1925
Mrs. Dalloway
Überblick↑
Der Roman Mrs. Dalloway erschien 1925 in Virginia Woolfs eigenem Verlag, der Hogarth Press in London. Es war ihr vierter Roman und ihr zweiter Versuch, mit neuen Erzählformen zu experimentieren. Woolf schildert darin einen einzigen Tag im Leben einer Londoner Gesellschaftsdame. Dabei führt sie die Leser tief in das Innere ihrer Figuren. Über ihr Vorhaben schrieb sie selbst, sie wolle „die Weltsicht des Gesunden & des Geisteskranken Seite an Seite" darstellen und zugleich „Kritik am Gesellschaftssystem üben". Das Werk gilt heute als einer der wichtigsten Beiträge zur Entwicklung des modernen Romans im 20. Jahrhundert.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
An einem Tag im Juni 1923 bereitet Clarissa Dalloway eine abendliche Gesellschaft in ihrem Haus in Westminster vor. Sie ist 52 Jahre alt und die Frau eines konservativen Unterhausabgeordneten. Der Tag beginnt am Morgen mit dem Kauf der Blumen und reicht bis tief in die Nacht hinein. Geordnet wird er durch die Glockenschläge von Big Ben.
Während Clarissa ihr Abendkleid ausbessert, bekommt sie überraschend Besuch von Peter Walsh, einem Jugendfreund. Er ist gerade aus dem Kolonialdienst in Indien zurückgekehrt. In ihrer Jugend standen sich beide sehr nahe, bis Clarissa seinen Heiratsantrag ablehnte. Erinnerungen an die glücklichen Tage im Landhaus der Eltern und an die freigeistige Sally Seton steigen in beiden auf.
Parallel dazu erzählt der Roman von Septimus Warren Smith, einem psychisch erkrankten Weltkriegsheimkehrer. Er geht mit seiner Frau durch London und sucht ärztliche Hilfe. Die Wege der Figuren kreuzen sich nur flüchtig, während sich der Tag der Abendgesellschaft entgegenbewegt. Woolf verknüpft dabei viele Stimmen und Schicksale zu einem dichten Bild der englischen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg.
Die Handlung im Detail↑
Die äußere Handlung umfasst einen Tag im Juni 1923, von etwa acht Uhr morgens bis drei Uhr nachts. Clarissa Dalloway plant, am Abend in ihrem Haus in Westminster eine Gesellschaft zu geben. Am Morgen besorgt sie dafür Blumen und bessert anschließend ihr Abendkleid aus. Dabei erhält sie Besuch von Peter Walsh, der gerade aus Britisch-Indien zurückgekommen ist. Die beiden waren in ihrer Jugend eng befreundet, bis Clarissa seinen Heiratsantrag ablehnte. Beide erinnern sich an glückliche Tage im Landhaus ihrer Eltern in Bourton-on-the-Water. Auch die freigeistige Sally Seton war damals dabei, in die Clarissa kurzzeitig verliebt war.
Nach einem Gefühlsausbruch geht Walsh in den Regent's Park. Dort beobachtet er den Streit zwischen dem psychisch kranken Weltkriegsveteranen Septimus Warren Smith und dessen Frau. Mrs. Dalloways siebzehnjährige Tochter besucht unterdessen mit ihrer privaten Geschichtslehrerin ein Kaufhaus. Ihr Vater geht zum Mittagessen zu einer alten Bekannten, zu dem Clarissa nicht eingeladen ist, was sie kurz verstimmt.
Septimus Warren Smith sucht mit seiner Frau den Psychiater Sir William Bradshaw auf. Dieser will Septimus stationär in einem seiner Sanatorien unterbringen. Das Ehepaar geht nach Hause und erlebt noch einen unbeschwerten Moment. Doch dann taucht Bradshaw auf, um Septimus mitzunehmen. In diesem Augenblick begeht Septimus Suizid, indem er sich aus dem Fenster wirft.
Peter Walsh kehrt in sein Hotel zurück und isst zu Abend, bevor er sich entschließt, an Clarissas Abendgesellschaft teilzunehmen. Die Gesellschaft wird ein großer Erfolg. Auch der Premierminister ist unter den Gästen, ebenso Sally Seton, die nun Lady Rosseter heißt. Zu einem längeren Gespräch der alten Jugendfreunde mit Clarissa kommt es jedoch nicht.
Weil Peter Walsh am Tag den Streit beobachtet und das Martinshorn der Ambulanz nach dem Fenstersturz gehört hat, wird der Todesfall zum Gesprächsthema auf der Gesellschaft. Septimus, der der Mittelschicht angehörte, ist Clarissa und ihren Gästen persönlich nie begegnet. Dennoch erschüttert die Nachricht vom Selbstmord des jungen Heimkehrers Clarissa zutiefst: „Sie war davongekommen. Aber dieser junge Mann hatte sich umgebracht." Die beiden bisher getrennt erzählten und parallel verlaufenden Erzählstränge berühren sich am Ende. Clarissa erkennt, dass dicht neben dem eigenen Leben eine andere Schicksalsspur verläuft, in die hineinzugleiten und das Leben zu verlieren nicht undenkbar ist.
Stil↑
Sein Besonderes verdankt das Werk der Art und Weise, wie die inneren, seelischen Vorgänge aus den äußeren, sichtbaren Ereignissen herausgeschält werden. Der Roman beginnt mit Clarissas morgendlichem Blumenkauf in der Bond Street. Doch die äußeren Vorgänge dienen vor allem als Türen in die inneren Welten der Figuren. Die sichtbare Handlung bleibt ein bloßes Gerüst aus alltäglichen, manchmal sogar banalen Verrichtungen. Auf diesem Gerüst entfalten sich die Bewusstseinsbilder der einzelnen Personen.
Geordnet werden die Stunden des Tages durch die Glockenschläge von Big Ben. Entlang dieser Stunden reihen sich Spaziergänge durch Westminster, das Flicken eines Kleides, eine Busfahrt oder das Mittagessen aneinander. Die Erzählsituation bewegt sich fließend zwischen der Wahrnehmung der äußeren Begebenheiten und den Assoziationen und Erinnerungen, die sich daran knüpfen. Die Figuren reichen den Staffelstab der Erzählung jeweils an die nächste weiter. So entsteht ein Geflecht aus Gedanken statt einer geradlinigen Handlung.
Durch eine Verbindung von direkter, indirekter und erlebter Rede mit kurzen inneren Monologen erreicht Woolf eine ungewohnte Intensität in der Darstellung seelischer Wirklichkeit. Der Erzähler tritt hinter die Figuren zurück. Trotz aller Unterschiede in der gesellschaftlichen Stellung erscheinen ihre Bewusstseinsströme gleich tief und sprachlich verwandt. Dieses Erzählprinzip des Bewusstseinsstroms hatte kurz zuvor auch James Joyce in seinem Roman Ulysses verwendet. Ursprünglich sollte das Werk übrigens den Titel The Hours tragen. Das unterstreicht die leitmotivische Rolle der vergehenden Zeit.
Rezeption↑
Mit diesem Roman leistete Virginia Woolf einen ihrer wichtigsten Beiträge zur Entwicklung der Erzählkunst im 20. Jahrhundert. Das Werk zeichnet ein spannungsreiches Bild der britischen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei greift es zentrale Fragen ihrer Zeit auf: die Emanzipation der Frauen, die seelischen Wunden der Kriegsheimkehrer, den Gegensatz von Wohlstand und Armut sowie die Sorgen der Oberschicht um ihre Zukunft.
Seine bleibende Geltung zeigt sich bis heute. Im Jahr 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler das Werk zu einem der bedeutendsten britischen Romane. Vor ihm lagen nur George Eliots Middlemarch und Woolfs eigener Roman Die Fahrt zum Leuchtturm. Das Magazin Der Spiegel zählt das Werk zu den hundert besten Romanen, die zwischen 1925 und 2025 weltweit erschienen sind. 1997 wurde der Stoff von der Regisseurin Marleen Gorris verfilmt. Eine deutsche Übersetzung erschien bereits 1928 unter dem Titel Eine Frau von fünfzig Jahren. Spätere Ausgaben folgten unter anderem bei S. Fischer und im Reclam-Verlag.
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