1914
Der Sohn
Überblick↑
Das Drama Der Sohn von Walter Hasenclever erschien 1914 und ist in fünf Akten angelegt. Es gilt als sein wichtigstes Bühnenwerk und zählt zu den bedeutenden Dramen des Expressionismus. Im Mittelpunkt steht die innere Reifung eines jungen Mannes und der Konflikt zwischen den Generationen. Was als private Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn beginnt, weitet sich zu einem gesellschaftlichen Konflikt aus, der sich in einem regelrechten „Kampf gegen die Väter“ entlädt. Am Ende kehrt das Stück zur privaten Ebene zurück.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein etwa zwanzigjähriger junger Mann hat gerade die Matura, also die Reifeprüfung, nicht bestanden. Er lebt unter der Herrschaft eines überstrengen Vaters, der ihm fast jedes Vergnügen verbietet und ihn abends nicht mehr aus dem Haus lassen will. Der Sohn fühlt sich ungeliebt und nicht ernst genommen. Zunächst wagt er nicht einmal, dem Vater die schlechte Nachricht selbst zu überbringen.
Zwei Menschen bringen Bewegung in sein Leben. Da ist das Fräulein, seine Gouvernante, die ihn eigentlich überwachen soll, aber Mitleid mit ihm empfindet und ihm näherkommt. Und da ist ein Freund, der ihn aus dem elterlichen Haus herauslockt und ihn in eine geheime Gesellschaft junger Leute einführt. Dort begegnet der Sohn Gleichgesinnten, die zur Auflehnung gegen die Vätergeneration aufrufen.
Aus dem scheuen, gedemütigten jungen Mann wird ein Redner, der eine begeisterte Menge mitreißt. Der Weg führt ihn immer weiter fort von seinem bisherigen Leben und stellt ihn schließlich vor eine Entscheidung, die alles verändern wird. Wie der Konflikt mit dem Vater ausgeht, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Akt gesteht der Sohn seinem Hauslehrer, dass er die Matura nicht bestanden hat. Er möchte es dem Vater nicht selbst sagen und bittet den Lehrer, ihm die Nachricht per Telegramm zu übermitteln. Im Gespräch zeigt sich die ganze Verzweiflung des jungen Mannes: Er fühlt sich vom überstrengen Vater ungeliebt, fast jedes Vergnügen ist ihm verboten. Der Hauslehrer verabschiedet sich, weil er mit seiner Entlassung rechnet. Der Sohn bereitet einen Selbstmord vor, schreckt aber davor zurück. Da kommt ein Freund zu Besuch, und der Sohn spürt wieder Freude am Leben, während der Freund vom Dasein enttäuscht ist. Als das Fräulein, die Gouvernante, das Abendessen ankündigt, schwärmt der Freund von ihrer Schönheit, und dem Sohn fällt sie zum ersten Mal wirklich auf. Das Fräulein soll dem Vater täglich über den Sohn berichten und ihn abends nicht mehr aus dem Haus lassen. Aus Mitleid überlässt sie ihm dennoch den Hausschlüssel. Beide kommen sich näher, er küsst sie, doch sie wendet sich rasch ab.
Am folgenden Abend gesteht das Fräulein, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt. Der Sohn bittet sie, nachts zu ihm zu kommen, und will sich vom Vater lossagen und mit ihr fliehen. Sie verspricht zu kommen, will aber nicht mit ihm gehen, weil sie meint, er müsse die ersten Schritte in die Freiheit allein tun. Dann kommt der Vater und macht dem Sohn Vorwürfe wegen der Prüfung. Er kündigt noch größere Strenge an und will ihm sogar seine Bücher und jede andere Ablenkung verbieten. Der Sohn versucht, auf Augenhöhe mit ihm zu reden, und bietet ihm statt der Vater-Sohn-Beziehung eine gleichberechtigte Freundschaft an. Weil er mit knapp zwanzig Jahren noch nicht volljährig ist, bleibt er dem Vater ausgeliefert. Eine Ohrfeige des Vaters demütigt ihn, lässt ihn aber zugleich moralisch überlegen fühlen. Wegen der pathetischen Reden von Freiheit und dem Triumph der Jugend sperrt ihn der Vater, der Arzt ist, im Zimmer ein und meint, er rede im Fieber. Durchs Fenster kommt der Freund und berichtet, die Flucht sei vorbereitet: Helfer hätten sich mit Revolvern im Garten versteckt. Als danach das Fräulein erscheint, erzählt ihr der Sohn von seinem Plan und flieht aus dem Fenster.
Im dritten Akt bringt der Freund den Sohn zur Versammlung einer Geheimgesellschaft, dem „Klub zur Erhaltung der Freude“. Zwei Mitglieder, Cherubim und Tuchmeyer, sprechen über den Abend, für den Cherubim eine Rede vorbereitet hat: Sie soll zur Revolte gegen die Väter aufwiegeln und ein zügelloses Genussleben predigen. Fürst Scheitel, der Sohn des regierenden Monarchen, erklärt sich mit dem Aufstand solidarisch, will aber wegen seiner Herkunft nicht selbst teilnehmen. Als der Freund eintritt, gerät er mit Cherubim in Streit darüber, wer reden darf. Er erzwingt einen Kompromiss: Ein Dritter soll sprechen. Dieser Dritte ist der geistig völlig entrückte Sohn. Auf Befehl des Freundes tritt er vor die versammelte Menge und spricht von seinen Leiden. Er ruft zur Revolution der Söhne gegen die Väter auf, und die Menge gerät in begeisterten Aufruhr.
Der vierte Akt zeigt den Sohn, wie er mit Adrienne, einer Prostituierten, in einem Hotelzimmer erwacht. Sexuell unerfahren, bittet er sie, ihn weiter zu „unterrichten“. Nachdem sie gegangen ist, tritt der Freund ein und rät ihm, sich nicht mit Adrienne aufzuhalten, sondern Verantwortung für den angezettelten Aufstand zu übernehmen. Er gibt offen zu, den Sohn manipuliert zu haben, weil er ihn für einen geeigneten Aufrührer hielt. Nun überredet er ihn, den Worten Taten folgen zu lassen und den eigenen Vater zu erschießen. Zugleich hat der Freund dem Vater den Aufenthaltsort des Sohnes verraten; die Polizei ist bereits unterwegs, sodass kaum Bedenkzeit bleibt. Beim Gedanken an den Vatermord bricht der Sohn zunächst zusammen, entschließt sich dann aber dazu. Polizisten treten ein, ein Kommissar fesselt ihn und führt ihn ab; da sein Entschluss feststeht, wehrt er sich nicht. Der Freund hält seine Aufgabe für erfüllt und will sich mit Gift töten.
Der fünfte Akt spielt im Zimmer des Vaters. Der Kommissar, der selbst Söhne hat, versucht den Vater zur Versöhnung zu bewegen. Er möchte ihm klarmachen, seinen Sohn als Geschenk zu begreifen, das man nicht auf ewig hassen könne. Doch der Vater beharrt auf seiner Macht und hält alles außer der „äußersten Strenge“ für gescheitert. Weil der Sohn seine Autorität nicht anerkennt, fühlt er sich entehrt und will ihn verstoßen. Der Kommissar schickt den Sohn herein. Dieser tritt dem Vater zum ersten Mal selbstbewusst gegenüber und blickt sogar auf ihn herab. Er fordert „Rechenschaft“ für die an ihm begangenen „Verbrechen“ und verlangt seine Freiheit; er will keine Freundschaft mehr, sondern den endgültigen Bruch. Er erzählt von der nächtlichen Versammlung und dem Aufstand, der bald auch den Vater entmachten werde. Der Vater erklärt, er sehe ihn nicht mehr als seinen Sohn an; bis zur Volljährigkeit solle er in eine Anstalt gesperrt werden, damit die Gesellschaft vor ihm geschützt sei. Als der Sohn zu allem entschlossen scheint, bekommt der Vater Angst und will die Polizei anrufen. Da bedroht ihn der Sohn mit einem Revolver, den er zuvor schon mehrmals fast gezogen hätte. Nach einem kurzen Augenblick der Erstarrung wird der Vater „vom Schlag gerührt“: Er stürzt zu Boden und stirbt. Das Fräulein kommt herein und erkennt, was geschehen ist. Sie will nun bei ihm bleiben, doch er sieht, dass er sich innerlich zu weit von ihr entfernt hat und allein bleiben kann und muss.
Stil↑
Über weite Strecken ist das Drama in einem sehr gehobenen Sprachstil gehalten. Besonders die Reden des Sohnes sind pathetisch aufgeladen und vermitteln eine große Tiefe des Gefühls. Manche Sätze erinnern in ihrem prophetischen Ton an das Alte Testament. Die aufrührerischen Reden zeigen leichte Anklänge an den jungen Schiller, vor allem an die Figur des Karl Moor aus den Räubern.
Hasenclever behandelt seine Figuren und deren Vorstellungen mit einer leichten Ironie. Das gilt für die Überspanntheit und Naivität des Sohnes ebenso wie für die verschwommenen, unausgegorenen Ideen der Klubmitglieder, die diese mit umso größerer Vehemenz vortragen.
Einige Szenen sind in Versen geschrieben, und zwar in gereimten fünfhebigen Jamben. Es handelt sich um zwei Monologe des Sohnes, einen Monolog des Fräuleins und einen abschließenden Dialog zwischen beiden, der ihre Trennung besiegelt und das Stück beendet. In diesen Passagen ist die Sprache besonders eindringlich; der Ausdruck des Gefühls wird wichtiger als der Fortgang der Handlung.
Rezeption↑
Als eines der bedeutenden Werke des Expressionismus hat sich Der Sohn einen festen Platz in der Literatur dieser Strömung erobert. Innerhalb von Hasenclevers Schaffen gilt das Stück als sein wichtigstes Drama. Seine Wirkung verdankt es dem Thema des Generationenkonflikts, das hier über die private Auseinandersetzung hinaus zu einem gesellschaftlichen Aufbegehren gesteigert wird. Der Ruf nach einem „Kampf gegen die Väter“ traf den Nerv einer jungen Generation, die sich gegen die Autorität der Älteren auflehnte, und machte das Werk zu einem Schlüsseltext seiner Zeit.
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