1882 – 1941
Virginia Woolf
Kurzporträt↑
Virginia Woolf (1882–1941) war eine britische Schriftstellerin und Verlegerin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Stimmen der literarischen Moderne. Geboren wurde sie in eine wohlhabende Londoner Intellektuellenfamilie. Früh wurde sie als Literaturkritikerin und Essayistin bekannt. 1915 debütierte sie mit dem Roman The Voyage Out als Romanautorin. Mit Werken wie Mrs Dalloway, To the Lighthouse und The Waves entwickelte sie die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms zu literarischer Meisterschaft. Ihr Essay A Room of One's Own aus dem Jahr 1929 wurde in den 1970er Jahren zu einem der meistzitierten Texte der neuen Frauenbewegung. Neben Gertrude Stein zählt sie zu den bedeutendsten Autorinnen der klassischen Moderne.
Biografie↑
Adeline Virginia Stephen wurde am 25. Januar 1882 in London geboren. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet lediglich London als Geburtsort. Wikidata präzisiert den Familienwohnsitz in 22 Hyde Park Gate im Stadtteil Kensington. Ihr Vater Leslie Stephen war Schriftsteller, Historiker, Essayist, Biograph und Bergsteiger. Er gab zudem das monumentale Dictionary of National Biography heraus. Ihre Mutter Julia entstammte ebenfalls dem intellektuellen Milieu. Drei leibliche Geschwister – Vanessa, Thoby und Adrian – wuchsen mit ihr auf, dazu mehrere Halbgeschwister aus früheren Ehen der Eltern. Im Salon des Vaters verkehrte die intellektuelle und künstlerische Elite der Zeit, darunter Alfred Tennyson, Thomas Hardy und Henry James.
Virginia besuchte keine Schule. Sie wurde von Hauslehrern und ihrem Vater unterrichtet. Dessen umfangreiche Bibliothek ließ sie früh den Wunsch fassen, Schriftstellerin zu werden. Die Sommer von 1882 bis 1894 verbrachte die Familie im Talland House in St Ives in Cornwall, mit Blick auf den Leuchtturm von Godrevy Point. Diese Landschaft kehrte später in Jacob's Room und To the Lighthouse wieder. Biographen beschreiben, dass die Halbbrüder Gerald und George Duckworth Virginia missbraucht oder unsittlich berührt hätten. Sie selbst hat dies in ihrem autobiographischen Text A Sketch of the Past nur angedeutet. Hermione Lee weist darauf hin, dass das Beweismaterial stark, aber vieldeutig sei. Daneben gilt eine genetische Veranlagung als wahrscheinlicher Mitauslöser ihrer bipolaren Erkrankung. Auch ihr Vater litt zeitlebens unter Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Angstzuständen.
Der Tod der Mutter am 5. Mai 1895 löste Virginias ersten psychischen Zusammenbruch aus. 1897 starb die Halbschwester Stella, 1904 der Vater an Krebs. Zehn Wochen später erlitt Virginia ihre zweite Krankheitsepisode. 1904 erschien im Guardian ihr erster Artikel. 1905 zogen die Stephen-Geschwister in den Stadtteil Bloomsbury an den Gordon Square 46. Aus den dort begonnenen Donnerstagsabenden ging die Bloomsbury Group hervor. Zu ihr gehörten unter anderem Lytton Strachey, Leonard Woolf, Roger Fry, Clive Bell, John Maynard Keynes und Bertrand Russell. Ab 1905 schrieb Virginia regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften. Ihre Mitarbeit am Times Literary Supplement währte bis an ihr Lebensende. 1906 starb der Bruder Thoby an Typhus. Vanessa heiratete Clive Bell, Virginia und Adrian zogen an den Fitzroy Square 29.
Am 10. Februar 1910 beteiligte sich Virginia am sogenannten Dreadnought-Streich. Verkleidet als abessinische Diplomaten ließen sich sie und ihre Freunde das modernste britische Kriegsschiff zeigen – ein Coup, der bis ins Oberhaus für Aufregung sorgte. 1912 heiratete sie nach längerem Zögern Leonard Woolf, der zuvor im Kolonialdienst auf Ceylon gewesen war. Ein Arzt riet dem Paar von Kindern ab. 1913 unternahm Virginia ihren ersten Suizidversuch mit Schlaftabletten. Dennoch beschrieb sie die Ehe als glücklich. Denn Leonard nahm ihre zärtlichen Beziehungen zu anderen Frauen ebenso wie ihre Frigidität ihm gegenüber mit Gelassenheit hin. 1915 erschien ihr Romandebüt The Voyage Out bei Duckworth & Co.
1917 gründete das Ehepaar den Verlag Hogarth Press. Das erste Buch, Two Stories, setzten und druckten sie eigenhändig in der Speisekammer ihres Hauses. Bis 1932 entstanden so 34 Bücher. Den ihnen 1918 angebotenen Ulysses von James Joyce lehnten sie ab. Virginia war vom Inhalt nicht überzeugt. 1919 erwarben die Woolfs für 700 Pfund das Cottage Monk's House in Rodmell in Sussex. 1922 erschien Jacob's Room, in dem Virginia erstmals konsequent mit dem inneren Monolog arbeitete. Im Dezember desselben Jahres lernte sie Vita Sackville-West kennen. Aus der Freundschaft wurde von 1925 bis 1928 eine Liebesbeziehung, die danach in lebenslange Freundschaft überging.
1925 erschien Mrs Dalloway, in dem sie die Technik des Bewusstseinsstroms perfektionierte. 1927 folgte To the Lighthouse, den Leonard ein Meisterwerk nannte. 1928 erschien Orlando, eine humorvolle Liebeserklärung an Vita Sackville-West. Deren Hauptfigur lebt vom 16. bis ins 20. Jahrhundert und wechselt das Geschlecht. 1929 erschien der Essay A Room of One's Own, der in England und Amerika binnen eines halben Jahres 22.000 Exemplare fand. 1931 folgte The Waves, 1933 die Romanbiographie Flush über den Hund Elizabeth Barrett Brownings. 1937 erschien ihr umfangreichster Roman The Years, 1938 der feministische Essay Three Guineas, in dem sie Patriarchat, Militarismus und Faschismus zusammenführte. Den Ehrendoktortitel der Universität Liverpool lehnte sie 1939 ab.
Nach der britischen Kriegserklärung an Deutschland im September 1939 zogen sich die Woolfs ganz nach Monk's House zurück. Leonard war Jude und Sozialist. Deshalb beschloss das Paar im Mai 1940 den gemeinsamen Suizid für den Fall einer deutschen Invasion. Sie hatten Gift und Benzin in der Garage gehortet. Im September 1940 wurde ihr Londoner Haus am Mecklenburgh Square bei einem Luftangriff schwer beschädigt. Nach Abschluss ihres letzten Romans Between the Acts fiel Virginia 1941 erneut in eine tiefe Depression. Am 28. März 1941 ertränkte sie sich im Fluss Ouse bei Rodmell. Um eine Selbstrettung zu verhindern, packte die geübte Schwimmerin einen großen Stein in ihren Mantel. Ihre Leiche wurde erst am 18. April gefunden. Leonard begrub ihre Asche unter zwei großen Ulmen im Garten von Monk's House.
Literarische Merkmale↑
Virginia Woolf gilt mit ihrem avantgardistischen Werk als eine der prägenden Erneuerinnen der erzählerischen Form. Ihr Markenzeichen ist die Technik des Bewusstseinsstroms (Stream-of-Consciousness). Damit schildert sie das Geschehen nicht von außen, sondern entfaltet es durch die Gedankenwelt, die Stimmungen und Eindrücke ihrer Figuren. Erste Ansätze dieser Methode finden sich in Jacob's Room (1922). In Mrs Dalloway (1925) hat sie das Verfahren zur vollen Reife gebracht. In ihrem Essay Mr Bennett and Mrs Brown rechnete sie 1924 mit der tradierten Erzählkunst ab. Damit legte sie die theoretische Grundlage für ihren neuen Stil.
Mrs Dalloway, To the Lighthouse und The Waves werden gemeinsam als ihre drei experimentellen Romane gezählt. The Waves arbeitet in Montagetechnik und spannt den Bogen über sechs Menschenleben von der Kindheit bis zum Alter, eingefügt in den Verlauf eines schönen Sommertages. To the Lighthouse wollte Virginia ursprünglich nicht als Roman, sondern als „Elegie" bezeichnen. Die Niederschrift kam einer Psychoanalyse nahe, bei der das Erzählen selbst die Herrschaft der verstorbenen Eltern über sie bannte. Über eine Stelle des Buches notierte sie zufrieden: „Weich & geschmeidig, & tief, meine ich, & kein einziges falsches Wort, seitenlang manchmal."
Neben den experimentellen Werken stehen Romane in eher konventioneller Manier wie Night and Day (1919) oder The Years (1937), in dem sie in die unkomplizierte Erzählweise der englischen Romantradition zurückkehrte. Mit Orlando (1928) schuf sie eine spielerische, humorvolle Form, die Zeit, Geschlecht und Identität in Bewegung bringt. Autobiographische Bezüge sind in vielen ihrer Bücher greifbar. Am deutlichsten zeigt sich das in To the Lighthouse, das die Geschichte der Stephen-Familie verarbeitet und Talland House in St Ives zum verwunschenen Schauplatz macht.
In ihren Essays verband sie analytische Schärfe mit Witz. A Room of One's Own zeigt sie als gescheite, leichthändige Polemikerin, Three Guineas als unbeugsame Streiterin, deren Schärfe selbst Freunde polemisch fanden. Ihre Briefe wiederum zeigen, so Eva Menasse in der „Zeit", eine andere Seite: pointierte, satirische Miniaturen, in denen nichts zu spüren ist von den Qualen, die das Schreiben der Romane für sie bedeutete.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten wurde Virginia Woolfs Werk außerhalb des englischsprachigen Raums kaum wahrgenommen. In Großbritannien war sie als Tochter eines bekannten Literaten und durch den Dreadnought-Streich früh in den Fokus der Presse gerückt. Spätestens mit ihrem Romandebüt, ihren Essays und den Publikationen der Hogarth Press wurde sie einem größeren Leserkreis bekannt. Klaus Mann besprach 1929 die deutsche Ausgabe von Mrs Dalloway als „lebenswahres Werk" und „radikalstes 20. Jahrhundert". Die eigentliche Wiederentdeckung kam in den 1970er Jahren. Im angloamerikanischen Universitätsbetrieb wuchs nach 1945 das Interesse an ihrer psychologischen Erzählhaltung und ihrer Gesellschaftskritik. In Toronto entstand die International Virginia Woolf Society als koordinierendes Netzwerk. A Room of One's Own wurde zum meistzitierten Text der neuen Frauenbewegung. Die Lesben- und Schwulenbewegung und spätere LGBT-Aktivisten machten Woolf zu einer Leitfigur weiblichen Schreibens, wegen ihrer androgynen Frauencharaktere und des spielerischen Geschlechterwandels in Mrs Dalloway, Orlando und The Waves. Dabei lässt sie sich in keine geschlechtsspezifische Position festlegen.
Im deutschsprachigen Raum war ihr Werk in der Nachkriegszeit zunächst nur einer literarischen Elite vertraut. Erst in den 1970er und 1980er Jahren wurde es von Teilen der Frauenbewegung aufgenommen. Ingrid Strobl kritisierte 1980 in der Emma eine „Identifikation mit Schwäche" als Leitthema dieser Rezeption und verglich Woolf zugespitzt mit Sylvia Plath. Nigel Nicolson sparte in seiner 2000 erschienenen Biographie ihren latenten Antisemitismus und Fremdenhass nicht aus. In Tagebüchern und bei Tisch nannte Virginia die Familie ihres jüdischen Mannes gelegentlich „the Jews". Hermione Lee zitierte in ihrer 1996 erschienenen Biographie Woolfs eigenes Bedauern in einem Brief an Ethel Smyth: „Wie es mir zuwider war, einen Juden zu heiraten […] – ich war ein solcher Snob!" Auch E. M. Forster sah den Einfluss der Frauenbewegung ambivalent. Er rühmte zwar A Room of One's Own, hielt aber Three Guineas für ihr schwächstes Buch.
Würdigungen sind zahlreich. Judy Chicago widmete ihr ein Gedeck in The Dinner Party. In New York trägt eine Bronzeplakette des „Library Way" ein Zitat aus ihrem Essay The Leaning Tower. Das King's College London benannte 2013 einen Neubau nach ihr. Die National Portrait Gallery zeigte 2014 die Ausstellung „Virginia Woolf: Art, Life and Vision". 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker vier ihrer Romane zu den 100 bedeutendsten britischen Romanen: To the Lighthouse auf Platz 2, Mrs Dalloway auf Platz 3, The Waves auf Platz 16, Orlando auf Platz 65. Seit 2022 steht eine lebensgroße Bronzeplastik der Bildhauerin Laury Dizengremel an der Themse in Richmond. Weit über die Literatur hinaus wirkt schließlich Edward Albees Stück Who's Afraid of Virginia Woolf?, 1962 in New York uraufgeführt und 1966 mit Elizabeth Taylor und Richard Burton verfilmt.
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