1377 – 1445
Oswald von Wolkenstein
Kurzporträt↑
Als Sänger, Dichter und Diplomat gehört Oswald von Wolkenstein zu den herausragenden Gestalten der Literatur des ausgehenden Mittelalters im deutschsprachigen Raum. Er stammte aus dem niederen Tiroler Adel und wurde um 1377 auf Burg Schöneck im Pustertal geboren; er starb am 2. August 1445 in Meran. Sein Leben ist ungewöhnlich gut überliefert, nicht zuletzt weil er in seinen oft autobiografischen Liedern selbst davon erzählte und diese in zwei Prachthandschriften festhalten ließ. Er diente dem deutschen König und späteren Kaiser Sigismund als Diplomat und reiste dabei durch weite Teile Europas. Die Deutsche Biographie zählt ihn zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern des späten Mittelalters.
Biografie↑
Über das Geburtsdatum sind sich die Quellen nicht einig: Wikidata nennt das Jahr 1377, die Deutsche Biographie setzt es mit einem Fragezeichen auf 1376, und die ältere Allgemeine Deutsche Biographie geht sogar von 1367 aus. Auch beim Geburtsort weichen die Angaben leicht voneinander ab, meinen aber denselben Platz: Wikidata verzeichnet Burg Schöneck, die Deutsche Biographie präzisiert Burg Schöneck im Pustertal in Südtirol. Oswald war der zweite von drei Söhnen des Friedrich von Wolkenstein und der Katharina von Villanders. Die Herren von Wolkenstein waren eine jüngere Linie der Herren von Villanders, eines angesehenen Adelsgeschlechts.
Auf sämtlichen Porträts erscheint Oswald mit verschlossenem rechten Auge. Eine Untersuchung des 1973 gefundenen Schädels ergab, dass es sich um eine angeborene Missbildung handelte: Die rechte Augenhöhle war kleiner als die linke, was zu einer Lähmung des Lidmuskels führte. Die Erzählung von einem Unfall beim Bogenschießen gilt heute als widerlegt, ebenso die Vorstellung, er habe das Augenlicht bei der Verteidigung einer Burg verloren, denn schon der Gedenkstein am Brixner Dom von 1408 zeigt ihn einäugig.
Seine Kindheit verbrachte Oswald vermutlich zunächst auf Burg Schöneck, wo der Vater als Burghauptmann der Grafen von Görz amtierte, später größtenteils auf der Trostburg. Diesen umfangreichen Besitz hatte die Mutter um 1382 von ihrem Vater Ekhard von Villanders geerbt. Mit etwa zehn Jahren, also um 1387, verließ Oswald das Elternhaus, um als Knappe zu dienen und die Welt zu bereisen. Wie er im Lied Es fügt sich schilderte, reiste er mehrere Jahre durch zahlreiche Länder, darunter Preußen, Russland, die Türkei, den Vorderen Orient, Italien, Frankreich und Spanien. Aus dem Gegensatz zwischen diesem bewegten Reiseleben und seinem späteren Dasein als sesshafter Familienvater gewann er in Liedern wie Durch Barbarei, Arabia komische Effekte.
Nach dem Tod des Vaters 1399 kehrte Oswald nach Tirol zurück, wo er 1400 wieder urkundlich fassbar ist. 1401 nahm er am Italienfeldzug des deutschen Königs Ruprecht teil. In diese Zeit fiel ein langer Streit mit seinem älteren Bruder Michael, der das elterliche Erbe zunächst allein verwaltete. Erst 1407 wurde es unter den Brüdern geteilt; Oswald erhielt ein Drittel der Burg Hauenstein bei Seis am Schlern. Die übrigen zwei Drittel gehörten Anna von Hauenstein, der Ehefrau des Ritters Martin Jäger, woraus später eine erbitterte Fehde erwuchs. 1406 zählte Oswald zu den Gründern des Elefantenbundes, eines Zusammenschlusses Tiroler Adliger gegen den Landesherrn. Um 1408 gab er als Vorbereitung auf eine Palästinareise den Denkstein am Brixner Dom in Auftrag, der ihn als Kreuzritter mit langem Pilgerbart zeigt. Nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land erwarb er 1411 ein Wohnrecht im Chorherrenstift Neustift bei Brixen.
Einen Höhepunkt bildete 1415 die Teilnahme am Konzil von Konstanz. Dort trat Oswald im Februar in den Dienst König Sigismunds; als Jahresgehalt sind 300 ungarische Gulden verbürgt. Eine Gesandtschaftsreise führte ihn über England und Schottland nach Portugal, wo er sich am Eroberungszug gegen die Stadt Ceuta beteiligte. Anschließend reiste er nach Perpignan, wo Sigismund mit König Ferdinand von Aragon und dem Papst Pedro de Luna verhandelte. Dort wurde Oswald mit dem aragonesischen Kannenorden ausgezeichnet, den er auf seinem Porträt von 1432 trägt; für seine Sangeskunst hatte ihn zuvor die Königinwitwe Margarete von Prades mit goldenen Ringen geehrt. 1416 hielt er sich am französischen Königshof in Paris auf und wurde von Königin Isabeau mit einem Diamanten belohnt.
1417 heiratete Oswald die adelige Margareta von Schwangau, der er mehrere Lieder widmete. Das Paar zog 1420 oder 1421 auf die Burg Hauenstein und hatte laut Wikipedia sieben, laut der Deutschen Biographie sieben (fünf Söhne und zwei Töchter) Kinder. Um die Besitzanteile an Hauenstein schwelte weiterhin der Streit mit Martin Jäger. Im Herbst 1421 lockte dieser Oswald mithilfe von dessen Geliebter Anna Hausmann in eine Falle. Oswald wurde entführt, auf die Fahlburg gebracht und gefoltert; in mehreren Liedern schilderte er die Tortur, unter deren Folgen er lange leiden musste. Die gerichtsmedizinische Untersuchung seiner Knochen bestätigte später die erlittenen Verletzungen.
Danach geriet Oswald auch in Gefangenschaft des Tiroler Landesherrn Herzog Friedrich IV., mit dem er seit langem im Konflikt lag. Er kam 1422 gegen eine hohe Bürgschaft frei, floh dann zu König Sigismund und setzte den Widerstand gegen den Herzog fort. 1423 beteiligten sich die Brüder Wolkenstein an der Verteidigung der Burg Greifenstein, worüber Oswald ein Lied schrieb. In seinen letzten Jahren war er vor allem in Südtirol als Schlichter und Politiker tätig. 1434 wurde er auf dem Ulmer Reichstag zum Schirmherrn des Klosters Neustift ernannt. 1444 ritt er zu Vergleichsverhandlungen nach Sillian; als „Verweser am Eisack und im Pustertal“ spielte er bei der Eroberung von Trient eine Rolle. 1445 nahm er letztmals am Landtag in Meran teil, wo er am 2. August starb. Er wurde im Kloster Neustift begraben. 1973 fand man dort bei Bodenarbeiten ein Grab mit Skelettresten, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Oswald zuzuordnen waren; sie wurden 1989 erneut beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Umfangreich und vielgestaltig ist das erhaltene Werk Oswalds: Es umfasst rund 130 ein- wie mehrstimmige Lieder sowie zwei Reimpaarreden, darunter kalenderkundliche Merkstrophen und ein langes Gedicht über das Recht. Oswald griff die unterschiedlichsten Traditionen auf und nutzte seine künstlerischen Fähigkeiten zur adligen Selbstdarstellung, aber auch zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen. Ein großer Teil dessen, was wir über sein Leben wissen, beruht auf Äußerungen in seinen Liedern, oft ohne urkundliche Stütze.
Ein besonderes Kennzeichen ist die formale wie inhaltliche Vielfalt. Laut der Deutschen Biographie unterlegte Oswald romanischen mehrstimmigen Sätzen geschickt und witzig deutschen Text und durchbrach damit, ähnlich dem sogenannten Mönch von Salzburg, die im weltlichen deutschen Lied herrschende Einstimmigkeit. Hervorzuheben sind ein Vogelstimmenlied, die Parodie höfischer Minnelieder durch deren Verlegung ins bäuerliche Milieu und ein Trinklied in Kanonform. Daneben entwickelte er das einstimmige Lied weiter, vor allem im Bereich der Liebeslieder, der autobiografischen Reiselieder und der persönlichen geistlich-betrachtenden Lieder, für die er sich zum Teil an Strophenformen der Sangspruchdichter anlehnte.
Die Liebeslieder reichen von ganz traditionellen Minneliedern über Lieder auf die eigene Ehefrau bis zu derben Sennerinnenliedern. Besonders oft variierte Oswald das Konzept des Tagelieds. Die neuartigen Reiselieder halten meist launige Erlebnisse für eine höfische Gesellschaft Gleichgesinnter fest. Die geistlichen Lieder sind meist umfangreich und stellen häufig das bedrängte Autor-Ich in seiner Not vor; daneben stehen reimreiche Marienlieder im hohen Stil.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten wurde Oswald mit hohen Ehren ausgezeichnet: Er erhielt 1415 den aragonesischen Kannen- und Greifenorden, 1419 eine Erweiterung seines Wappenkleinods und 1431 den ungarischen Drachenorden. Dass sein Leben so genau überliefert ist, verdankt sich vor allem seiner eigenen Dichtung und den beiden von ihm veranlassten Prachthandschriften, die um 1425 und 1432 entstanden.
In der Neuzeit wurde Oswalds Bedeutung nach Angaben der Deutschen Biographie erst nach dem Erscheinen der Ausgabe von Karl Kurt Klein allgemein anerkannt; die Deutsche Biographie nennt hier das Jahr 1962. Seither gilt er dort als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker des späten Mittelalters. Seine Nachfahren, die Grafen von Wolkenstein-Rodenegg, erwarben 1491 das Schloss Rodenegg bei Brixen, das bis heute in ihrem Besitz ist. 2011 widmete das Südtiroler Landesmuseum ihm im Schloss Tirol eine mehrmonatige Sonderausstellung unter dem Titel „Ich Wolkenstein“, die neben originalen Liedtexten und zeitgenössischen Objekten auch die Rezeption durch spätere Maler und Grafiker zeigte.
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