1887
Fortunata und Jacinta
Überblick↑
Der Roman Fortunata und Jacinta von Benito Pérez Galdós erschien 1887 in vier Bänden. Er gehört zu Galdós' Zyklus zeitgenössischer spanischer Romane (Novelas españolas contemporáneas). Die Handlung spielt im Madrid der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie erzählt die verschlungenen Lebenswege zweier Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, die ein gemeinsames, tragisches Schicksal verbindet. Vielen Kritikern gilt das Buch als Galdós' gelungenster Roman. Neben La Regenta von Leopoldo Alas zählt es zu den bekanntesten und kennzeichnendsten Werken des spanischen Realismus und des spanischen Romans im 19. Jahrhundert.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Madrid der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kreuzen sich die Lebenswege zweier sehr verschiedener Frauen. Juanito Santa Cruz, einziger Sohn wohlhabender Eltern und untätiger Lebemann, heiratet Jacinta. Sie ist mit seiner Familie verwandt, stammt jedoch aus ärmeren Verhältnissen. Jacinta ist feinfühlig und liebevoll, doch die Ehe bleibt kinderlos, und sie wird von Gedanken an das frühere Junggesellenleben ihres Mannes gequält.
Im Verborgenen lebt Fortunata, eine junge Frau aus dem Volk, die Juanito einst verführt und verlassen hat. Als der ruhelose Lebemann sie erneut umwirbt, gerät ihr Leben aufs Neue in Bewegung. Bald wird Fortunata in eine Ehe mit dem kränklichen Maximiliano Rubín gedrängt, dessen herrschsüchtige Tante Lupe die Fäden zieht.
Aus diesem Geflecht aus Leidenschaft, Eifersucht und gesellschaftlichem Zwang entwickelt Galdós ein breites Bild der Madrider Gesellschaft. Rund um die beiden Frauen bevölkern mehr als hundert Nebenfiguren den Roman.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung erstreckt sich zwischen Dezember 1869 und April 1876 und ist eng mit der spanischen Geschichte jener Jahre verwoben – von den Nachwehen der Revolution von 1868 über die kurze Herrschaft Amadeos I. und die Erste Republik bis zu den ersten Jahren der Restauration. Im ersten Teil heiratet Juanito Santa Cruz, der verwöhnte einzige Sohn – in der Familie „el Delfín“, der Erbe, genannt – seine Verwandte Jacinta. Diese quält die Vorstellung vom früheren Junggesellenleben ihres Mannes, und um ein angeblich ausgesetztes Kind entspinnt sich eine rührselige Verwicklung. Im Hintergrund steht Fortunata, eine Frau aus dem Volk und einstiges Opfer von Juanitos Abenteuern, die der leidenschaftliche Müßiggänger erneut bedrängt.
Der zweite Teil führt Fortunata in eine Vernunftehe mit Maximiliano Rubín, einem kränklichen und impotenten Mann, der unter der Fuchtel seiner Tante Lupe steht, einer herrischen Wucherin. Diese zwingt Fortunata zu einer „Läuterung“ in einem Madrider Kloster, dem Konvent der Micaelas. Dort lernt Fortunata die derbe Mauricia la Dura kennen. Der Teil endet mit einer Szene aus Verführung, Verrat und Trennung, in die Juanito, Fortunata und Maximiliano verstrickt sind.
Im dritten und kürzesten Teil kehrt Juanito zu seiner Frau zurück. Die zurückgewiesene Fortunata wendet sich dem betagten Evaristo Feijoo zu, der sie schließlich mit Maximiliano versöhnt. Höhepunkt der Spannung ist das Aufeinandertreffen von Jacinta und Fortunata beim Begräbnis der Mauricia la Dura. Über allem liegt die drohende Mutterschaft Fortunatas.
Der vierte und längste Teil verknüpft die Fäden zu einem tragischen Schluss. Fortunata ist von Juanito schwanger und wird vom Apotheker Segismundo Ballester beschützt. Ihr Ehemann Maximiliano bleibt verlassen und betrogen zurück und verliert sich zusehends in Wahnvorstellungen. Juanito wiederum beginnt ein Verhältnis mit Aurora Fenelón – ein Verrat, der Fortunata und Jacinta im gemeinsamen Groll auf sonderbare Weise verbindet. Am Ende bringt Fortunata einen Sohn zur Welt, stirbt jedoch bald darauf. Im Sterben übergibt sie das Kind an Jacinta, die kinderlos gebliebene Frau ihres Geliebten.
Stil↑
In seiner Anlage ist der Roman ein vielstimmiges Werk. Über hundert sorgfältig gezeichnete Nebenfiguren treten auf, und die Zahl der Gestalten insgesamt nähert sich dem Tausend. Galdós formt daraus eine „menschliche Komödie“, wie sie Jahre zuvor Balzac und Dickens geschaffen hatten. Um die beiden Frauen kreist das ganze Personal, getrieben von deren Gefühlen und Taten.
Der Roman gliedert sich in vier Teile, von denen der letzte der längste ist. Galdós, sonst von großer Schreibleistung, arbeitete etwa anderthalb Jahre an dem Werk – für seine Verhältnisse ungewöhnlich lange. Seine Figuren führt er mit knappen, oft bildhaften Beschreibungen ein. Fortunata erscheint zum ersten Mal in einem Bild aus Hühnerhof und Geflügel. Die Schilderung des unglücklichen Maximiliano greift den Ton des Schelmenromans auf und deutet bereits die grotesk verzerrende Darstellungsweise des späteren Esperpento an.
Mit großer historischer Genauigkeit datiert Galdós das Geschehen und ordnet es in die politischen Ereignisse der Zeit ein. Sein literarisches Bild von Madrid und seinen Menschen ist von Kennern mit den Gemälden Goyas verglichen worden.
Rezeption↑
Die Mehrheit der Literaturkritik sieht in dem Roman Galdós' gelungenstes Werk. Zusammen mit La Regenta von Leopoldo Alas, der unter dem Namen „Clarín“ schrieb, zählt es zu den bekanntesten und kennzeichnendsten Romanen des spanischen Realismus im 19. Jahrhundert. Als Schilderung der Stadt gilt es Kennern als jenes Werk, das das Madrid Galdós' am treffendsten einfängt.
Das Buch wurde mehrfach für Bühne und Leinwand bearbeitet. Ricardo López Aranda brachte den Stoff 1969 auf die Theaterbühne, Angelino Fons verfilmte ihn 1970. Etwa zehn Jahre später entstand beim spanischen Fernsehen eine Bearbeitung unter der Regie von Mario Camus.
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