sah nur in Don Quixote einen weltumfassenden Pendant. Der Goethe-Verehrer Nietzsche notierte 1884, der Roman vereine „die schönsten Dinge von der Welt abwechselnd mit den lächerlichsten Kindereien".
Besonders die Figur der Mignon wirkte weit über den Roman hinaus. In E.T.A. Hoffmanns Märchen Der Zusammenhang der Dinge nennt die Figur Ludwig eine spanische Tänzerin durchweg „Mignon". In der Romantik entstanden weitere Gestalten, die ihr in Aussehen, Charakter und Herkunft ähneln und die die Forschung als „Mignons Schwestern" bezeichnet – darunter Figuren bei Clemens Brentano, Achim von Arnim und Joseph von Eichendorff. Noch Gerhart Hauptmann griff den Stoff in seiner Novelle Mignon auf. Auch die Filmkunst nahm sich des Romans an, etwa Wim Wenders mit Falsche Bewegung von 1975. Der Forscher Wilpert verweist darauf, dass die „Bekenntnisse einer schönen Seele" auf Susanna Catharina Klettenberg zurückgehen, eine Freundin von Goethes Mutter.
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