1819
Die Cenci
Überblick↑
Bei The Cenci handelt es sich um ein Versdrama in fünf Akten, das Percy Bysshe Shelley im Sommer 1819 verfasste. Der Stoff geht auf eine wahre Begebenheit zurück: das Schicksal der römischen Familie Cenci und besonders der jungen Beatrice Cenci, die wegen Mordes an ihrem grausamen Vater hingerichtet wurde. Shelley schrieb das Stück in Rom und in der Villa Valsovano bei Livorno; es erschien noch im selben Jahr in London bei Charles und James Ollier. Anders als viele seiner Werke war es ausdrücklich für ein breites Publikum gedacht – Shelley nannte es von einer „volkstümlicheren Art“ und hoffte, es auf die Bühne zu bringen. Eine zweite Auflage folgte 1821; es blieb das einzige seiner Werke, das zu seinen Lebzeiten eine zweite Auflage erlebte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Rom des ausgehenden 16. Jahrhunderts herrscht Graf Francesco Cenci wie ein Tyrann über seine Familie. Er ist reich, gewalttätig und ohne Skrupel; selbst die Kirche lässt er sich durch Geld gewogen halten. Seine Kinder und seine Frau Lucretia leiden unter seiner Willkür, doch niemand wagt es, sich offen gegen ihn zu stellen.
Im Mittelpunkt steht seine Tochter Beatrice, eine tugendhafte junge Frau, die zunächst auf rechtmäßigem Weg Hilfe sucht. Sie wendet sich an Gäste des Hauses und an den Papst, um Schutz vor dem Vater zu erbitten. Doch die Furcht vor Cencis Rachsucht lähmt alle, und auch der Geistliche Orsino, der Beatrice begehrt, verfolgt eigene Absichten. Als jeder Ausweg auf gewöhnlichem Wege versperrt scheint, wächst in der Familie der Gedanke an eine verzweifelte Tat.
Das Drama führt langsam an die Frage heran, wie weit ein Mensch gehen darf, der von einem anderen bis aufs Äußerste gequält wird – und welchen Preis er dafür zahlt.
Die Handlung im Detail↑
Das Stück spielt 1599 in Rom, während des Pontifikats von Papst Clemens VIII. Im ersten Akt spricht Kardinal Camillo mit Graf Francesco Cenci über einen Mord, in den Cenci verwickelt ist. Die Kirche werde die Sache vertuschen, wenn Cenci ein Drittel seines Besitzes – sein Land jenseits des Pincio-Tors – abtrete. Cenci hat zwei seiner Söhne, Rocco und Cristofano, nach Salamanca in Spanien geschickt, in der Erwartung, dass sie dort verhungern. Seine tugendhafte Tochter Beatrice und Orsino, ein in sie verliebter Prälat, beraten, eine Bittschrift an den Papst zu richten, um die Familie von Cencis Schreckensherrschaft zu befreien. Doch Orsino hält die Bittschrift zurück und gibt sich als unaufrichtig, begehrlich und habgierig zu erkennen. Als Cenci die Nachricht vom Tod seiner Söhne in Salamanca erhält, gibt er ein Fest zur Feier ihres Todes und zwingt seine Gäste, mit ihm zu zechen. Den Wein, den er trinkt, stellt er sich als das Blut seiner Kinder vor, nach dem er gedürstet habe. Während des Festes fleht Beatrice die Gäste an, ihre Familie vor dem sadistischen Vater zu schützen, doch aus Furcht vor seiner Brutalität weigern sich alle.
Im zweiten Akt peinigt Cenci Beatrice und ihre Stiefmutter Lucretia und kündigt an, sie auf seinem Schloss in Petrella einzusperren. Ein Diener bringt Beatrices Bittschrift an den Papst ungeöffnet zurück, und die letzte Hoffnung auf Rettung schwindet. Orsino stachelt unterdessen Cencis Sohn Giacomo, der sich über die Aneignung der Mitgift seiner Frau durch den Vater empört, zum Mord an Cenci auf.
Im dritten Akt offenbart Beatrice ihrer Stiefmutter, dass der Graf eine unaussprechliche Tat an ihr begangen hat; ihre Worte von geistiger und körperlicher Befleckung deuten auf eine Vergewaltigung der eigenen Tochter durch den Vater hin. Orsino und Lucretia stimmen Beatrices Vorschlag zu, dass der Graf getötet werden müsse. Ein erster Anschlag scheitert, weil Cenci zu früh eintrifft. Daraufhin schmieden Orsino, Beatrice, Lucretia und Giacomo einen zweiten Mordplan: Zwei misshandelte Diener des Grafen, Marzio und Olimpio, sollen die Tat ausführen.
Der vierte Akt spielt auf dem Schloss Petrella in den Apenninen. Olimpio und Marzio betreten Cencis Schlafgemach, zögern aber, den schlafenden Grafen zu töten, und kehren unverrichteter Dinge zurück. Beatrice droht, Cenci selbst zu töten, und beschämt die Diener so lange, bis sie handeln. Olimpio und Marzio erwürgen den Grafen und werfen seinen Leichnam vom Balkon, wo er sich in einer Pinie verfängt. Kurz darauf trifft Savella, ein päpstlicher Legat, mit einem Mordvorwurf und einem Hinrichtungsbefehl gegen Cenci selbst ein. Als er den toten Grafen findet, verhaftet er die Verschwörer – mit Ausnahme Orsinos, der verkleidet entkommt.
Im fünften Akt werden die Verdächtigen in Rom vor Gericht gestellt. Marzio wird gefoltert und gesteht den Mord, wobei er die Familienmitglieder belastet. Obwohl auch Lucretia und Giacomo gestehen, weigert sich Beatrice standhaft und beharrt auf ihrer Unschuld. Alle Verschwörer werden für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Bernardo, ein weiterer Sohn Cencis, versucht vergeblich, beim Papst in letzter Minute Gnade für die Familie zu erwirken. Der Papst soll erklärt haben: „Sie müssen sterben.“ Das Drama endet damit, dass Beatrice gefasst zu ihrer Hinrichtung schreitet. Ihre letzten Worte sind: „Wir sind ganz bereit. Nun, es ist sehr gut.“
Stil↑
Geschrieben ist das Werk als Versdrama in fünf Akten, gegliedert nach dem Vorbild des klassischen Trauerspiels. Shelley wählte bewusst eine zugänglichere Form als sonst: Er bezeichnete das Stück als „von einer volkstümlicheren Art“ und als „für die Menge geschrieben“. Sein Ziel war ausdrücklich ein aufführbares Bühnenstück, kein bloßes Lesedrama. Auch seine Frau Mary Shelley betonte später, er habe es gespielt sehen wollen.
Die Sprache verbindet drastische Bildlichkeit mit großer dichterischer Kraft. Der Tyrann Cenci spricht in grellen Bildern, etwa wenn er den Wein als das Blut seiner Kinder beschwört, nach dem er gedürstet habe. Besondere Geschlossenheit erreicht der fünfte Akt, der die Gerichtsverhandlung und Beatrices Haltung bis zum Schluss in ruhiger, gefasster Sprache führt. Auch Byron, der den Stoff selbst für undramatisch hielt, nannte das Stück „ein Werk von Kraft und Poesie“.
Rezeption↑
Schon kurz nach Erscheinen rief das Drama geteilte Urteile hervor. Mary Shelley hielt in ihrer Anmerkung fest, allgemeine Zustimmung habe das Werk rasch als eines der besten Trauerspiele der neueren Zeit ausgewiesen, und sie rühmte den fünften Akt als Meisterstück. Leigh Hunt, dem das Stück gewidmet war, hob Shelleys Wesensgüte hervor. Byron sprach gegenüber Thomas Medwin davon, The Cenci sei eines der besten Trauerspiele, die die neuere Zeit hervorgebracht habe, und William Wordsworth soll es als eine der bedeutendsten Tragödien seiner Zeit bezeichnet haben.
Zugleich galt das Stück seinen Zeitgenossen als unspielbar. Die Themen Inzest und Vatermord sowie die kritische Darstellung der römisch-katholischen Kirche verhinderten eine öffentliche Aufführung in England. Ein Rezensent der Literary Gazette nannte das Werk 1820 „schädlich“, „verhasst“ und „abscheulich“. Erst 1886 ließ die Shelley Society eine private Aufführung im Grand Theatre in Islington spielen, vor einem Publikum, zu dem Oscar Wilde, Robert Browning und George Bernard Shaw zählten. Wilde schloss seine Besprechung mit dem Urteil, niemand habe die Aufgabe des Dramatikers klarer verstanden als Shelley. Shaw bemerkte nach der Aufführung, Shelley und Shakespeare seien die einzigen Dramatiker, die Verzweiflung von dieser Eindringlichkeit behandelt hätten. Öffentlich aufgeführt wurde das Stück in England jedoch erst 1922 in London. Inzwischen ist es in vielen Ländern gespielt worden, darunter Frankreich, Deutschland, Italien, Russland und die Vereinigten Staaten, und es fand Aufnahme in die Sammlung der Harvard Classics.
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