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Werkseintrag · Ode an den Westwind
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Cover Ode an den Westwind
Ode an den Westwind
1820
– Werkseintrag –

Ode an den Westwind

1820 · Lyrik

Ein Herbststurm wird zum Sinnbild für Untergang und Erneuerung – und der Dichter fleht ihn an, seine Worte wie Funken über die Welt zu tragen.

Überblick↑

Die Ode an den Westwind ist ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley. Er schrieb es 1819 in einem Wäldchen bei Florenz, dem Cascine-Wald. Veröffentlicht wurde es 1820 in London, als Teil der Sammlung um sein Versdrama Der entfesselte Prometheus. In dem Gedicht ruft der Sprecher den Herbststurm an und macht ihn zum Sinnbild für Erneuerung und Umbruch. Mehr als alles andere wollte Shelley seine Botschaft von Reform und Umwälzung verbreiten, und der Wind wird zum Bild für das Hinaustragen dieser Botschaft durch den Dichter, der zugleich Seher und Verkünder ist. Im Hintergrund stehen die politischen Erschütterungen der Zeit, vor allem das Peterloo-Massaker vom August 1819. Einige Deuter sehen in dem Gedicht auch eine Antwort auf den Tod von Shelleys Sohn William, der 1819 starb.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht ein einziger machtvoller Gegenstand: der wilde Westwind, der über die herbstliche Welt fegt. Das Gedicht ist in fünf Abschnitte gegliedert. Die ersten drei zeigen, wie der Wind auf die drei Bereiche der Natur wirkt: auf die Erde, auf die Luft und auf das Meer.

Zunächst treibt der Wind die toten Blätter vor sich her, die wie blasse Gespenster fliehen, und trägt zugleich die Samen fort, aus denen im Frühling neues Leben sprießen wird. So erscheint er von Anfang an doppelgesichtig, als Zerstörer und Bewahrer in einem. Im zweiten Abschnitt jagt er die Wolken über den Himmel wie welkes Laub und kündigt das Heraufziehen eines gewaltigen Sturms an. Im dritten weckt er das blaue Mittelmeer aus seinem Schlummer und wühlt die Wasser auf, sodass selbst versunkene Paläste und Türme alter Küstenstädte erzittern.

Jeder dieser drei Abschnitte endet mit demselben beschwörenden Ausruf an den Wind: „Oh, höre!“ Damit ist der Boden bereitet für die zweite Hälfte des Gedichts, in der sich der Sprecher unmittelbar an den Wind wendet und in eine ganz persönliche Anrufung übergeht.

Die Handlung im Detail↑

Das Gedicht beginnt mit der Anrede an den „wilden Westwind“, den Atem des Herbstes. Schon die ersten Zeilen sind von Tod und Vergänglichkeit durchzogen: Die toten Blätter werden wie Gespenster vor dem Wind hergetrieben, der zugleich die geflügelten Samen in die dunkle Erde streut, wo sie wie Leichen in ihren Gräbern liegen, bis die „azurblaue Schwester des Frühlings“, der milde Ostwind, sie weckt. So endet der erste Abschnitt mit der Doppelgestalt des Windes als „Zerstörer und Bewahrer“: Er reißt die letzten Spuren des Lebens von den Bäumen und sät doch zugleich das künftige Leben aus. Es folgt der Ausruf „Oh, höre!“.

Der zweite Abschnitt wendet sich der Luft zu. Die Wolken treiben über den Himmel wie das welkende Laub der Erde, geschüttelt von den verschlungenen Ästen aus Himmel und Meer. Sie erscheinen als „Engel des Regens“, als Boten, die Botschaft, Blitz und Regen herabtragen. Der Wind singt ein Klagelied über das sterbende Jahr, und der wolkenverhangene Himmel gleicht einer Grabkammer. Aus dem aufziehenden Sturm werden schwarzer Regen, Feuer und Hagel hervorbrechen. Auch dieser Abschnitt schließt mit „Oh, höre!“.

Der dritte Abschnitt führt zum Wasser. Das blaue Mittelmeer lag schlummernd da, eingelullt von seinen kristallklaren Strömungen neben einer Insel in der Bucht von Baiae, und sah im Schlaf alte Paläste und Türme. Tatsächlich liegen in dieser Bucht am Golf von Neapel versunkene römische Ruinen unter Wasser. Vor dem heranbrausenden Wind reißen sich die Fluten des Atlantiks auf, und selbst die Pflanzen und Wälder auf dem Meeresgrund erbeben vor Furcht und entlauben sich. Dieser Abschnitt wirkt wie ein Wendepunkt: Hatte der Sprecher in den ersten beiden Teilen Tod und Wandel hingenommen, so klingt hier eine wehmütige Erinnerung an eine schönere Möglichkeit an, ehe das Wort „Furcht“ erneut den Umschwung der Jahreszeit ankündigt. Auch hier steht am Ende der Ruf „Oh, höre!“.

Im vierten Abschnitt vollzieht sich ein deutlicher Bruch. Nun steht nicht mehr der Wind im Mittelpunkt, sondern der Sprecher selbst. Mit „Wäre ich ...“ wünscht er sich, ein totes Blatt, eine Wolke oder eine Welle zu sein, die der Wind tragen könnte. Die Ich-Worte häufen sich; der Dichter, der bisher fast verschwunden war, tritt hervor. Er weiß, dass er nicht wirklich eins mit dem Wind werden kann, weil er nicht alles ablegen kann, was das Leben ihn gelehrt hat. Dennoch fleht er: „Oh, hebe mich empor wie eine Welle, ein Blatt, eine Wolke.“ Er klagt, dass die schwere Last der Stunden ihn gefesselt und gebeugt hat, und ruft, er falle auf die Dornen des Lebens und blute. Das mag auf die Jahre deuten, die die Hoffnung derer beugten, die für die Freiheit gekämpft hatten. In diesem Teil wandelt sich auch die Bildsprache: Die Metaphern werden knapper, und das vierte Element, das Feuer, fehlt auffällig, sodass die Symmetrie der Elemente zerbricht.

Im fünften Abschnitt verschmelzen Wind und Sprecher. Der Dichter bittet den Wind, ihn wie einen Wald zu spielen, ihn zu seiner Leier zu machen, mag auch sein Laub fallen wie das des Waldes. Sein Geist solle der seine sein, sein Wesen sein Wesen. Er bittet den Wind, seine toten Gedanken über das Weltall zu treiben wie welke Blätter, um eine neue Geburt zu beschleunigen, und seine Worte unter die Menschheit zu streuen wie Funken und Asche von einem noch glimmenden Herd. So wird der Wind zur Trompete einer Weissagung. Das Gedicht endet mit der berühmten, hoffnungsvollen Frage: Wenn der Winter kommt, kann der Frühling dann noch fern sein?

Stil↑

Geschrieben ist das Werk in der Form der Ode, einer feierlichen, oft gesungenen Anrufung aus der antiken Tradition. Shelley verbindet darin zwei Spielarten: die erhabene, öffentliche Ode in der Nachfolge Pindars, die menschliche Leistungen preist, und die persönliche, nachdenkliche Ode horazischer Prägung. In der englischen Tradition diente die Ode zudem dem Ausdruck erhabener geistiger und seelischer Gedanken, und auch diesem Zweck folgt Shelleys Gedicht.

Das Werk besteht aus fünf Abschnitten, die in Terzinen geschrieben sind, einer ineinander verketteten Reimform. Jeder Abschnitt umfasst vier dreizeilige Strophen mit kunstvoll verschränkten Reimen und schließt mit einem Reimpaar ab. Das Versmaß ist der fünfhebige Jambus.

Auffällig ist die durchgehende Anrede des Windes, die ihn wie eine lebende Person erscheinen lässt. Schon der Beginn arbeitet mit dem Stabreim im „wilden Westwind“. Personifikation und Vermenschlichung durchziehen das ganze Gedicht: tote Blätter werden zu fliehenden Gespenstern, Wolken zu Engeln des Regens, der Wind zum Klagesänger und zum Propheten. Die Bilder steigern sich vom begrenzten irdischen Schauplatz mit den Blättern hin zum weiten Aufruhr von Himmel und Meer. In den letzten beiden Abschnitten ändert sich der Ton hin zu einer Bitte, fast einem Gebet, das sich jedoch nicht an Gott richtet, sondern an die Natur selbst.

Rezeption↑

Bekannt geblieben ist das Werk vor allem durch seinen hoffnungsvollen Schlussvers, der danach fragt, ob nach dem Winter nicht der Frühling nahe sei. Diese Zeile gehört zu den oft zitierten Versen der englischen Dichtung. Das Gedicht gilt als ein Beispiel dafür, wie die Romantik die Natur mit dem Göttlichen gleichsetzt; Shelley, ein überzeugter Gottesleugner, lässt den Westwind die Rolle einnehmen, die sonst Gott zukäme.

Inhaltlich steht das Werk in einer Reihe mit anderen Dichtungen, die Shelley in derselben Zeit verfasste und die um Umbruch, Umwälzung und die Rolle des Dichters kreisen, darunter Der entfesselte Prometheus sowie die politischen Gedichte über den Aufruhr und über England im Jahr 1819. In all diesen Texten erscheint der Dichter als Stimme des Wandels, und die Ode an den Westwind hält diesen Anspruch in besonders verdichteter Form fest.

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