1894 – 1961
James Thurber
Kurzbiografie↑
Der amerikanische Schriftsteller und Zeichner James Thurber wurde vor allem durch seine Kurzgeschichten und Fabeln bekannt, die überwiegend zuerst im Magazin The New Yorker erschienen. 1894 in Columbus im Bundesstaat Ohio geboren, arbeitete er ab 1927 als Redakteur für diese Wochenzeitschrift und prägte deren Erscheinungsbild über Jahrzehnte mit. In seinen humoristischen Erzählungen und Zeichnungen stellte er die Naivität des Einzelnen der Kompliziertheit der modernen Welt gegenüber. Seine bekannteste Figur ist Walter Mitty, der schüchterne Träumer aus der Erzählung The Secret Life of Walter Mitty, der vor seinem tristen Alltag in die Scheinwelt der Phantasie flieht. Thurber starb 1961 in New York; seit 1996 wird ihm zu Ehren jährlich der Thurber Prize for American Humor verliehen.
Biografie↑
Geboren wurde James Grover Thurber am 8. Dezember 1894 in Columbus, Ohio. Dort verbrachte er auch seine Kindheit und Jugend. Im Alter von sieben Jahren verlor er bei einem Unfall das linke Auge. Auch das rechte Auge wurde dabei verletzt, was in späteren Jahren zur vollständigen Erblindung führte. Dieses Ereignis prägte sein ganzes weiteres Leben.
Von 1913 bis 1917 studierte Thurber an der Ohio State University. 1918 verließ er sie ohne Abschluss: An einem verpflichtenden militärischen Ausbildungsprogramm konnte er wegen seiner Sehschwierigkeiten nicht teilnehmen. Umfangreiche literarische Kenntnisse hatte er sich während der Studienzeit gleichwohl angeeignet. Die Universität verlieh ihm 1995, lange nach seinem Tod, den Ehrendoktortitel.
Nach dem Studium arbeitete Thurber zunächst als Angestellter für die US-Regierung in Washington. Danach war er bei der amerikanischen Botschaft in Paris tätig. Schließlich wurde er Auslandskorrespondent für eine Chicagoer Zeitung. Zwischen 1918 und 1926 schrieb er für verschiedene amerikanische und französische Blätter. Der Journalismus war also sein Einstieg ins Schreiben, lange bevor er als Erzähler bekannt wurde.
Die entscheidende Wende kam 1927. In diesem Jahr begann Thurber als Redakteur für die Wochenzeitschrift The New Yorker zu arbeiten. An deren Erfolg hatte er maßgeblichen Anteil. Seine Kurzgeschichten, Fabeln und Anekdoten prägten das Blatt ebenso wie seine Zeichnungen. Aus dieser Verbindung von Text und Bild entstand eine Form, die für ihn charakteristisch blieb.
In den folgenden Jahrzehnten erschien eine lange Reihe von Büchern. 1929 veröffentlichte er gemeinsam mit E. B. White Is Sex Necessary?, das auf Deutsch als Warum denn Liebe? herauskam. 1933 folgte My Life and Hard Times, deutsch Man hat's nicht leicht. 1937 entstand The Male Animal, auf Deutsch Das Tier im Manne. 1939 erschien die Erzählung The Secret Life of Walter Mitty, im selben Jahr begannen die Fables for Our Times, die 1940 als Buch vorlagen und auf Deutsch als 75 Fabeln für Zeitgenossen bekannt wurden.
Auch das Kinderbuch gehörte zu seinen Arbeitsfeldern. 1943 erschien Many Moons, das im Deutschen unter mehreren Titeln herauskam. 1945 folgte The White Deer, deutsch Das weiße Reh, 1950 The 13 Clocks und 1953 Wonderful O. Daneben stehen weitere Bände, etwa Men, Women and Dogs von 1943 und Thurber's Dogs von 1955. Die Auswahlausgabe The Thurber Carnival von 1945 erschien 1948 auf Deutsch unter dem Titel Rette sich, wer kann!.
Ab Anfang der vierziger Jahre machte die fortschreitende Erblindung es Thurber unmöglich, seine Artikel noch selbst zu schreiben. Er musste seine Texte nun diktieren. Das verbitterte ihn zunehmend. Im Spätwerk äußerte sich das häufig als Menschenverachtung und auch als Feindseligkeit gegenüber Frauen.
Aufgegeben hat er das Schreiben dennoch nicht. Auch nach der völligen Erblindung blieb er als Schriftsteller tätig. Er nahm sogar des Öfteren aktiv an Theateraufführungen teil. 1957 erschien mit Alarms and Diversions ein später Band. Im Herbst 1961 erlitt Thurber einen Schlaganfall und starb am 2. November desselben Jahres. Als Sterbeort wird New York angegeben; die Nachweise unterscheiden sich hier nur in der Schreibweise, indem Wikidata „New York City“ nennt und die Deutsche Nationalbibliothek „New York, NY“.
Seit 1996 wird jährlich der Thurber Prize for American Humor vergeben. Seine deutschen Ausgaben erschienen über Jahrzehnte hinweg, unter anderem 1953 Die letzte Blume, 1958 So spricht der Hund und 1971 die Gesammelten Erzählungen. Auch 2006 kam noch eine von Hans Magnus Enzensberger zusammengestellte Auswahl heraus.
Literarische Merkmale↑
Humor und Ernst gehören bei Thurber untrennbar zusammen. In seinen Erzählungen, Fabeln und Zeichnungen zeigte er den Gegensatz zwischen der Naivität des Einzelnen und der Kompliziertheit der modernen Welt. Als Themen wählte er dabei besonders die Sexualität, die Psychoanalyse und die Schwierigkeiten der Verständigung im technischen Zeitalter. Trotz der unverkennbar komischen Züge haben seine Geschichten fast ausnahmslos einen ernsteren oder tragischen Hintergrund.
Charakteristisch für sein Werk sind kleine, private Szenen. Die Ehe erscheint bei ihm als ein Kleinkrieg, den niemand offen erklärt hat. Hinter den Absurditäten des Alltags verbirgt sich Tieferes, und an diesem Alltag scheitern seine Figuren häufig.
Zu den typischen Thurber-Figuren gehört der „kleine Mann“: ein schüchterner, leicht neurotischer Träumer. Seine Identität wird in einem tristen Alltag von aggressiven Frauen, von gleichförmigen Menschenmassen oder von der Technik bedroht. Oft flüchtet er in die Scheinwelt der Phantasie, so wie sein bekanntester Vertreter Walter Mitty.
Zum Stil gehört schließlich, dass Thurber Schreiben und Zeichnen nicht trennte. Seine Zeichnungen stehen gleichberechtigt neben den Texten, und beides zusammen prägte das Erscheinungsbild des New Yorker.
Rezeption↑
Bekannt wurde Thurber vor allem über das Magazin The New Yorker, in dem seine Kurzgeschichten und Fabeln überwiegend zuerst erschienen. An dessen Erfolg hatte er maßgeblichen Anteil. Seit 1996 wird jährlich der Thurber Prize for American Humor verliehen, der seinen Namen trägt.
Mehrere seiner Stoffe wurden verfilmt. 1942 kam The Male Animal in die Kinos, 1947 The Secret Life of Walter Mitty unter dem deutschen Titel Das Doppelleben des Herrn Mitty. 1959 folgte The Battle of the Sexes, 1972 War Between Men and Women. 2013 wurde der Mitty-Stoff erneut verfilmt.
Auch die Forschung hat sich früh mit ihm befasst. Seit den sechziger Jahren erschienen Studien und Biografien in größerer Zahl, darunter Arbeiten von Robert E. Morsberger, Richard C. Tobias und Charles S. Holmes sowie ausführliche Lebensbeschreibungen von Burton Bernstein und Harrison Kinney. 1987 legte Sarah E. Toombs eine kommentierte Bibliografie der Kritik vor.
Im deutschen Sprachraum wurde Thurber über Jahrzehnte hinweg verlegt. Von Rette sich, wer kann! im Jahr 1948 über die Gesammelten Erzählungen von 1971 bis zu einer von Hans Magnus Enzensberger besorgten Auswahl im Jahr 2006 blieb er auf Deutsch präsent.
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