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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Frei Luís de Sousa
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Cover Frei Luís de Sousa
Frei Luís de Sousa
– Werkseintrag –

Frei Luís de Sousa

· Tragödie

Eine glücklich wiederverheiratete Frau muss fürchten, dass ihr totgeglaubter erster Mann noch lebt – und damit ihre neue Ehe zur Sünde und ihr Kind unehelich würde.

Überblick

Das Trauerspiel Frei Luís de Sousa ist ein Drama in drei Akten von Almeida Garrett. Es wurde 1843 uraufgeführt und im Jahr darauf erstmals gedruckt. Locker angelehnt ist es an eine wahre Begebenheit aus dem 16. Jahrhundert: Ein Edelmann, den man nach einer Schlacht für tot hielt, kehrt in ein Portugal unter spanischer Herrschaft zurück – zum Entsetzen seiner Frau, die inzwischen wieder geheiratet hat. Das Stück gilt als Garretts dramatisches Hauptwerk und als Musterbeispiel des portugiesischen romantischen Theaters. Ins Englische wurde es unter dem Titel The Pilgrim übertragen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Portugal der spanischen Fremdherrschaft, viele Jahre nach der verheerenden Schlacht von Alcácer-Quibir, in der das Land seine Unabhängigkeit verlor, führen Madalena de Vilhena und Manuel de Sousa Coutinho ein glückliches Leben. Madalena war zuvor mit dem Edelmann Dom João de Portugal verheiratet, der aus jener Schlacht nie zurückkehrte und dessen Leichnam man nie fand. Nun ist sie mit Manuel vermählt, einem Ritter des Malteserordens. Gemeinsam mit ihrer zarten, kränklichen Tochter Maria de Noronha bewohnen sie einen prächtigen Palast.

Über dem häuslichen Frieden liegt jedoch ein Schatten. Der treue Diener Telmo Pais glaubt als Einziger unbeirrt, dass sein alter Herr Dom João noch lebt und eines Tages heimkehren werde. Auch Madalena quält ein wachsender Gedanke: Sollte der erste Mann wirklich zurückkommen, so wäre ihre zweite Ehe ungültig, eine Sünde, und ihre Tochter unehelich. Als eines Tages ein Fremder aus dem Heiligen Land Einlass begehrt, drängt diese verdrängte Furcht mit aller Macht ans Licht.

Die Handlung im Detail

Der Schauplatz ist Portugal unter spanischer Herrschaft. Weder der Leichnam des in der Schlacht verschollenen Königs Sebastian noch der des Edelmanns Dom João de Portugal aus dem angesehenen Haus Vimioso wurde jemals geborgen. Madalena, Dom Joãos Witwe, hat den ritterlichen Malteser Manuel de Sousa Coutinho geheiratet. Ihr gemeinsames Leben ist tugendhaft und glücklich, nur der stumme Vorwurf des alten Dieners Telmo Pais trübt es, der immer noch auf die Rückkehr seines früheren Herrn hofft.

Die Familie lebt in Manuels vornehmem Palast in Almada. Da erreicht sie die Nachricht, dass die spanischen Statthalter, aus dem von der Pest heimgesuchten Lissabon vertrieben, ihr Quartier in dieses Haus verlegen wollen. Empört über die willkürliche Anordnung und aus vaterländischem Trotz steckt Manuel sein eigenes Haus in Brand. Während die Familie den brennenden Palast verlässt, muss Madalena mit ansehen, wie ein Bildnis ihres Mannes von den Flammen verzehrt wird.

Nun ist die Familie gezwungen, in den alten, unbewohnten Palast zu ziehen, der einst Madalenas erstem Gatten Dom João gehörte. In dessen Galerie hängt ein Bildnis Dom Joãos neben einem des Königs Sebastian – für Madalena ein böses Vorzeichen. Während Maria und Manuel abwesend sind und Madalena von Manuels Bruder, dem Ordensmann Frei Jorge, eingerichtet wird, tritt ein alter Pilger aus dem Heiligen Land ein. Er berichtet, er sei viele Jahre in Gefangenschaft gehalten worden und wisse mit Gewissheit, dass Dom João noch lebe. Auf die Frage, wer er selbst sei, antwortet er nur, er sei niemand, und deutet dabei auf das Bildnis Dom Joãos.

Von tiefer Scham erfüllt, sehen Madalena und Manuel nur einen Ausweg: Sie wollen sich trennen und jeder für sich in ein Kloster eintreten. Telmo Pais, der im Pilger seinen alten Herrn Dom João erkennt, erzählt ihm von der zarten, kränklichen Maria de Noronha. Da bereut der alte Edelmann, dass schon seine bloße Gegenwart die Familie ins Unglück stürzt und die einst geliebte Frau in Schande hüllt. Er trägt Telmo auf, allen zu sagen, der Pilger sei ein Betrüger gewesen. Doch es ist zu spät: Manuel – nun Bruder Luís de Sousa – und Madalena legen bereits ihr feierliches Klostergelübde ab. Die nun verwaiste Maria unterbricht die Zeremonie mit einer erregten, fiebrigen Rede darüber, wie die gesellschaftlichen Gesetze ihre Familie zerrissen haben, ehe sie der Schwindsucht erliegt.

Stil

Als klassisches Trauerspiel in drei Akten gilt das Werk als Urbild des portugiesischen romantischen Theaters. Mit wenigen Figuren und einer dicht geführten Handlung baut es ein stetig wachsendes Gefühl des Verhängnisses auf. Kennzeichnend ist der Einsatz sprechender Bilder und Vorzeichen: die beiden Gemälde in der Galerie – Dom João neben König Sebastian –, das im Feuer verbrennende Bildnis Manuels, der geheimnisvolle Pilger, der auf ein Porträt deutet. Diese Zeichen deuten das Unheil voraus, ehe es eintritt, und geben dem Stück seine bedrückende, schicksalhafte Grundstimmung.

Rezeption

Als Garretts dramatisches Hauptwerk und als Musterbeispiel des portugiesischen romantischen Theaters hat das Stück im Urteil der Nachwelt einen hohen Rang. Der Kritiker José-Augusto França bezeichnete es als das herausragende Werk des portugiesischen Theaters im 19. Jahrhundert. João Gaspar Simões sah in ihm eines der wichtigsten Zeugnisse des nationalen Theaters. Über den portugiesischen Sprachraum hinaus fand es in der englischen Bearbeitung unter dem Titel The Pilgrim Verbreitung.

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