Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Muhakamat al-Lughatayn
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Muhakamat al-Lughatayn
1499
– Werkseintrag –

Muhakamat al-Lughatayn

1499 · Essay

Ein Dichter des ausgehenden 15. Jahrhunderts sammelt Wörter wie Beweisstücke, um zu zeigen, dass seine türkische Muttersprache der persischen Literatursprache überlegen ist.

Überblick↑

Bei Muhakamat al-Lughatayn handelt es sich um eine Streitschrift über den Rang zweier Sprachen. Der arabische Titel bedeutet so viel wie „Vergleich der beiden Sprachen“. Trotz dieses Titels verfasste Mir ʿAli Schir Nawāʾi das Buch in seiner Muttersprache, dem Tschagataischen. Er schloss es im Dezember 1499 ab. Darin verteidigt er die Auffassung, das tschagataische Türkisch sei dem Persischen als literarische Sprache überlegen. Es ist sein letztes ausführliches Wort zu jenem Thema, das ihm am meisten am Herzen lag, und wirkt darum zugleich wie ein Vermächtnis.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zwei Sprachen treten in diesem Buch gegeneinander an: das Tschagataische, die Muttersprache des Verfassers, und das Persische, die damalige Sprache der Verwaltung und der feinen Literatur. Nawāʾi tritt als Anwalt seiner eigenen Sprache auf. Seite um Seite trägt er Beispiele zusammen, die zeigen sollen, wie reich, genau und biegsam der türkische Wortschatz sei. Er sammelt Wörter, für die es im Persischen kein Gegenstück gebe, und Wörter, die mehrere Bedeutungen zugleich tragen können.

Neben der nüchternen Beweisführung steht ein hymnischer Ton. Der Verfasser beschreibt seine Beschäftigung mit den türkischen Wörtern als Eintritt in eine kostbare, bislang unberührte Welt. Wer das Werk liest, verfolgt also zweierlei zugleich: eine Argumentation und ein Bekenntnis.

Die Handlung im Detail↑

Der Aufbau des Buches folgt einer einfachen Absicht. Nawāʾi will belegen, dass sich das tschagataische Türkisch besser für die Dichtung eignet als das Persische. Dazu häuft er Beispiele aus dem Wortschatz.

So gebe es im Türkischen ein eigenes Wort für das Schönheitsmal im Gesicht einer Frau, während das Persische kein vergleichbares Wort kenne. Viele tschagataische Wörter trügen drei, vier oder noch mehr Bedeutungen; solche beweglichen Wörter fehlten dem Persischen nach seiner Ansicht. Für verschiedene Entenarten stünden im Türkischen neun Wörter bereit, das Persische habe dafür nur ein einziges. Argumente dieser Art füllen Seite um Seite.

Ein weiteres Argument führt er ins Feld: Die meisten Türken sprächen auch Persisch, aber nur wenige Perser brächten es je zu wirklicher Gewandtheit im Türkischen. Daraus schließt er auf den Vorrang seiner Sprache.

Neben diesen Aufzählungen steht eine gehobene, bildreiche Passage. Nawāʾi schreibt darin, er habe erkannt, dass er über die türkischen Wörter nachdenken müsse. Die Welt, die sich ihm daraufhin zeigte, sei erhabener gewesen als achtzehntausend Welten und ihr geschmückter Himmel höher als neun Himmel. Dort habe er einen Schatz gefunden, in dem die Perlen heller glänzten als die Sterne. Er sei in einen Rosengarten eingetreten, dessen Rosen prächtiger gewesen seien als die Sterne des Himmels; sein geweihter Boden sei von keiner Hand und keinem Fuß berührt gewesen, und seine unzähligen Wunder seien vor fremdem Zugriff sicher geblieben.

So endet das Werk als das, was es der Sache nach ist: eine letzte, mit allen Mitteln geführte Verteidigung der eigenen Sprache.

Stil↑

Sein Buch verbindet zwei ganz verschiedene Tonlagen. Über weite Strecken herrscht die Aufzählung: Wortbeispiel folgt auf Wortbeispiel, Vergleich auf Vergleich. Diese Beweisführung wirkt trocken und wiederholt sich.

Dazwischen aber steht die Sprache der Dichtung. Der Verfasser greift zu Bildern aus der morgenländischen Überlieferung, zu Schatzkammern, Perlen, Sternen und Rosengärten, und zu großen Zahlen wie den achtzehntausend Welten und den neun Himmeln. Das Werk selbst wurde auf Tschagataisch geschrieben, obwohl sein Titel arabisch ist. Der westliche Übersetzer Robert Devereux merkte allerdings an, dass Nawāʾi darin sehr freigebig nichttürkische Wörter verwendet habe; er schätzte, mindestens die Hälfte der benutzten Wörter sei arabischer oder persischer Herkunft.

Rezeption↑

Aus heutiger Sicht hält die Beweisführung des Buches den Maßstäben der Sprachwissenschaft nicht stand. Robert Devereux, der das Werk ins Englische übertrug, urteilte streng: Jeder Sprachwissenschaftler von heute werde zu dem Schluss kommen, dass Nawāʾi seine Sache schlecht vertreten habe. Sein Hauptargument, dem Persischen fehlten Entsprechungen für viele türkische Wörter, sei eine schwache Stütze, denn kaum eine Sprache komme ohne Lehnwörter aus. Schönheit und Tauglichkeit einer Literatursprache hingen weniger vom Umfang des Wortschatzes ab als vom Wohlklang, von der Ausdruckskraft und von der Biegsamkeit der vorhandenen Wörter. Überdies habe der Verfasser seinen eigenen Fall untergraben, indem er selbst reichlich nichttürkische Wörter gebrauchte, während er die Perser für ihre Anleihen beim Türkischen verspottete.

Auch das Argument, Türken beherrschten häufig Persisch, Perser dagegen kaum je Türkisch, wies Devereux zurück. Die naheliegende Erklärung sei eine andere: Persisch war die Sprache des Staates, und deshalb war es für Türken nötig oder zumindest ratsam, sie zu lernen.

Devereux legte seine Übersetzung 1966 unter dem Titel Judgment of Two Languages mit Einleitung und Anmerkungen vor; Teile davon waren zuvor in einer Zeitschrift erschienen. Das Werk gehört überdies zur Gesamtausgabe der Schriften Nawāʾis, von der zwischen 1987 und 2002 in Taschkent achtzehn Bände erschienen.

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