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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Fontamara
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Cover Fontamara
Fontamara
1934
– Werkseintrag –

Fontamara

1934 · Roman

Ein armes Bergdorf in den Abruzzen begehrt auf, als man ihm das Wasser abgräbt, das seit Generationen seine Felder tränkt.

Überblick↑

Der Roman Fontamara war das erste Buch von Ignazio Silone. Wegen des Faschismus in Italien erschien er zunächst 1933 in deutscher Übersetzung von Nettie Sutro beim Zürcher Verlag Oprecht & Helbling, bevor die italienische Originalausgabe 1934 unter dem Verlagsnamen N.E.I. (Nuove Edizioni Italiane) in Paris herauskam. Er erzählt die Geschichte eines armen, abgelegenen Bergdorfes in den Abruzzen. Die Bewohner, verächtlich „Cafoni“ genannt, leben als Kleinbauern und Tagelöhner am Rande des Existenzminimums, fern der Städte und der großen Politik. In der Zeit des Faschismus geraten sie zwischen die Mühlen der Mächtigen, als man ihnen das Wasser abgräbt, das seit Generationen ihre Felder bewässert. Eine Neufassung des Romans von 1953 erschien in Deutschland 1962 in der Übersetzung von Hanna Dehio. Heute gilt das Werk als eines der bekanntesten Bücher Silones und wird der engagierten, sozialkritischen Literatur zugerechnet.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Erzählt wird vom Leben im fiktiven Dorf Fontamara im Bergland der Abruzzen, nördlich des Fucino-Beckens. Die Bewohner sind arme Kleinbauern und Tagelöhner, die von den Städtern verspottet werden und ihr karges Dasein lange als gottgegeben hinnehmen. Über ihnen steht eine feste Rangordnung aus Grundherren, Aufsehern und Behörden, in der sie ganz unten stehen. Ein aus Rom zugezogener „Unternehmer“ hat sich mit Hilfe seiner Bankverbindungen fast das ganze Land ringsum angeeignet und ist von der Regierung als Ortsvorsteher eingesetzt worden.

Die Handlung beginnt, als ein Fremder namens Don Pelino im Dorf auftaucht und die Bauern mit Drohungen und Täuschungen dazu bringt, eine Bittschrift zu unterschreiben, deren Inhalt sie nicht verstehen. Bald darauf beginnen Arbeiter, den Bach umzuleiten, der seit jeher die Felder der Fontamaresi bewässert. Nun regt sich zum ersten Mal Widerstand. Weil die Männer für den Lebensunterhalt arbeiten müssen, ziehen die Frauen des Dorfes in die Stadt, um sich zu beschweren. Was folgt, ist eine Kette von Verhandlungen, Kompromissen und Versprechungen, bei denen die einfachen Leute immer wieder gegen die verschlungene Sprache der Gesetze und die Vernetzung der Mächtigen anrennen. Unter ihnen ist der Tagelöhner Berardo Viola, der von neuen Eingaben nichts mehr hält.

Die Handlung im Detail↑

Eingeleitet wird der Roman durch einen Herausgeber, der die ersten zwanzig Jahre seines Lebens in diesem Bergland verbracht hat und das Leben der „Cafoni“ aus eigener Anschauung kennt. Manche sind Kleinbauern mit eigenem Land oder Pächter, viele besitzen nichts und arbeiten als Tagelöhner. Der Zusammenhalt ist gering, private und familiäre Streitereien prägen das Zusammenleben. Die Erträge reichen kaum zum Leben, viele wandern nach Amerika aus. Für Pfarrer, Steuern und Strom fehlt das Geld: Die Kirche öffnet nur an hohen Feiertagen, den Gemeindeboten jagen die Dorfbewohner davon, und abends bleiben die Häuser dunkel, weil man ihnen den Strom abgestellt hat. Die gesellschaftliche Ordnung nehmen sie träge hin.

Lange hing das Dorf von dem alteingesessenen Grundbesitzer Don Carlo ab, dem fast das gesamte Gebiet gehörte. Doch dieser Nichtstuer und Lebemann besitzt nur noch die Güter, die seine Frau Donna Clorinda in die Ehe brachte. Alles andere hat ein „Unternehmer“ aus Rom aufgekauft, der vor drei Jahren erschien. Er handelte zunächst mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, betrieb dann Schweinezucht und erwarb Felder, die Ziegelei, die Gerberei und das elektrische Sägewerk. Inzwischen hat ihn die Regierung als „Podestà“ eingesetzt und damit den gewählten Bürgermeister ersetzt. Dessen Vorgänger, der Advokat Circostanza, galt als Volksfreund. Seine lange Amtszeit sicherte er sich mit Tricks: Er ließ Analphabeten ihren Namen schreiben lernen und behielt Verstorbene im Wahlregister, deren Familien für die Stimmen der „Lebendig-Toten“ eine kleine Gebühr erhielten. Als bekannt wurde, dass er mit Don Carlo zusammenarbeitete, wählten ihn nur noch die Toten. Zu Circostanza haben die Cafoni seither ein zwiespältiges Verhältnis: Sie brauchen seine Empfehlungsschreiben und Hilfe bei Behörden, wissen aber, dass er aus seiner Fürsprache eigenen Vorteil zieht.

Die eigentliche Handlung spielt in den 1920er Jahren und beginnt mit dem Auftreten Don Pelinos. Nach einer langen, unverständlichen Rede bringt er die Bauern mit Drohungen und Täuschungen dazu, eine Petition zu unterschreiben, deren Wortlaut ihnen jede Begeisterung in den Mund legt. Erst als Straßenwärter Gräben ausheben, um den Bach auf die Felder des Großgrundbesitzers umzuleiten, begreifen sie den Zusammenhang und vertreiben die Arbeiter. Ihre Armut hatten sie bislang hingenommen, doch nun will man ihnen ein altes Recht nehmen: das Wasser, mit dem Generationen ihre Felder bewässerten. Dazu wird der bisher allen offene Weideweg der Schafherden verstaatlicht und vom Unternehmer eingezäunt.

Weil die Männer arbeiten müssen, nehmen sich die Frauen der Sache an. Eine Gruppe um die couragierte Kneipenbesitzerin Marietta und die Berichterstatterin Matalé zieht in die Stadt, um sich beim Bürgermeister zu beschweren. Ihr Auftritt sorgt für Spott; man dreht ihnen das Brunnenwasser vor dem Rathaus an und ab, wenn sie trinken wollen. Von Carabinieri begleitet, werden sie vom Privathaus zu den Fabriken und zurück zur Villa geschickt, wo gerade die Ernennung des Unternehmers zum Podestà gefeiert wird. Von Donna Clorinda erfahren sie, dass der Unternehmer Don Carlos Land gekauft hat und Nutznießer der neuen Bewässerung ist. Zornig bewerfen die Frauen sein Haus mit Ziegelsteinen und vertreiben die Gäste.

Circostanza beruhigt die Frauen und bietet sich als Vermittler an. Der Gemeindesekretär erklärt ihnen, sie hätten selbst zugestimmt, dass der Bach „im höheren Interesse der landwirtschaftlichen Erzeugung“ auf die Felder dessen abgeleitet werde, der zu größeren Investitionen imstande sei. Auf den Vorwurf der Fälschung und die Drohung, das Haus anzuzünden, schlägt Circostanza einen Kompromiss vor: Der Unternehmer erhalte drei Viertel des Wassers, die Cafoni drei Viertel des Restes, so bekomme jede Partei „drei Viertel, also mehr als die Hälfte“. Die Frauen durchschauen die verklausulierte Rechnung nicht, stimmen zu und sind froh über den vermeintlichen Teilerfolg. Nach Fertigstellung des Grabens aber fließt in ihrem Bachbett kaum noch Wasser. Es kommt zum Tumult. Circostanza redet ihnen ins Gewissen, warnt vor Ansehensverlust bei der Behörde und handelt eine Vertragslaufzeit von fünf Dezennien, also fünfzig Jahren, aus. Auch das verstehen manche falsch und meinen, es gehe um fünf Monate, doch selbst diese Frist bedeutet Hunger, weil sie ihre Felder nicht mehr bewässern können. Zusätzlich wird das gemeinsame Weideland eingezäunt und bewacht.

Nur der Tagelöhner Berardo Viola spricht sich gegen weitere Verhandlungen und Eingaben aus; er hält eine mehr oder weniger geheime Selbstjustiz für wirkungsvoller, da die Verordnungen ohnehin nur den Reichen und Mächtigen dienten. Neue Gesetze bestätigen ihn: Die Löhne der Landarbeiter werden um vierzig Prozent und bei besonderen Arbeiten um weitere fünfundzwanzig Prozent gesenkt, angeblich zur Behebung der Arbeitslosigkeit. Circostanza nutzt das aus und klagt zum Schein über die Gesetze, die ihn hindern, den vereinbarten Lohn für einen neuen Weinberg an die drei Cafoni Berardo, Giuvà und Scarpone zu zahlen.

Der Erzähler Giuvà und andere besonnene Bauern versuchen, Berardo zu besänftigen, und hoffen auf die versprochene Neuverteilung des Fucino-Beckens. Vor der Wahl hatte Circostanza gefordert, das Land müsse denen gehören, die es bearbeiten, nicht den städtischen Kapitalisten wie Torlonia. Auf Lastwagen bringt man die Cafoni zur großen Versammlung nach Avezzano. Carabinieri stellen sie dorfweise vor dem Rathaus auf und heißen sie, die Honoratioren mit Hochrufen zu begrüßen. Während die Fontamaresi warten, tagen die Repräsentanten drinnen und reisen wieder ab, ohne ein Ergebnis mitzuteilen. Als die Bauern schließlich ins Rathaus dringen, erfahren sie, dass die Landreform anders ausfiel als erhofft: Den kleinen Pächtern wird gekündigt, das Land erhalten die Großgrundbesitzer, weil sie höhere Erträge erzielen. Auf dem Rückweg spricht ein Unbekannter die Enttäuschten an und sagt ihnen Unterstützung gegen die Regierung zu. Aus Furcht vor einem Spitzel und einem Hinterhalt verlassen sie zu Fuß die Stadt.

Bei der Regierung gelten die Fontamaresi seit Don Pelinos Bericht als Rebellen. Man verhängt ein nächtliches Ausgehverbot und verbietet, in Mariettas Schenke über Politik zu sprechen. Eines Abends rücken Verbände von „Schwarzhemden“ ins Dorf ein und terrorisieren die Bewohner. Sie vergewaltigen Frauen und demütigen die von der Arbeit heimkehrenden Männer durch willkürliche Verhöre, um sie wahllos als Reaktionäre, Anarchisten, Liberale oder Kommunisten einzustufen.

Stil↑

Geschrieben ist der Roman in einer schlichten, nüchternen Form, die dem trockenen Tatsachenbericht nahesteht. Silone lässt die Geschichte gleichsam von den Dorfbewohnern selbst erzählen: Ein Herausgeber gibt vor, die „Berichte“ der Fontamaresi lediglich aufgezeichnet zu haben, und mehrere einfache Erzählerstimmen kommen zu Wort. Diese knappe, klare Sprache wirkt umso eindringlicher, je größer das Unrecht ist, von dem sie berichtet. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Irving Howe hob hervor, jedes Wort Silones trage einen Abdruck brüderlicher, ernüchterter Menschlichkeit, und es sei für viele ein Rätsel, dass ein Mann, der so einfach und ohne Anspruch schreibe, alles Veröffentlichte doch unverkennbar als sein Eigenes empfinden könne. Mit dieser schmucklosen Erzählweise zählt das Buch zu den frühen Werken des italienischen Neorealismus.

Rezeption↑

In Italien fand Silone zunächst wenig Anerkennung. Seine Bücher galten dort als politische Literatur mit moralischer Botschaft, der man geringen künstlerischen Wert zusprach. Im Ausland dagegen schätzte man ihn früh und hoch. Bertrand Russell verglich den Autor mit den großen italienischen Persönlichkeiten aller Zeiten. Allmählich änderte sich auch in Italien das Urteil. Der Journalist und Historiker Indro Montanelli erinnerte sich, er habe Silone anfangs für einen Profiteur gehalten, der im Ausland mit Büchern gegen die Diktatur einen bequemen Weg zum Erfolg gefunden habe. Je mehr er ihn durch seine Schriften kennenlernte, desto klarer sah er das Gegenteil: Silone erschien ihm als seltene Ausnahme unter den Entweihten des Kommunismus, streng mit sich selbst und milde gegenüber anderen. Montanelli fasste zusammen, es gebe hier nur einen Angeklagten, Silone, und nur einen Richter: sein Gewissen.

In der heutigen Betrachtung gilt Fontamara neben Wein und Brot als einer der bekanntesten Romane des Autors und wird der engagierten Literatur zugerechnet. Mit seiner schlichten Form des sozialkritischen Tatsachenberichts zählt das Buch zu den frühen Dokumenten des italienischen Neorealismus.

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