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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Charles Perrault
Charles Perrault
1628 – 1703
– Autorenporträt –

Charles Perrault

1628 – 1703 · 75 Jahre

Charles Perrault war ein hoher Beamter am Hof Ludwigs XIV. und wurde vor allem durch seine Märchen berühmt – aus seiner Sammlung stammen Erzählungen wie Rotkäppchen, Der gestiefelte Kater und Aschenputtel, die später zum europäischen Allgemeingut wurden.

Kurzbiografie↑

Als französischer Schriftsteller und hoher Beamter am Hof Ludwigs XIV. wurde Charles Perrault (1628–1703) vor allem durch seine Märchen berühmt. Seine Sammlung Histoires ou Contes du temps passé („Geschichten oder Erzählungen aus alter Zeit“) machte das Genre in Frankreich und in ganz Europa bekannt. Aus ihr stammen Erzählungen wie Rotkäppchen, Der gestiefelte Kater, Blaubart und Aschenputtel. Auch deutsche Autoren wie die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein und der Volkskundler Franz Xaver von Schönwerth übernahmen Märchen von ihm. Neben den Märchen war Perrault eine einflussreiche Gestalt des Pariser Kulturbetriebs und löste mit einem Streitgedicht die berühmte Querelle des Anciens et des Modernes aus.


Biografie↑

Geboren wurde Perrault am 12. Januar 1628 in Paris. Sein Zwillingsbruder starb noch als Säugling. Als jüngster von vier Brüdern wuchs er in einer wohlhabenden Familie auf, die dem Pariser Juristen- und Beamtenmilieu angehörte und, wie dort häufig, dem Jansenismus nahestand. Er studierte Jura und wurde 1651 als Anwalt zugelassen.

Schon vorher hatte er zu schreiben begonnen, und zwar im damals modischen Genre der Burleske. 1648 verfasste er eine Vergil-Parodie, L'Énéide burlesque. 1649 folgte die parodistische Vers-Satire Les murs de Troie ou l'Origine du burlesque, in der er sich über das aufständische Pariser Volk mokierte, aber auch den Kardinal-Minister Mazarin nicht schonte. Schon in diesen Texten zeigt sich eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber der Antike.

Nach dem Ende der Fronde trat er 1653 in die Dienste seines ältesten Bruders Pierre, der einen hohen Posten in der Finanzverwaltung der Krone bekleidete. Über ihn wurde er am Hof eingeführt. In den Pariser Salons brillierte er als guter Unterhalter und vielseitiger Literat, etwa mit seinen Odes au Roi. Dabei fiel er dem älteren Literaten Jean Chapelain auf, der ihn dem mächtigen Minister Colbert empfahl. Dieser machte Perrault 1663 zum Sekretär der Petite Académie, einer Art Prüfinstanz für Kunst- und Literaturwerke, die König Ludwig XIV. angeboten wurden.

Wenig später wurde Perrault zu einer Art oberstem Kulturbeamten. Er wachte über die künstlerische Qualität der königlichen Bauvorhaben und war so an Umbauten des Louvre sowie – zusammen mit seinem Bruder Claude, einem Naturforscher und Architekten – an der Planung des Versailler Schlosses beteiligt. Um 1670 übernahm er von Chapelain die Liste jener Literaten, die Colbert und dem König genehm waren und eine jährliche Zuwendung aus der königlichen Schatulle erhielten. 1671 wurde er in die Académie française gewählt und kurz darauf zu deren Sekretär und Bibliothekar ernannt. 1672 heiratete er und wurde rasch vierfacher Vater, 1678 aber bereits Witwer. 1680 gab er seinen Posten an der Académie zugunsten von Colberts Sohn auf. Seit 1679 gehörte er der Académie royale des inscriptions et belles-lettres an.

Mit dem Tod Colberts endete 1683 Perraults Beamtenkarriere, und er wandte sich wieder mehr der Schriftstellerei zu. So verfasste er 1686 das christliche Epos Saint Paulin, Évêque de Nole. Anfang 1687 verlas er in einer Sitzung der Académie, die dem König galt, das Gedicht Le Siècle de Louis le Grand, in dem er die Überlegenheit seiner Zeit über die Antike behauptete. Da bis dahin das klassische Altertum als unerreichbares Vorbild galt, löste er damit eine heftige Kontroverse aus, die als Querelle des Anciens et des Modernes in die Geschichte einging. Zu den Traditionalisten, den „Alten“, zählten fast alle arrivierten Autoren der Zeit, darunter Jean de La Fontaine, Jean Racine und vor allem Nicolas Boileau, sein verbissenster Gegner. Auf der Seite der „Modernen“ standen unter anderem Pierre Bayle und Bernard le Bovier de Fontenelle.

Um seine Position zu untermauern, verfasste Perrault ab 1688 Vergleiche in Dialogform, die er bis 1697 in vier Bänden als Parallèles des anciens et des modernes herausgab. Demselben Zweck diente die Porträtserie Les Hommes illustres qui ont paru en France pendant ce Siècle (1696–1700). Die Zeit arbeitete für ihn: Boileau versöhnte sich 1694 öffentlich mit ihm, und um 1700 galt die Gleichwertigkeit der Moderne als weithin anerkannt.

Berühmt wurde Perrault jedoch vor allem durch seine Märchen. Von 1691 bis 1694 hatte er drei märchenartige Verserzählungen veröffentlicht: Griseldis, Les Souhaits ridicules und Peau d'Âne (Eselshaut). Nach diesem Erfolg veröffentlichte er 1697 ohne Autornamen acht Prosaerzählungen unter dem Titel Histoires ou Contes du temps passé, später auch Contes de ma mère l'Oye („Geschichten meiner Mutter Gans“) genannt. Als Unterzeichner der Widmung und angeblicher Autor firmierte „P. Darmancour“, Perraults 1678 geborener Sohn Pierre. Im selben Jahr 1697 veröffentlichte Perrault auch das religiöse Epos Adam ou la Création de l'Homme, das er Bischof Bossuet widmete; vielleicht wollte er die Märchen deshalb nicht mit seinem eigenen Namen zeichnen. 1701 begann er mit seinen Memoiren, die aber erst postum 1755 gedruckt wurden. Perrault starb in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 1703 in Paris.


Literarische Merkmale↑

Für seine Märchen griff Perrault auf Stoffe aus mündlicher Überlieferung ebenso zurück wie auf andere Autoren, etwa Giovanni Francesco Straparola und Giambattista Basile. Er passte sie dem Geschmack des zeitgenössischen Publikums an, besonders dem der Pariser Salons. Die einzelnen Texte verfasste er in bewusst schlichter, leicht archaisierender Prosa. Jedem Märchen ließ er eine „Moral“ in Versform folgen, die die Erzählung witzig kommentiert und ironisiert. Manchen Texten fügte er sogar zwei solche Kommentare an, die sich gegenseitig relativieren. Schon in seinen frühen burlesken Dichtungen hatte sich zudem eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber der Antike gezeigt.


Rezeption↑

Über Umwege gelangten veränderte Fassungen von Perraults Erzählungen in die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch. Auch Ludwig Tieck übersetzte die Märchen ins Deutsche. Viele von ihnen wurden zum europäischen Allgemeingut und in Schauspiel, Oper, Ballett und Film bearbeitet. Das bis heute populäre Ballett Dornröschen (1890) von Tschaikowski beruht auf Perraults La belle au bois dormant. Maurice Ravel komponierte 1910 die Klaviersuite Ma mère l'Oye, die er später orchestrierte und 1911 auch als Ballettmusik aufführte. Zu den bekanntesten Bearbeitungen zählen die Disney-Zeichentrickfilme Cinderella (1950) und Dornröschen (1959), die allerdings auf den englischen Fassungen beruhen. 2017/2018 widmete das Historische Museum Hanau Perrault und den Brüdern Grimm eine Kabinettsausstellung.

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