Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Der gestiefelte Kater
Eingang · Werke · Der gestiefelte Kater
Cover Der gestiefelte Kater
Der gestiefelte Kater
1697
– Werkseintrag –

Der gestiefelte Kater

1697 · Erzählung

Ein mittelloser Müllersohn erbt nur einen Kater – doch der versteht es, mit einem Paar Stiefel, viel Frechheit und noch mehr List aus dem Nichts ein ganzes Königreich zu gewinnen.

Überblick↑

Das Märchen Der gestiefelte Kater (französisch: Le Maître chat ou le Chat botté) gehört zu den bekanntesten Erzählungen von Charles Perrault. Es erschien 1697 in seiner Sammlung Histoires ou contes du temps passé, auch unter dem Titel Contes de ma mère l'Oye bekannt. Die Geschichte trägt in der Märchenforschung die Typennummer ATU 545B. Sie erzählt von einem klugen Kater, der seinen mittellosen jungen Herrn allein durch List und Redegewandtheit zu Reichtum und Ansehen führt. In deutscher Sprache verbreitete sich der Stoff früh: Deutsche Übersetzungen Perraults gab es bereits im 18. Jahrhundert, und in der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von 1812 stand eine verwandte Fassung.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Nach dem Tod eines Müllers wird das Erbe unter drei Söhnen aufgeteilt. Der älteste bekommt die Mühle, der zweite einen Esel, dem jüngsten bleibt nur ein Kater. Zunächst scheint dieser wenig wert – bestenfalls, so denkt der junge Mann, könne er aus dem Fell ein Paar Handschuhe machen. Doch der Kater erweist sich als überraschend gewitzt. Er verlangt nur eines: ein Paar Stiefel, damit er sich unter den Leuten zeigen könne. Kaum ist er ausgestattet, macht er sich daran, das Glück seines Herrn zu wenden.

Mit erlegtem Wild als Geschenk verschafft sich der Kater Zugang zum König und gibt seinen mittellosen Herrn als vornehmen Grafen aus. Durch geschickte Auftritte, kleine Täuschungen und schlagfertige Reden bringt er den König dazu, den vermeintlichen Adligen für einen reichen und mächtigen Mann zu halten. Auch die Königstochter kommt ins Spiel. Wie weit die List des Katers reicht und was ihm gelingt, entfaltet die Erzählung Schritt für Schritt.

Die Handlung im Detail↑

Nach dem Tod des Müllers fällt die Mühle an den ältesten Sohn, der Esel an den zweiten und an den dritten bloß ein Kater. Der jüngste Sohn ist enttäuscht, denn das Tier scheint ihm nur dazu zu taugen, aus seinem Fell Handschuhe zu machen. Der Kater aber stellt Hilfe in Aussicht, sofern sein Herr ihm ein Paar Stiefel schustern lasse, damit er sich unter den Leuten sehen lassen könne. So geschieht es.

Der Kater fängt in einem Sack Rebhühner und überreicht sie dem König als ein Geschenk seines Herrn, den er als Grafen ausgibt. Dafür wird er mit Gold belohnt. Später lässt er den angeblichen Grafen nackt in einem See baden, gerade als der König mit seiner Tochter auf einer Ausfahrt vorbeikommt. Der Kater klagt, ein Dieb habe seinem Herrn die Kleider gestohlen. Der König lässt daraufhin eigene Kleider holen, den vermeintlichen Grafen prächtig einkleiden und in seiner Kutsche mitfahren.

Der Kater eilt voraus und bringt die Arbeiter auf Feldern und in Wäldern dazu, dem vorbeifahrenden König auf dessen Frage zu antworten, all diese Ländereien gehörten dem Grafen. Der wahre Besitzer aber ist ein mächtiger Zauberer. Den sucht der Kater auf und verleitet ihn, seine Macht zu beweisen: Er könne sich sogar in ein winziges Mäuslein verwandeln. Kaum hat der Zauberer das getan, springt der Kater herzu und frisst ihn auf. Nun nimmt er das Schloss für den Müllersohn in Besitz. Am Ende wird die Prinzessin mit dem vermeintlichen Grafen verlobt. Als der König stirbt, wird der Müllersohn selbst König – und der gestiefelte Kater sein erster Minister.

Die Grimms merkten an, auch eine Fassung in Perraults Le chat botté zu kennen, die mutmaßlich italienische Wurzeln hat. Ähnliche Geschichten wurden bereits von Giovanni Francesco Straparola und Giambattista Basile aufgezeichnet.

Stil↑

Das Märchen arbeitet mit wenigen, einfachen Motiven: der Ungerechtigkeit beim Erbe, der Dankbarkeit des Katers und schließlich dem Glück, das aus einem armen einen wohlhabenden Mann macht. Der Ton ist schwankhaft und heiter. In der von den Brüdern Grimm bearbeiteten Fassung wurden Perraults schärfere gesellschaftliche Gegensätze abgemildert und ausdrückliche Wertungen gestrichen. So erscheint der Text als volkstümliche Erzählung, versehen mit derb-anschaulichen Wendungen wie dem „splinternackend“ badenden Grafen.

Manche Deuter lesen die Geschichte als eine Art Gesellschaftssatire. Eugen Drewermann sieht im pfiffigen Kater den Überlebenswillen seines Herrn verkörpert. Da der Kater selbst nichts besitzt, ist sein ganzes Unternehmen auf List, Täuschung und den guten Ruf seines Auftraggebers angewiesen. Der Vergleich mit Goethes Reineke Fuchs liegt nahe. Wilhelm Salber betont ein Grundgefühl der Erzählung: das Empfinden, die Welt komme einem nicht entgegen, weshalb die eigenen Sehnsüchte gleichsam ausgelagert im hilfreichen Kater gelebt werden.

Rezeption↑

Über die Jahrhunderte ist der Stoff in zahllosen Fassungen für Kinder aufbereitet worden und einem breiten Publikum vertraut. Schon 1797 verfasste Ludwig Tieck seine gleichnamige Komödie Der gestiefelte Kater, die allerdings erst 1844 in Berlin uraufgeführt wurde. Anklänge finden sich auch in Joseph von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts von 1826. Gustav Falke brachte 1904 eine Nachdichtung in elf Gesängen heraus.

Auch das Musiktheater griff den Stoff auf. In Sankt Petersburg wurde 1913 eine Kinderoper des russischen Komponisten César Cui uraufgeführt. Der spanische Komponist Xavier Montsalvatge schrieb 1947 die Oper El Gato con Botas, die im Januar 1948 in Barcelona erstmals gespielt wurde. Günter Bialas vertonte den Stoff nach einem Libretto von Tankred Dorst; die Uraufführung fand 1975 in Schwetzingen statt.

Besonders reich ist die Geschichte für Bühne und Leinwand bearbeitet worden. Zahlreiche Verfilmungen entstanden seit den 1930er Jahren, darunter Silhouetten-, Zeichentrick- und Puppentrickfilme aus Deutschland, der Sowjetunion, Japan und den USA. Die DreamWorks-Studios machten den Kater ab 2011 in eigenen Animationsfilmen einem weltweiten Publikum vertraut; zuvor spielte er schon in der Shrek-Reihe eine wichtige Nebenrolle. Das Figuren- und Marionettentheater pflegt den Stoff bis heute: Die Augsburger Puppenkiste eröffnete 1948 mit ihm ihren Spielbetrieb. Hinzu kommen Hörspiele, Comic-Bearbeitungen und weitere Bühnenfassungen bis in die Gegenwart. Im Kasseler Brüder Grimm-Zentrum sind mehr als 200 Illustrationen und Ausgaben in über hundert Sprachen zusammengetragen.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten