1935
Freshwater
Überblick↑
Das Werk Freshwater ist das einzige Theaterstück von Virginia Woolf. Es ist eine dreiaktige Komödie und eine Satire auf das viktorianische Zeitalter. Eine erste Fassung entstand 1923. Eine überarbeitete zweite Fassung wurde 1935 vor ausgewähltem Publikum uraufgeführt. Regie führte Woolf selbst. Gespielt wurde im engsten Kreis der Bloomsbury-Gruppe, darunter ihr Ehemann Leonard Woolf, ihre Schwester Vanessa Bell und der Maler Duncan Grant. Schauplatz und Stoff entstammen Woolfs eigener Familiengeschichte. Im Mittelpunkt steht ihre Großtante, die Fotografin Julia Margaret Cameron, mit ihrer Künstler-Enklave auf der Isle of Wight. Das kleine Stück ist eine spöttisch-liebevolle Abrechnung mit den Zwängen einer Epoche, unter denen die Autorin selbst gelitten hat.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz des Stücks ist Freshwater auf der Isle of Wight. Dort hat die Fotografin Julia Margaret Cameron – Virginia Woolfs Großtante – eine kleine Enklave von Künstlern, Dichtern und Exzentrikern um sich versammelt. In diesem Mikrokosmos viktorianischer Hochkultur tritt die erst sechzehnjährige Schauspielerin Ellen Terry auf. Sie ist mit dem deutlich älteren, hochangesehenen Maler George Frederick Watts verheiratet. Sie versucht, dieser Ehe und ihren Zwängen zu entkommen. Um sie herum drängen sich Maler, Modelle und prominente Gäste. Jeder von ihnen hat eigene viktorianische Eitelkeiten, Marotten und Verstrickungen. In drei kurzen Akten entfaltet sich daraus ein dichtes Geflecht aus Verwicklungen, leichten Tönen und scharfen Beobachtungen über eine Epoche, die ihre Künstler verehrt und ihre Frauen einsperrt.
Die Handlung im Detail↑
Die Komödie spielt im Haus der Fotografin Julia Margaret Cameron in Freshwater auf der Isle of Wight. Hier hat Cameron eine Enklave viktorianischer Künstlerprominenz um sich versammelt – eine kleine Welt für sich, in der Posen gehalten, Bilder gemalt und Verse geschmiedet werden. Im Mittelpunkt steht die sechzehnjährige Schauspielerin Ellen Terry, die mit dem deutlich älteren Maler George Frederick Watts verheiratet ist. Watts behandelt seine junge Frau eher wie ein Modell und ein Sinnbild als wie eine Person; Ellen leidet unter dieser Ehe und sucht nach einem Ausweg aus den engen Konventionen, die ihr Leben einschnüren.
Um dieses Paar gruppieren sich die Bewohner und Gäste der Künstler-Enklave: Julia Margaret Cameron mit ihrer Begeisterung fürs Fotografieren, ihr Mann und weitere Figuren aus dem viktorianischen Kunst- und Geistesleben. Jede dieser Figuren bringt eine eigene Spielart viktorianischer Selbstinszenierung mit – Pathos, Eitelkeit, künstlerische Sendung, die Mode der Bedeutsamkeit. Aus dem Zusammenstoß dieser Marotten mit Ellens nüchternem Wunsch nach Freiheit entstehen die komischen Verwicklungen der drei Akte.
Das Stück verdichtet aus Anekdoten der weit verzweigten Familiengeschichte Woolfs ein Tableau, das die Enge dieser Welt von innen ausleuchtet. Es endet als das, was Klaus Reichert in seinem Nachwort eine spöttisch-liebevolle Abrechnung mit den Zwängen des viktorianischen Zeitalters nennt – jener Zwänge, unter denen Virginia Woolf selbst zu leiden hatte.
Stil↑
Das Werk Freshwater ist als komisches Kurzstück in drei Akten angelegt. Es arbeitet mit den Mitteln der Satire. Woolf verlässt für diesen einen Ausflug die Form ihrer großen Romane und schreibt eine Komödie für den engsten Kreis. Das Stück sollte im Familien- und Freundeskreis der Bloomsbury-Gruppe gespielt werden und gewinnt seinen Ton aus dieser privaten Aufführungssituation. Der Witz lebt vom Spiel mit den Posen und Sprechweisen des viktorianischen Zeitalters. Ehrwürdige Maler, fotografierende Tanten und junge Frauen in arrangierten Ehen werden in einer ebenso spöttischen wie zärtlichen Bewegung vorgeführt. Der Wortwitz, den die Kritik der späteren Off-Broadway-Aufführung hervorgehoben hat, trägt das knappe Stück.
Rezeption↑
Die zweite Fassung des Stücks wurde 1935 vor ausgewähltem Publikum uraufgeführt. Regie führte Virginia Woolf selbst, und die Mitwirkenden stammten weitgehend aus der Bloomsbury-Gruppe. Eine breitere Rezeption setzte erst Jahrzehnte später ein. 1980 erschien eine spanische Übersetzung. 1982 folgte eine französische Ausgabe in der Übertragung von Elisabeth Janvier. Im selben Jahr wurde das Stück im Centre Pompidou aufgeführt. An einer Pariser Wiederaufführung Anfang der 1980er Jahre waren prominente Autoren wie Eugène Ionesco, Alain Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute beteiligt. Die erste deutsche Aufführung fand erst 1994 in Mainz statt. 2009 wurden die überarbeitete Fassung und die Originalversion gemeinsam Off-Broadway gespielt. Charles Isherwood lobte in der New York Times den Wortwitz des Stücks. Im September 2017 erschien Freshwater im Berliner AvivA Verlag in der deutschen Übersetzung von Tobias Schwartz. Die Ausgabe ist eingebettet in dessen Rahmenstück Bloomsbury über die ungewöhnliche Uraufführungssituation und versehen mit einem Nachwort des Woolf-Herausgebers Klaus Reichert.
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