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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Willehalm
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Willehalm
1217
– Werkseintrag –

Willehalm

1217 · Versepos

Ein christlicher Ritter, eine zum Christentum übergetretene Heidenkönigin und ein Krieg, in dem die Gegner ungewöhnlich menschlich gezeichnet sind – Wolframs großes, unvollendetes Versepos.

Überblick

Der Willehalm ist eine umfangreiche Verserzählung Wolframs von Eschenbach. Er zählt zu den bedeutendsten epischen Werken der mittelhochdeutschen Literatur. Auftraggeber war der Thüringer Landgraf Hermann, der 1217 starb. Das Werk muss vor seinem Tod begonnen und danach fortgeführt worden sein. Vollendet hat Wolfram es nicht, es ist Fragment geblieben. Erzählt wird vom christlichen Ritter Willehalm, der gegen ein heidnisches Großheer kämpft. Zugleich liebt er seine Frau Gyburg, eine zum Christentum übergetretene Königstochter aus dem feindlichen Lager. Berühmt geworden ist das Werk vor allem wegen seiner Sprachkraft. Dazu kommt das für das Mittelalter ungewöhnlich tolerante Bild, das Wolfram vom Islam und von den heidnischen Gegnern zeichnet.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der Ritter Willehalm, ein Sohn des Grafen Heimrich von Narbon. In Gefangenschaft des heidnischen Königs Tybalt begegnet er dessen Frau Arabel. Er flieht mit ihr, gewinnt sie für das Christentum und heiratet sie. Nach der Taufe trägt sie den Namen Gyburg. Willehalm besetzt Tybalts Land in der Provence und gründet die Grafschaft Oransche.

Der heidnische Großkönig Terramer ist Gyburgs Vater. Die Heirat seiner Tochter und ihren Übertritt sieht er als Anlass für einen Feldzug. Er bringt ein riesiges Heer in Bewegung, das in der Provence landet. Auf der Ebene von Alischanz kommt es zur Schlacht zwischen Christen und Heiden. Willehalm muss um seine Stadt und um Gyburg kämpfen. Auch um die Hilfe des französischen Königs Loys, also Ludwigs des Frommen, muss er ringen.

Auf dem Weg nach Munleun an den Königshof entstehen Konflikte. Ebenso ist es in den Begegnungen mit der eigenen Familie und im Lager vor Oransche. Diese Konflikte sind so heftig wie die Schlachten selbst. Eine besondere Rolle spielt ein riesenhafter junger Küchenknecht namens Rennewart. Er weigert sich, sich taufen zu lassen, und zieht an Willehalms Seite in den Krieg. Auch Gyburg selbst tritt aus ihrer Rolle als Geliebte heraus und mischt sich in die Männerrunde der Kriegsräte ein.

Die Handlung im Detail

Ein Eingangsgebet an den dreieinigen Gott eröffnet das Werk. Wolfram macht damit klar, dass kein Artusroman folgt, sondern eine religiös grundierte Geschichte. Er stellt seinen Helden vor: einen kampferprobten Ritter von hoher Geburt, der sowohl im irdischen Leben als auch später als Heiliger Vorbild ist. Das Thema, kündigt Wolfram an, sei das Leid, das treue Menschen um ihres Glaubens willen ertragen müssen.

Im ersten Buch hat Graf Heimrich von Narbon seine sieben Söhne enterbt und einen Patensohn zum Erben gemacht; die Söhne sollen sich im Dienst hoher Herren wie Karls des Großen ein Lehen erwerben. Willehalm, der älteste der Brüder, gerät im Kampf gegen König Tybalt in Kriegsgefangenschaft und wird nach Arabi verschleppt. Im Gefängnis begegnet er Arabel, der Frau Tybalts. Er flieht mit ihr, überzeugt sie zum Übertritt und heiratet sie; nach der Taufe heißt sie Gyburg. Willehalm besetzt Tybalts Land und gründet in Oransche seine Grafschaft. Tybalts Schwiegervater, der heidnische Großkönig Terramer, setzt daraufhin ein riesiges Heer in Bewegung, das an der Küste der Provence landet. In der Schlacht von Alischanz schlagen die Christen zunächst die Könige Halzebier und Nöupatris zurück; letzteren erschlägt Willehalms Neffe Vivianz. Als Terramer und sein Bruder Arofel zum Heer stoßen, erleidet das Christenheer eine vernichtende Niederlage; Vivianz wird tödlich verwundet. Willehalm rettet sich mit wenigen Männern nach Oransche, lässt Gyburg dort zurück und muss am Ende allein weiterfliehen.

Im zweiten Buch trifft Willehalm auf der Flucht den sterbenden Vivianz, nimmt ihm die Beichte ab und reicht ihm das Abendmahl; Vivianz stirbt als christlicher Märtyrer. Danach trifft Willehalm auf fünfzehn Heidenkönige, von denen er sieben tötet. Einzig Ehmereiz, Gyburgs Sohn aus erster Ehe und damit sein Stiefsohn, verschont er. Er tötet Arofel und Tenebruns. Als Kriegslist legt er Arofels Rüstung an und besteigt dessen Pferd, um für einen Araber gehalten zu werden. Sein eigenes Pferd Puzzat trabt jedoch treu neben ihm her und verrät ihn beinahe. König Tesereiz greift ihn an und fällt im Kampf. Vor Oransche wird die fremde Rüstung zum Verhängnis: Gyburg hält Willehalm für einen Heiden. Erst als er die soeben vorbeigeführten christlichen Gefangenen befreit und schließlich den Helm abnimmt, erkennt sie ihn an der im Kampf verstümmelten Nase. In der Nacht bricht Willehalm auf, um in Munleun beim französischen König Loys, also Ludwig dem Frommen, Hilfe zu erbitten; Rüstung und Arabischkenntnisse helfen ihm, durch die feindlichen Linien zu kommen.

Im dritten Buch schließt sich der Belagerungsring um Oransche. Gyburg leidet am Tod der Christen wie der Heiden, steht aber fest auf christlicher Seite. In einem ersten Gespräch mit ihrem Vater Terramer beantwortet sie seine Drohung mit dem dreifachen Tod mit dem Hinweis auf den zweifachen Tod von Seele und Leib. Willehalm erreicht Orlens und gerät schon in der Herberge in Streit mit einem königlichen Beamten, der unberechtigt Wegzoll fordert; er erschlägt ihn. Die Witwe sucht Beistand bei einem Ritter, der Willehalm zum Kampf herausfordert und beinahe getötet würde; im letzten Moment nennt der Gegner seinen Namen und entpuppt sich als einer von Willehalms Brüdern. Er verrät, dass die ganze Familie zum Hoftag in Munleun anwesend sein wird. Willehalm verbringt eine Nacht im Kloster und lässt dort Arofels Schild zurück. In Munleun wird er missachtet; keiner empfängt ihn höfisch. Seine Schwester, inzwischen Königin geworden, lässt sogar die Tore vor ihm schließen. Der Kaufmann Wimar nimmt ihn schließlich auf; ein standesgemäßes Mahl lehnt Willehalm ab, weil er an Gyburg denkt. Am folgenden Tag reitet er zornig an den Hof. Als sein Vater Heimrich mit der Familie einzieht, tritt Willehalm vor den König und weist ihn unhöflich darauf hin, dass dieser ihm seine Herrschaft verdanke. Loys antwortet gemessen. Die Schwester verweigert jede Hilfe; daraufhin reißt Willehalm ihr die Krone vom Kopf und hätte sie wohl getötet, hätte nicht die gemeinsame Mutter Irmenschart sie in Schutz genommen. Erst als die Familie erfährt, dass Vivianz tot und das Heer verloren ist, sagt sie ihre Hilfe zu. Die schöne Prinzessin Alyze, Willehalms Nichte, klärt schließlich die Missstimmung und bittet Loys um Vergebung.

Im vierten Buch sagt die Schwester nun jede Hilfe zu und stellt einen Teil ihres Vermögens zur Verfügung. Loys ist jedoch beleidigt und will erst das Hoffest zu Ende bringen. Nach dem Mahl kommt es erneut zum Aufruhr; Willehalm springt schließlich auf die Festtafel und droht, seine Lehen zurückzugeben, was eine große Schmach für den König wäre. Erst gemeinsam erreichen Brüder und Vater die endgültige Zusage; innerhalb von zehn Tagen soll sich ein Heer einfinden. Willehalm bleibt in Munleun und begegnet eines Abends einem riesenhaften, starken Küchenknecht, den die Edelleute verspotten. Sein Name ist Rennewart; er muss niedrige Dienste verrichten, weil er sich weigert, sich taufen zu lassen. Willehalm erbittet den Jungen vom König, um ihn ritterlich auszurüsten. Rennewart verlangt jedoch keine Waffen, sondern nur eine schwere Stange. Nach zehn Tagen ist das Heer versammelt; Loys begleitet die Kämpfer bis Orlens und übergibt Willehalm die Reichsfahne, womit dieser den Oberbefehl hat. Rennewart küsst Prinzessin Alyze zum Abschied. Als sich der Zug Oransche nähert, erblicken die Männer die Stadt in Flammen.

Im fünften Buch geht die Belagerung weiter. In einem zweiten, etwas verständnisvolleren Gespräch versucht Terramer noch einmal, Gyburg zum Islam zurückzuholen, das berühmte Religionsgespräch. Beide rechtfertigen ihre Position, beschuldigen den anderen, am Konflikt schuld zu sein, und fordern den jeweils anderen zur Bekehrung auf. Wie Gyburg die heidnischen Götter geringachtet, achtet Terramer den christlichen Gott gering; beide stehen mit absolutem Wahrheitsanspruch gegeneinander. Nach einem Sturmangriff geht die Stadt in Flammen auf, nur die Burg Glorjet bleibt verschont. Das heidnische Heer zieht zur Versorgung an die Schiffe ab. Gyburg meint zunächst einen neuen Angriff zu sehen, doch zu ihrer Freude ist es Willehalm mit dem Christenheer. Die Heerführer schlagen ihre Lager vor der Stadt auf; Willehalm und Gyburg bereiten die Verpflegung. Die Verbände nähern sich aus verschiedenen Richtungen, darunter Willehalms Brüder und sein Vater. Beim Festmahl in Glorjet beklagt Gyburg den Tod heidnischer wie christlicher Kämpfer. Viele Ritter aus Willehalms Familie sind in Terramers Gefangenschaft. Sie berichtet von einem Wunder während der Schlacht: viele gefallene christliche Ritter seien in Sarkophagen gebettet worden, die nicht von Menschenhand stammten.

Im sechsten Buch betritt Rennewart das Festmahl. Die Gesellschaft ist sichtlich von seiner Größe und Kraft beeindruckt. Doch er trinkt zu viel vom gesüßten Wein, und als zwei Schildknappen seine Stange nehmen, verliert er die Beherrschung und schlägt zu. Das Mahl endet in Aufruhr. Rennewart nächtigt in der Küche von Glorjet; ein Koch sengt ihm im Schlaf mit einem glühenden Scheit den Bart, was er mit dem Leben bezahlt. Am nächsten Morgen erfährt Willehalm davon und bittet Gyburg, sich Rennewarts anzunehmen. Sie ahnt, dass er ihr Bruder sein könnte, doch er verweigert jede Antwort auf Fragen nach seiner Familie. Gyburg lässt die Rüstung König Synaguns holen, die dieser trug, als er Willehalm einst gefangen nahm, und überredet Rennewart, sie anzulegen und auch ein Schwert zu tragen. Dann versammeln sich die Fürsten zum Kriegsrat, dem auch Gyburg beiwohnt. Willehalm schildert die Leiden, die die heidnischen Krieger über Frankreich gebracht haben, ruft zur Verteidigung und Rache auf und verheißt den Kämpfern doppelten Lohn, den Himmel und die Gunst edler Frauen. Brüder und Vater sind zum Kampf in Alischanz entschlossen, doch die Fürsten des Reichsheeres verweigern zunächst die Gefolgschaft: für sie ist die Mission mit der Entsetzung von Oransche erfüllt. Erst Willehalms Mahnung, sich nicht an Christus zu versündigen und den Heiden das Land nicht zu lassen, bringt auch sie auf seine Seite. Den Kriegsrat beschließt Gyburg mit einer eigenen Rede. Sie sieht die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Herrschaftsansprüche ihres Vaters, warnt aber aus eigener Leidenserfahrung vor dem Rachekreislauf und bittet darum, die Gegner nach dem Sieg zu schonen. Sie begründet das mit der Barmherzigkeit Gottes und damit, dass auch die Heiden Geschöpfe Gottes seien. Sie belegt ihren Appell mit Aussagen der Heiligen Schrift und erinnert daran, dass alle kleinen Kinder vor der Taufe Heiden seien. Beim Aufbruch erscheint Rennewart in Synaguns Rüstung.

Im siebten Buch hat das Heer schon eine Tagesreise hinter sich, als Rennewart bemerkt, dass er seine Stange in Oransche vergessen hat. Willehalm lässt sie durch einen Boten nachbringen. Doch Rennewart vergisst sie ein zweites Mal und läuft selbst zurück, beschämt über seine Vergesslichkeit und in Sorge, man könnte seine Eile als Flucht missverstehen. Er findet die Stange, die nun im Feuer gehärtet ist, und kehrt schnell zurück. Vom Anblick des heidnischen Lagers überwältigt, sprechen Willehalm und seine Gefolgsleute den Fürsten Mut zu: keiner dürfe fliehen. Er erreicht jedoch das Gegenteil; die französischen Fürsten ziehen mit ihren Truppen ab und wollen Ruhm und Ehre lieber im Turnier erwerben. An dieser Stelle bricht die Überlieferung ab; Wolfram hat den Willehalm nicht zu Ende geführt.

Stil

Wolfram beginnt das Werk mit einem Gebet an den dreieinigen Gott. Er knüpft damit hörbar an die Eingangsanrufung des Rolandslieds des Pfaffen Konrad an. So macht er klar, dass nicht ein höfischer Artusroman folgt, sondern eine religiös grundierte Erzählung. Im selben Atemzug entwickelt er eine eigene Dichter-Poetik. Er lehnt das gelehrte Bücherwissen ab und legt seine Erkenntnisfähigkeit ganz in Gottes Hand. Er bezeichnet sich, wie auch sonst, als poeta illiteratus, als Dichter ohne lateinische Schulbildung, der allein aus eingegebenem Sinn schöpft. Dieses Programm ähnelt der bekannten Selbstverteidigung am Ende des zweiten Parzival-Buchs.

Auffällig ist die ungewöhnlich kunstvolle und dichte Sprache. Die Forschung hebt die im Willehalm besonders ausgeprägte Sprachkunst Wolframs hervor. Sie gilt als einer der Hauptgründe für seinen Rang. Inhaltlich verbindet er Krieg, Liebe und Religion zu einem dichten Geflecht. Schlachtszenen und höfische Szenen am Königshof stehen unmittelbar nebeneinander. Dazu kommen lange Gespräche zwischen Vater und Tochter über den richtigen Glauben und groteske, fast komische Episoden um den Küchenknecht Rennewart. Ungewöhnlich für seine Zeit ist auch das Bild, das Wolfram vom Islam und von den heidnischen Gegnern zeichnet. Sie erscheinen nicht als bloße Feindbilder, sondern als ernstzunehmende, leidende und liebende Menschen.

Rezeption

Der Willehalm gilt formal wie inhaltlich als eines der bedeutendsten deutschen Versepen des Mittelalters. Die Forschung führt dafür zwei Gründe an: die besonders kunstvolle Sprache und das für seine Zeit auffallend tolerante Bild, das Wolfram vom Islam und von den heidnischen Kriegern zeichnet. Vor allem die große Rede Gyburgs im Kriegsrat wird immer wieder hervorgehoben. In ihr verteidigt sie die Heiden als Geschöpfe Gottes und bittet um ihre Schonung. Diese Stelle gilt als eine der bemerkenswertesten der mittelhochdeutschen Literatur.

Das Werk wirkte schon im Mittelalter weiter. Das zeigt die literarische Bearbeitung Arabel aus dem späten Mittelalter, die an Wolframs Stoff anknüpft.

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