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Erinnerungen eines Egotisten
– Werkseintrag –

Erinnerungen eines Egotisten

· Autobiografie

Ein autobiografisches Fragment, in dem Stendhal in wenigen Sommertagen ein Selbstporträt entwirft – voller Salonbekanntschaften, Londoner Streifzüge und einer Mailänder Liebe, über die er beharrlich schweigt.

Überblick

Die Erinnerungen eines Egotisten sind ein autobiografisches Fragment von Stendhal. Er schrieb es 1832 in nur wenigen Tagen nieder. Ans Licht kam es erst 1892, also fünfzig Jahre nach seinem Tod. Der Text gehört neben dem späteren Leben des Henry Brulard zu den großen Selbstzeugnissen seines Autors. Statt einer geordneten Lebenserzählung gibt er ein offenes, sprunghaftes Selbstbild: den Versuch eines Mannes, sich auf dem Papier zu fassen, ohne sich allzu sehr zu beobachten. Der Begriff „Egotismus" im Titel meint dabei nicht Selbstsucht, sondern die spielerische, manchmal verlegene Beschäftigung mit dem eigenen Ich.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Zentrum steht das Jahr 1821. Damals kehrte Stendhal nach einer unerfüllten Liebe zu Mathilde Dembowski aus Mailand nach Paris zurück. Diese Rückkehr ist der Ankerpunkt. Alles Frühere und Spätere taucht nur in Rückblenden und Vorausdeutungen auf. Die Mailänder Jahre zwischen 1817 und 1821 selbst bleiben ausgespart. Sie sind für den Erzähler zu schmerzhaft, um sie auszuleuchten, und stehen doch hinter jeder Zeile.

Breiten Raum nehmen die Pariser Salons ein. Stendhal porträtiert die Menschen, denen er dort begegnete: bekannte Gestalten der Zeit wie den Marquis de La Fayette ebenso wie weniger prominente Bekannte. Sein eigenes Leben tritt dahinter zurück und blitzt nur an wenigen Stellen ausführlicher auf. Eine dieser Ausnahmen ist ein Kapitel über eine Reise nach London. Dort erzählt er offen von Theater- und Bordellbesuchen.

Immer wieder wendet sich der Autor an einen gedachten Leser, den er erst Jahrzehnte später vermutet – nicht an seine Zeitgenossen, sondern an ein Publikum der Zukunft. Und immer wieder ringt er mit dem Unbehagen, ein Buch über sich selbst zu schreiben.

Die Handlung im Detail

Der Text setzt mit dem Pariser Frühjahr 1821 ein, in das Stendhal nach dem schmerzhaften Ende seiner Mailänder Jahre zurückkehrt. Die Liebe zu Mathilde Dembowski bleibt unerfüllt, und die Zeit in Mailand zwischen 1817 und 1821 wird im ganzen Buch nicht erzählt, obwohl sie für den Autor das eigentliche Thema im Hintergrund ist. Was dort geschah, ist zu wund, um beschrieben zu werden – so umkreist der Text dieses Schweigen, ohne es zu brechen.

Vom Pariser Ankerjahr aus springt die Erzählung in beide Richtungen. Frühere Episoden und spätere Begebenheiten werden eingeflochten, sobald sie eine Person oder einen Gedanken erhellen. Den größten Anteil haben Porträts von Menschen, die Stendhal in den Salons der Restaurationszeit traf. Manche sind historische Größen wie Marie-Joseph Motier, Marquis de La Fayette, andere reine Privatbekannte. Über diese Begegnungen tritt sein eigener Lebensweg in den Hintergrund.

Eine markante Ausnahme bildet das Kapitel über eine Reise nach London. Hier wird Stendhal selbst zur Hauptfigur: er berichtet von Theaterabenden und Bordellbesuchen, ungeschönt und ausführlich. In diesem Kapitel entwirft er auch eine Grabinschrift für sich selbst. Aus deren Vers „visse-scrisse-amò" – „er lebte, schrieb, liebte" – wurde später in abgewandelter Form tatsächlich die Inschrift auf seinem Grab auf dem Friedhof von Montmartre.

Durch den ganzen Text ziehen sich Anreden an einen Leser, den Stendhal erst dreißig oder vierzig Jahre nach seinem Tod vermutet. Seine eigenen Zeitgenossen meint er ausdrücklich nicht. Ebenso wiederkehrend ist ein Unbehagen am eigenen Tun: das Schreiben über sich selbst stößt ihn ab, und das Wort „Egotismus" im Titel spiegelt genau diese Verlegenheit – sorgsam abgesetzt vom Egoismus, mit dem es nicht verwechselt werden soll. Nach dem zwölften Abschnitt bricht der Text unvermittelt ab; vollendet hat Stendhal ihn nie.

Stil

Der Text gliedert sich in zwölf Abschnitte, die den Charakter von Tagebucheinträgen tragen. Stendhal schrieb sie zwischen dem 20. Juni und dem 4. Juli 1832 in Italien nieder – in wenigen Wochen, ohne erkennbare Überarbeitung oder nachträgliche Gliederung. Nach dem letzten Abschnitt bricht das Manuskript unvermittelt ab.

Im späteren Leben des Henry Brulard verbirgt sich der Verfasser hinter dem Pseudonym Henry Brulard. Hier dagegen tritt er unter seinem bürgerlichen Namen Marie-Henri Beyle auf. Erzählt wird durchgehend in der Ich-Form. Immer wieder wendet sich der Erzähler an einen gedachten Leser, der weit in der Zukunft sitzt. An einer Stelle nennt er ausdrücklich das Jahr 1872. Ergänzt werden die Aufzeichnungen durch einige Karten, die Stendhal selbst gezeichnet hat.

Der Ton ist offen, sprunghaft, oft beiläufig. Der Verzicht auf Komposition ist Programm: Was dem Schreiber gerade durch den Kopf geht, wird ohne große Ordnung festgehalten.

Rezeption

Zu Lebzeiten erschien der Text nicht. Stendhal vermachte das Manuskript Abraham Constantin mit der Auflage, es frühestens zehn Jahre nach seinem Tod herauszugeben. Das Interesse an seinem Werk war in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod gering und wuchs erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder. So fand die Erstveröffentlichung erst 1892 statt. Eine vollständige Ausgabe folgte sogar erst 1927.

Im Fin de siècle wurden die Erinnerungen eines Egotisten gemeinsam mit dem Leben des Henry Brulard lebhaft gelesen. Im Vordergrund standen dabei psychoanalytisch geprägte Deutungen. Sie mündeten schließlich in einen regelrechten Personenkult um Stendhal. Zugleich nahm man beide Texte als Zeugnisse einer modernen Langeweile wahr – eines Lebensgefühls, das im späten 19. Jahrhundert großen Anklang fand.

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