1852 – 1915
Jizchok Leib Perez
Kurzbiografie↑
Jizchok Leib Perez zählt zu den Begründern der modernen jiddischen Literatur. Geboren 1852 im damaligen Kongresspolen, schrieb er auf Jiddisch, Polnisch und Hebräisch. Neben Mendele Moicher Sforim und Scholem Alejchem gilt er als eine der prägenden Gestalten der jüdischen Belletristik; die Literaturgeschichte rühmt ihn als einen der bedeutendsten psychologisierenden Dichter und als hervorragenden jiddischen Dramatiker. Sein Werk führt vom aufklärerischen Frühwerk über realistische Novellen aus dem Leben der chassidischen Juden Osteuropas bis zu symbolhaften Dramen voller Mystik. Warschau, wo er ab 1889 lebte und 1915 starb, wurde durch ihn zu einem Zentrum jüdischer Dichtung und jüdischen Theaters.
Biografie↑
Geboren wurde Perez am 18. Mai 1852 in Zamość im damaligen Kongresspolen. Seine Eltern waren wohlhabend und wohltätig und stammten aus einer sefardischen Familie. Er erhielt die übliche jüdische Bildung in Tanach und Talmud samt Kommentaren. Vieles eignete er sich jedoch selbst an: Er erwarb autodidaktisch ein großes Wissen in religiösen wie in weltlichen Fragen. Privatunterricht bekam er in hebräischer Grammatik, in Deutsch und in Russisch.
Mit zwanzig Jahren heiratete er die Tochter des hebräischen Schriftstellers Gabriel Jehuda Lichtenfeld. Mit dem Schwiegervater gab er gemeinsam ein Bändchen Gedichte heraus. An der Universität Warschau studierte Perez Rechtswissenschaften. Nach dem erfolgreichen Abschluss 1877 ließ er sich in seiner Heimatstadt als Rechtsanwalt nieder. Politisch aktiv war er schon während des Studiums gewesen. Als Anwalt trat er immer wieder als politischer Redner auf und engagierte sich in der Arbeiterbildung.
Die Behörden sahen dieses Engagement mit Misstrauen. Nach mehreren Verwarnungen durch die Anwaltskammer wurde ihm 1889 wegen Aufwiegelei die Zulassung entzogen. Perez übersiedelte nach Warschau. Dort stellte ihn die jüdische Gemeinde als Sekretär an. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Mitarbeiter in einem statistischen Büro, später als Aufseher über die jüdischen Friedhöfe der Stadt. Die Arbeit im statistischen Büro brachte ihn mit der Lebenswirklichkeit und dem Elend der Landbevölkerung in Berührung. Von da an beschrieb er in seinem Werk vorzugsweise das Leben der jüdischen Unterschicht und warb für die neuen Ideale des Sozialismus.
Neben den vielen politischen Blättern entstanden in Polen damals auch literarische Zeitschriften. Perez machte 1891 den Anfang mit der Gründung der Jiddischen Bibliothek. Bis sich das Blatt etablierte, dauerte es allerdings noch Jahre. 1894 unternahm er einen zweiten, 1896 einen dritten Anlauf, diese jüdische Wochenschrift herauszugeben. Er wollte damit das Gedankengut von Aufklärung und Sozialismus verbreiten. Die Zeitschrift beschäftigte sich mit jiddischer und hebräischer Kultur und Sprache. Als Herausgeber wollte Perez der jiddischen Literatur ein eigenes Forum verschaffen. Die erschienenen Hefte zeugen vom revolutionären Geist dieser Jahre und von der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln.
1899 wurde Perez verhaftet und musste einige Monate ins Gefängnis. Seinem Ansehen schadete das nicht. Er kämpfte gegen die Chibbat-Zion-Bewegung, gegen die Hebraisten und gegen die Orthodoxie gleichermaßen. Die Zukunft der Juden sah er in der Diaspora und in der jiddischen Sprache, verbunden mit einem milden Sozialismus. 1894 veröffentlichte er im hebräischen Sammelbuch Hachez eine scharfe Kritik an Achad Haam. Dem „Bund“, der jüdischen sozialistischen Partei seiner Zeit, stand er dabei kritisch gegenüber. Seit seiner Rede auf der jiddischistischen Konferenz in Czernowitz 1908 galt er als einer der Wortführer für das Jiddische. Gegen die dortige Resolution, Jiddisch sei die einzige nationale Sprache der Juden, hatte er sich allerdings gewehrt. 1910 übertrug man ihm die Leitung der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft in Warschau.
Perez war der Mittelpunkt der jüdischen Literatur in Polen. Studenten und Akademiker wandten sich an ihn, baten ihn um ein Urteil über ihre Schriften oder um Rat in gesellschaftlichen Fragen. Seine Wohnung war ein Treffpunkt von Schriftstellern. So wurde Warschau zum Zentrum jüdischer Dichtung und jüdischen Theaters.
Perez starb 1915 in Warschau. Über das genaue Todesdatum gehen die Quellen auseinander: Die Normdaten der Deutschen Nationalbibliothek und Wikidata nennen den 21. März 1915, andere Darstellungen den 3. April 1915. Seine Beerdigung auf dem Jüdischen Friedhof an der Okopowa-Straße wurde zu einer spontanen politischen Kundgebung, an der weit über 100.000 Menschen teilnahmen.
Literarische Merkmale↑
Drei Sprachen standen Perez zur Verfügung, und er nutzte alle drei: Polnisch, Hebräisch und Jiddisch. Sein Frühwerk ist noch ganz den Gedanken der jüdischen Aufklärung und Emanzipation verpflichtet. Als Feuilletonist schrieb er unter den Decknamen Luzifer, Lez und Ben Tamar.
Nach der gescheiterten Revolution von 1905 wandte er sich in realistischen Novellen den Lebensproblemen der chassidischen Juden Osteuropas zu. In diesen Jahren klingt eine gewisse Resignation an. Seit der Warschauer Zeit stand das Leben der jüdischen Unterschicht im Mittelpunkt seines Schreibens, verbunden mit dem Werben für sozialistische Ideale.
Im Spätwerk trat die Resignation zurück. An ihre Stelle traten symbolhafte Dramen, in denen die Mystik einen sehr großen Raum einnimmt. Diese Verbindung von genauer psychologischer Zeichnung und mystischer Bildersprache prägt das Bild, das die Literaturgeschichte von ihm zeichnet: als einer der bedeutendsten psychologisierenden Dichter und als hervorragender jiddischer Dramatiker.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten war Perez eine Autorität. Studenten und Akademiker legten ihm ihre Schriften zur Beurteilung vor und suchten seinen Rat in gesellschaftlichen Fragen. Seine Warschauer Wohnung war ein Treffpunkt für Schriftsteller. Welches Ansehen er genoss, zeigte sich bei seinem Begräbnis 1915: Weit über 100.000 Menschen folgten dem Zug zum Jüdischen Friedhof an der Okopowa-Straße, und die Trauerfeier wurde zu einer politischen Kundgebung.
Sein Wirken hallte in Warschau nach. 1916 wurde der Jüdische Schriftsteller- und Journalistenverein gegründet, der unter dem Namen Tlomatske 13 bekannt wurde. Zur literarischen Hauptfigur der Stadt wurde nach seinem Tod Hirsch David Nomberg. In der jiddischen Literatur hielt danach der Expressionismus Einzug.
In der Literaturgeschichte steht Perez neben Mendele Moicher Sforim und Scholem Alejchem als einer der Begründer der modernen jiddischen Literatur und der jüdischen Belletristik überhaupt. Sein Name erscheint in zahlreichen Schreibweisen, bedingt durch Umschriften aus dem Jiddischen, Hebräischen und Polnischen sowie durch Anpassungen in den verschiedenen Diasporagemeinden. Verzeichnet ist er unter anderem in der YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe und in der Jewish Encyclopedia.
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