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Porträt Wolfram von Eschenbach
Wolfram von Eschenbach
1170 – 1220
– Autorenporträt –

Wolfram von Eschenbach

1170 – 1220 · 50 Jahre

Schöpfer des Parzival und wirkungsreichster deutschsprachiger Dichter des Mittelalters.

Kurzporträt

Wolfram von Eschenbach gilt als der wirkungsreichste deutschsprachige Dichter des Mittelalters. Er wurde um 1170 wahrscheinlich in Obereschenbach im heutigen Mittelfranken geboren und starb um 1220. Mit dem Versroman Parzival schuf er das berühmteste höfische Epos des deutschen Mittelalters. Daneben verfasste er den unvollendeten Willehalm, die fragmentarisch überlieferten Titurel-Strophen und neun Minnelieder. Deren fünf Tagelieder gelten als Höhepunkt der Gattung. Sein Werk verbindet ritterliche Erzählwelt mit theologischer, naturkundlicher und astronomischer Gelehrsamkeit. Damit prägte es die mittelhochdeutsche Literatur über Generationen.


Biografie

Über das Leben Wolframs von Eschenbach liegen keine urkundlichen Zeugnisse vor. Was man zu wissen meint, hat die Forschung aus Hinweisen in seinen eigenen Dichtungen und aus Äußerungen zeitgenössischer Autoren erschlossen. Aus dem Namen lässt sich ableiten, dass er aus einem Ort namens Eschenbach stammte. Geographische Anspielungen im Parzival und seine persönliche Vorstellung dort und im Willehalm machen das mittelfränkische Obereschenbach bei Ansbach als Geburtsort wahrscheinlich. Dieser Ort heißt seit 1917 Wolframs-Eschenbach. Im Parzival zählt er sich zu den Bayern. Sein Herkunftsort könnte daher im damaligen bairischen Nordgau gelegen haben.

In der Forschung umstritten ist die soziale Herkunft. Wolfram selbst bezeichnete sich als „ritterbürtig". Doch ein Adelsgeschlecht aus seinem Geburtsort ist erst seit 1268 bezeugt, also nach seinem Tod. Die Zugehörigkeit zu diesem Geschlecht bleibt nach der Deutschen Biographie ungesichert. Die NDB weist auch auf die im Parzival aufgegriffene Wendung „schildes ambet ist mîn art" hin. Das mittelhochdeutsche Wort „art" hat eine große Bedeutungsbreite und kann auch „angeborene Natur", „Gesinnung" oder „Kunst" heißen. Die Wendung belegt die Ritterbürtigkeit deshalb nicht zwingend. Im 14. Jahrhundert errichtete das Geschlecht von Eschenbach im Liebfrauenmünster ein Grabmal mit Epitaph und Wappen für Wolfram, das nicht mehr identifizierbar ist.

Zeitlebens war Wolfram wohl auf Mäzene angewiesen und stand im Dienst an zahlreichen Höfen. Mit Sicherheit war er mit den Grafen von Wertheim verbunden. Im Parzival nennt er einen Grafen von Wertheim ausdrücklich seinen Herrn. Die Deutsche Biographie identifiziert diesen vermutlich mit Poppo I. von Wertheim (belegt 1169–1212). Wikipedia ordnet die Niederschrift dagegen der Regierungszeit Poppos II. ab 1212 zu. Vermutet wird, dass Wolfram als Ministerialer der Wertheimer Grafen Güter in Obereschenbach und Pleinfeld zu Lehen hatte.

Auch die Freiherren von Durne gehörten vermutlich zu seinen Gönnern. Ihnen gehörte Burg Wildenberg im Odenwald. Auf diese Burg scheint sich die Erzählerbemerkung „hie ze Wildenberc" im fünften Buch des Parzival zu beziehen. Neuere Forschungen halten allerdings auch für möglich, dass die Wildenburg im fraglichen Zeitraum den Grafen von Wertheim unterstand. Wolfram könnte sich dort dann als deren Gefolgsmann aufgehalten haben.

Sein Hauptgönner war offenbar Landgraf Hermann I. von Thüringen (1190–1217), ein bedeutender Förderer der deutschen Literatur seiner Zeit. An dessen Hof stellte Wolfram wohl große Teile des Parzival fertig und arbeitete am Willehalm. Dessen literarische Vorlage hatte ihm der Landgraf vermittelt. Bemerkungen über Hermann finden sich öfter als über andere historische Personen. Die Schilderung von Problemen am thüringischen Hof im sechsten Buch des Parzival setzt voraus, dass Wolfram dort gleichzeitig mit Walther von der Vogelweide anwesend war. Den Tod Hermanns erwähnt er im Willehalm. Nicht lange danach brach er die Arbeit an diesem Werk ab. Ulrich von Türheim, der den Willehalm fortsetzte, behauptet, Wolfram sei über dem Werk verstorben. Das legt nahe, dass der fragmentarische Charakter des Willehalm auf den Tod Hermanns oder Wolframs zurückzuführen ist.

Umstritten ist auch, über welche Bildung Wolfram verfügte. Im Parzival gibt er programmatisch zu Protokoll: „ine kan decheinen buochstap" – „ich bin keines Buchstabens kundig". Die Deutsche Biographie deutet diese Aussage nicht als Selbstcharakteristik eines Analphabeten. Sie versteht sie vielmehr als Bekenntnis zum Status eines Laien ohne lateinisch-klerikale Schulbildung, vermutlich in polemischer Absetzung von Dichterkollegen, die ihre Buchgelehrtheit herausstellten. Unbestreitbar ist, dass er über umfassende Kenntnisse aus der lateinischen Bildungstradition verfügte. Sein Werk ist durchsetzt mit sachkundig behandeltem Wissen aus Theologie, Naturkunde, Geographie, Medizin und Astronomie. Auch mit der zeitgenössischen französischen Sprache und Literatur war er vertraut.

Die Chronologie seines Schaffens lässt sich nur ungefähr ermitteln. Wahrscheinlich eröffneten Minnelieder sein Werk. Daran schloss sich der Parzival an (etwa 1200–1210), in dem der Erzähler von seinem eigenen Minnesang spricht. Es folgte der Willehalm (etwa 1210–1220), dessen Prolog auf den Parzival verweist. Die Titurel-Fragmente entstanden nach 1217. Wolfram starb um 1220.


Literarische Merkmale

Wolframs Sprache unterscheidet sich deutlich vom Stil seines Vorgängers Hartmann von Aue. Sie ist bildhaft, reich an Ironie und Pointen. Die Syntax erscheint dabei gedrängt und sperrig. Den von seinen Vorgängern entwickelten Erzählstil baut er aus. Typisch für ihn ist das sogenannte „hakenschlagende Erzählen" sowie die Technik der Hybridisierung.

Der monumentale Parzival erstreckt sich über etwa 25.000 höfische Reimpaarverse und ist in 16 Bücher gegliedert. Er führt erstmals in der deutschen Literatur die fiktionalen Großgattungen des Gral- und Artusromans zusammen. In einem globalen, Orient und Okzident umspannenden Erzählkosmos verlaufen die Geschichten zweier Helden parallel und greifen phasenweise ineinander. Auf der einen Seite steht Parzivals biographisch entfaltete Gralhandlung mit religiöser Grundierung, auf der anderen Gawans Bewährung im diesseitig-weltlichen Bereich des Artushofs. Wolfram nutzte Chrétien de Troyes' altfranzösischen Li Contes del Graal als Vorlage, veränderte und erweiterte sie aber erheblich. Anfang und Schluss seines Romans haben keine bekannte Quelle und gelten als seine eigene Erfindung.

Im Willehalm verbindet er Züge des höfischen Romans mit denen der heldenepischen Chanson de geste. Durch die Betonung des Reichsgedankens und der Auseinandersetzung zwischen Christen und Heiden erhält das unvollendete Werk laut Wikipedia endzeitliche Züge.

Der strophische Titurel ist eine erzählerische Neuerung. Er ist – ungewöhnlich für den höfischen Roman – in vierzeiligen, sonst für die Heldenepik typischen Strophen verfasst und wohl für den Gesangsvortrag gedacht. Erzählt werden Szenen aus der tragischen Kinderliebe Sigunes und Schionatulanders. Darin steuert die wechselseitige Bedingtheit von Liebe und Leid das Geschehen leitmotivisch.

Wolframs lyrisches Werk umfasst neun Minnelieder. Vier davon sind Minnekanzonen. In ihnen beklagt ein männliches Sänger-Ich den Schmerz über die Zurückweisung seiner Werbung um eine höfische Dame oder verleiht seinem Hoffen auf Minnegewährung Ausdruck. Die fünf Tagelieder gelten als Höhepunkt dieser Gattung. Nach romanischem Vorbild etablierte Wolfram laut Deutscher Biographie den Subtypus des Wächter-Tagelieds. Dieses entfaltet Abschied und Trennung eines Liebespaars nach einer heimlichen, unter Obhut des Wächters verbrachten Liebesnacht in kunstvoll variierten Verläufen. Mit Lied IV propagiert er das Gegenmodell der ohne Heimlichkeit im legitimen Ehebund verwirklichten Liebe.


Rezeption

Wolfram war der wirkungsreichste deutschsprachige Dichter des Mittelalters. Sein Titurel-Fragment hatte eine enorme Nachwirkung im späten Mittelalter. Die dafür erfundene Strophenform – die sogenannte Titurelstrophe – wurde von vielen Dichtern aufgegriffen. Das Fragment selbst wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von Albrecht zu einem ausführlichen Roman erweitert. Dieser Jüngere Titurel galt im Spätmittelalter als Wolframs eigenes Werk und begründete seinen Ruhm als bedeutendster aller Ritterdichter. Der Parzival ist die einzige Reimpaar-Dichtung, die noch nach 1470 im Buchdruck mehrere Auflagen erlebte.

Im 19. Jahrhundert bot der Stoff des Parzival Richard Wagner die Hauptquelle für das Libretto seiner Oper Parsifal. Wolfram selbst tritt als Figur in Wagners Oper Tannhäuser auf. Die Literaturwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts befasste sich sehr intensiv mit ihm. Sie überhöhte ihn allerdings zeitweise nationalistisch und versuchte, ihn gegen den angeblich „welschen" Gottfried von Straßburg auszuspielen.

Die Verehrung ließ sich auch im Stadtbild verankern. Am 19. Juli 1917 wurde Obereschenbach auf Betreiben von Prälat Johann Baptist Kurz durch Dekret König Ludwigs III. von Bayern zu Ehren Wolframs in Wolframs-Eschenbach umbenannt. 1935 entstand ein Wolfram von Eschenbach-Bund, aus dem 1968 die Wolfram von Eschenbach-Gesellschaft hervorging. Sie bietet ein Forum für die mediävistische Forschung in Deutschland, veranstaltet zweijährlich wissenschaftliche Tagungen und gibt das Jahrbuch Wolfram-Studien heraus.

Eine Gedenktafel für Wolfram wurde 1842 in der Walhalla bei Donaustauf angebracht. 1965 erhielt das Gymnasium in Schwabach seinen Namen, und seit 1980 vergibt der Bezirk Mittelfranken jährlich den Wolfram-von-Eschenbach-Preis.

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