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Porträt Percy Bysshe Shelley
Percy Bysshe Shelley
1792 – 1822
– Autorenporträt –

Percy Bysshe Shelley

1792 – 1822 · 29 Jahre

Englischer Romantiker, Atheist und politischer Rebell – mit 29 Jahren bei einem Segelunfall vor der italienischen Küste ertrunken.

Kurzporträt

Percy Bysshe Shelley (1792–1822) gehört zu den führenden Dichtern der englischen Romantik. Geboren wurde er in eine reiche Adelsfamilie in Sussex. Früh wurde er zum Rebellen. Wegen einer Schrift zur Verteidigung des Atheismus wurde er aus Oxford verwiesen. Mit seinem Vater zerstritt er sich. Er war ein Verfechter freier Liebe, vegetarischer Lebensweise und politischer Umwälzung. Mit seiner zweiten Frau Mary Shelley, der Autorin des Frankenstein, lebte er ab 1818 in Italien. Dort schrieb er die Gedichte und Dramen, die seinen Ruhm begründen. Im Alter von 29 Jahren ertrank er bei einem Segelunfall an der italienischen Küste.


Biografie

Percy Bysshe Shelley kam am 4. August 1792 in Field Place bei Horsham in Sussex zur Welt. Er war der älteste Sohn und Erbe des reichen Adligen Sir Timothy Shelley, 2nd Baronet of Castle Goring, und seiner Frau Elizabeth Pilfold. Nach der frühen Schulzeit an der Syon House Academy in Islington bei London besuchte er das Eton College. Anschließend studierte er in Oxford. Schon als Schüler in Eton schrieb er 1810 den Schauerroman Zastrozzi, a romance. Gemeinsam mit seiner Schwester Elizabeth verfasste er den Band Original poetry by Victor and Cazire.

In Oxford schloss er Freundschaft mit Thomas Jefferson Hogg, die bis zu seinem Tod hielt. Mit Hogg verfasste er 1811 das Pamphlet The Necessity of Atheism, eine Zusammenfassung der Argumente von John Locke und David Hume. Wegen seiner rebellischen Haltung wurde er gemeinsam mit Hogg vom College verwiesen. Formal stand seine Weigerung im Mittelpunkt, Fragen nach der Autorschaft zu beantworten. Im selben Jahr erschien anonym sein Poetical Essay on the Existing State of Things gegen Krieg und Imperialismus. Vermutlich trug auch dieser zum Ausschluss bei. Sein Leben lang blieb Shelley Atheist und Religionskritiker, etwa im Essay on Christianity von 1815 oder im Vorwort zu seinem Drama The Cenci von 1819.

Noch 1811 heiratete er in Schottland die sechzehnjährige Harriet Westbrook. Das führte zum Zerwürfnis mit dem Vater. Über den Buchhändler Thomas Hookham lernte er 1812 den sieben Jahre älteren Dichter Thomas Love Peacock kennen. Mit ihm verband ihn eine dauerhafte Freundschaft. 1813 erschien Queen Mab; A Philosophical Poem; With Notes, ein revolutionäres Gedicht gegen Religion, politische Tyrannei, Krieg, Handel und die Beschränkungen der Ehe. In den Anmerkungen sowie in der Schrift A Vindication of Natural Diet trat Shelley zudem für eine vegetarische Lebensweise ein.

Im Juni 1814 begegnete er erstmals Mary Wollstonecraft Godwin, der Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft und des Philosophen William Godwin und späteren Autorin des Frankenstein. Die beiden verliebten sich schnell. Da Shelley verheiratet war, lehnte William Godwin die Verbindung ab. Im Juli 1814 verließen Shelley, Mary und ihre Stiefschwester Claire Clairmont England und reisten nach Frankreich und in die Schweiz. Im September kehrten sie nach London zurück. Im folgenden Winter entwickelte sich zwischen Mary und Thomas Jefferson Hogg eine Beziehung, zu der es nach einer Andeutung Shelleys auch kurz körperlich kam.

Im Mai 1816 reiste Shelley mit Mary, dem gemeinsamen kleinen Sohn William und Claire Clairmont nach Genf, wo sie Lord Byron trafen. Byron wohnte mit seinem Leibarzt John William Polidori in der Villa Diodati, die Shelleys in einem nahen Chalet. Hier begann die Freundschaft zwischen Shelley und Byron. Aus abendlichen Gesprächen über Somnambulismus und Galvanismus entstand die Idee, dass jeder der Anwesenden eine Schauergeschichte schreiben sollte. So entstanden Mary Shelleys Frankenstein oder Der moderne Prometheus und Polidoris Erzählung The Vampyre. In jenem Sommer schrieb Shelley unter anderem Hymn to Intellectual Beauty und Mont Blanc, angeregt durch einen Ausflug ins Tal von Chamonix. Im September 1816 kehrten alle nach England zurück und ließen sich in Bath nieder.

Anfang Dezember 1816 nahm sich Harriet das Leben. Kurz darauf heirateten Mary Godwin und Shelley. Eine lebenslange Rente von 1.000 Pfund sicherte ihren Unterhalt. Bitter blieb für Shelley, dass er das Sorgerecht für die beiden Kinder aus der Ehe mit Harriet nicht erhielt. Ab März 1817 lebte die Familie in Marlow im Albion House, in direkter Nachbarschaft zu Peacock. Regelmäßige Besucher waren Hogg und Leigh Hunt mit Familie. Für den Frankenstein-Roman handelte Percy Shelley einen vorteilhaften Vertrag mit Lackington, Allen und Co. aus. Das Buch erschien im Januar 1818.

Von März 1818 an lebte die Familie in Italien. Im Sommer zogen sie auf Einladung Byrons auf dessen Landsitz in Este südlich von Padua. Im Oktober und November verfasste Shelley das Gedicht Julian and Maddalo, in dem Julian für ihn selbst, Graf Maddalo für Byron steht. Aufenthalte in Rom, Neapel, wieder Rom und schließlich Pisa folgten. Auf die blutige Niederwerfung einer Arbeiterprotestbewegung in Manchester 1819, das Peterloo-Massaker, reagierte er mit dem Gedicht The Mask of Anarchy, das erst postum 1832 erschien. Weitere politische Gedichte schlossen sich an: Lines Written during the Castlereagh Administration, Song to the Men of England und England in 1819.

Im Juli 1820 lud Shelley den an Tuberkulose erkrankten John Keats zu sich nach Pisa ein, den er 1816 bei Leigh Hunt kennengelernt hatte. Keats erreichte Rom, suchte aber keinen Kontakt mehr und starb am 23. Februar 1821. Shelley erfuhr davon erst am 15. April. Zwischen Anfang und 11. Juni 1821 schrieb er die Elegie Adonais. An Elegy on the Death of John Keats. In deren Vorwort richtete er sich scharf gegen die Kritiker, die er für Keats' Tod mitverantwortlich machte. Im selben Jahr verfasste er die poetologische Schrift A Defence of Poetry, die mit dem berühmten Satz endet, Dichter seien „die nicht-anerkannten Gesetzgeber der Welt".

Von November 1821 bis April 1822 lebte Shelley mit der Familie in Pisa, wo auch Byron weilte. Danach zogen sie in die Villa Magni in San Terenzo an der Bucht von La Spezia. Im Mai 1822 erwarb Shelley dort ein Segelboot und unternahm Touren mit seinem Freund Edward Ellerker Williams. Am 1. Juli segelten Shelley, Williams und der Bootsjunge Charles Vivian nach Livorno. Dort wollten sie Byron und den aus England angereisten Leigh Hunt treffen und das gemeinsame Zeitschriftenprojekt The Liberal besprechen. Auf dem Rückweg am 8. Juli gerieten sie in einen heftigen Sturm. Das Boot kenterte, alle drei ertranken. Zum genauen Sterbeort gehen die Angaben auseinander: Wikidata nennt den Golf von La Spezia, die Deutsche Biographie verzeichnet Viareggio. Die Leichen wurden zehn Tage später bei Viareggio an Land gespült. Byron, Edward John Trelawny und Leigh Hunt verbrannten Shelleys Leichnam am Strand. Seine Asche wurde auf dem protestantischen Friedhof in Rom beigesetzt. Auf dem Grabstein steht „COR. CORDIUM – Herz der Herzen".


Literarische Merkmale

Shelleys Werk umspannt politische Lyrik, philosophische Versdichtung, Drama, Essay und Prosaerzählung. Schon der Frühschrift The Necessity of Atheism merkt man den Argumentationsgang an, der Locke und Hume verpflichtet ist. Der Atheismus und die Kritik an Kirche und Macht ziehen sich durch das ganze Schaffen.

In Queen Mab verbindet er philosophische Reflexion mit revolutionärem Pathos. Religion, politische Tyrannei, die zerstörerischen Kräfte von Krieg und Handel sowie die Beschränkungen der Ehe werden zum Angriffsziel. Die Anmerkungen erweitern das Gedicht zu einer Sammlung eigenständiger Essays, in denen er auch seinen Vegetarismus begründet. In Mont Blanc folgt er nicht der Tradition verherrlichender Alpengedichte. Stattdessen hat er die Bedrohung durch den Berg im Blick und lässt Beobachter und Objekt miteinander verschmelzen.

Auf zeitgeschichtliche Ereignisse reagierte er unmittelbar mit Gedichten. The Mask of Anarchy entstand als direkte Antwort auf das Peterloo-Massaker, England in 1819 als Sonett gegen den Zustand des Landes. In Julian and Maddalo überträgt er die persönliche Begegnung mit Byron in ein langes Gedicht, das Freundschaft und temperamentvolle Differenz zugleich darstellt. Adonais zeigt seinen Sinn für die Mehrfachfunktion eines Gedichts: Elegie auf Keats und Polemik gegen dessen Kritiker in einem.

Sein poetologisches Selbstverständnis hat er in A Defence of Poetry niedergelegt. Dort beschreibt er den Dichter zugleich als „Gesetzgeber" und als „Propheten", als „Hierophanten einer unbegreiflichen Inspiration" und als Spiegel jener Schatten, die die Zukunft auf die Gegenwart wirft. Neben seinen eigenen Dichtungen übersetzte Shelley auch Werke Calderóns und Goethes Faust I.


Rezeption

Zu Lebzeiten stießen Shelleys Dichtungen bei den Zeitgenossen überwiegend auf Ablehnung, wegen ihrer abseitigen Sujets und unkonventionellen Ansichten. Auch Kritiker billigten ihnen jedoch eine besondere Schönheit der Sprache und des dichterischen Ausdrucks in weiten Passagen zu. Die erste zuverlässige Gesamtausgabe seiner Werke erschien erst 1839, herausgegeben von Mary Shelley.

Politisch blieben seine Schriften wirksam. Queen Mab fand bei politischen Reformern und Chartisten großen Anklang und wurde auf deren Versammlungen verkauft. Holmes hält es für Shelleys einflussreichstes Gedicht dieser Zeit. 1848 begann Friedrich Engels eine Übersetzung ins Deutsche, die er nicht vollendete. Karl Marx war überzeugt, Shelley wäre, hätte er länger gelebt, ein Vorkämpfer des Sozialismus geworden. Ein Indiz sah man im Vorwort zu Hellas, das Gedanken des Kommunistischen Manifests vorwegnimmt. Eleanor Marx betonte später, sie habe ihren Vater und Engels „wieder und wieder" über Shelleys Bedeutung sprechen hören, ebenso viele Chartisten, die sie als Kind kennengelernt habe. Auch ein politisch verstandener Vegetarismus berief sich auf die Notes zu Queen Mab.

Nach Schmid zerfiel Shelleys Bild in der Rezeption rasch in zwei Lesarten: den „engelhaften, lyrischen Dichter" und den „Rebellen und Revolutionär". Die Verehrung reichte weit über die Literatur hinaus. Die deutsch-amerikanische Revolutionärin Mathilde Franziska Anneke und ihr Mann Fritz Anneke benannten 1850 einen in Milwaukee geborenen Sohn Percy Shelley Anneke. Bei einem Konzert der Rolling Stones im Londoner Hyde Park am 5. Juli 1969, das zur Gedenkfeier für Brian Jones wurde, rezitierte Mick Jagger vor rund 250.000 Fans aus Adonais. Eine BBC-Dokumentation über Jones wurde nach einer Zeile daraus Dream of Life genannt. Am 24. Juni 2017 zitierte Jeremy Corbyn beim Glastonbury Festival aus The Mask of Anarchy, um junge Zuhörer zur Veränderung der Welt zu ermutigen.

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