1974
Ich, der Allmächtige
Überblick↑
Der Roman Ich, der Allmächtige von Augusto Roa Bastos erschien 1974 auf Spanisch unter dem Titel Yo el Supremo. Er erzählt vom paraguayischen Machthaber José Gaspar Rodríguez de Francia, der im 19. Jahrhundert das Land beherrschte und sich selbst „El Supremo“, den Allmächtigen, nannte. Daher stammt der Titel des Buches. Im Mittelpunkt stehen Macht und Sprache und die Frage, wie beide zusammenhängen. Als Roa Bastos das Buch schrieb, herrschte in Paraguay der Diktator Alfredo Stroessner. Viele lesen den Roman deshalb auch als kaum verhüllten Angriff auf diesen Machthaber. Das Werk gehört zur Gattung des Diktatorenromans und zum lateinamerikanischen Boom, jener Literaturbewegung der 1960er und 1970er Jahre. Die englische Übersetzung von Helen Lane kam 1986 heraus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zu Beginn scheint das Buch eine geradlinige Geschichte zu erzählen. Es öffnet mit einem Schriftstück, das wie ein amtlicher Befehl des Diktators aussieht: Nach seinem Tod solle man seinen Leichnam enthaupten und den Kopf drei Tage lang auf einer Pike am Hauptplatz der Republik ausstellen, während die Glocken das Volk zusammenrufen. Doch dieses Dokument ist keine echte Anordnung. Es ist eine Fälschung, ein Spottzettel, den jemand an das Tor der Kathedrale von Asunción genagelt hat.
Was folgt, ist zunächst die Suche nach dem Urheber. Der Allmächtige und sein Sekretär Policarpo Patiño beraten über Sinn und Herkunft des Zettels. Patiño erhält den Auftrag, die Handschrift in sämtlichen Akten aufzuspüren. Doch diese Ermittlung löst sich bald auf. Der Diktator bezweifelt sogar, dass es sich überhaupt um eine Fälschung handelt, und deutet an, er selbst könne der Verfasser sein.
Je weiter das Buch fortschreitet, desto mehr verliert es sich in Abschweifungen. Der Allmächtige und sein Sekretär sprechen über die seltsamsten Dinge: über einen Meteoriten, der angeblich an den Schreibtisch des Diktators gekettet ist, oder über ein Straflager in Tevego, dessen Insassen zu Stein geworden sein sollen. Immer öfter denkt der Machthaber über die Vergangenheit nach, vor allem über die Gründungsjahre Paraguays, als er die Ansprüche von Spaniern, Argentiniern und Brasilianern abwehren musste, die die junge Unabhängigkeit bedrohten.
Zeit und Logik gelten in diesem Buch wenig. An einer Stelle spricht der Diktator über das Datum seines eigenen Todes. An anderer Stelle erwähnt er Ereignisse, die erst lange nach seiner Zeit stattfanden, etwa den Chacokrieg der 1930er Jahre, an dem Roa Bastos selbst teilnahm. Daneben meldet sich immer vernehmlicher eine rätselhafte Stimme am Rand: die des Kompilators, der die Schriftstücke zusammengetragen haben will.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht der Spottzettel an der Kathedralentür von Asunción. Er kündigt in amtlichem Ton den Tod des Diktators an und ordnet an, wie mit dem Leichnam zu verfahren sei: Enthauptung, der Kopf drei Tage lang auf einer Pike am Hauptplatz, Glockengeläut, das Volk herbeigerufen. Die Titelworte des Buches sind dabei in einer Schrift gesetzt, die wie Handschrift aussieht.
Der Allmächtige und sein Sekretär Patiño beginnen die Suche nach dem Urheber. Sie wird nie zum Ziel führen. Trotz aller Nachforschungen bleibt der Verfasser des Spottzettels unentdeckt. Der Diktator selbst untergräbt die Suche, indem er die Möglichkeit erwägt, die Fälschung könnte ihrerseits gefälscht sein und er selbst hinter ihr stecken.
Der Roman setzt sich aus mehreren Textschichten zusammen. Da ist zunächst, was der Allmächtige seinem Sekretär über die Gegenwart diktiert: vor allem grobe Beschimpfungen Patiños, dem er sogar vorwirft, ihn stürzen zu wollen. Daneben steht die „Ewige Rundschrift“, in der der Diktator seine Fassung der paraguayischen Geschichte niederlegt, besonders seines eigenen Aufstiegs zur Macht. Darin „berichtigt“ er die Darstellungen anderer historischer Figuren und europäischer Reisender. Schließlich gibt es das „Private Heft“, in dem der Allmächtige über sein Leben schreibt, sich an erzählenden Versuchen abarbeitet, philosophiert und Schmähreden gegen Patiño führt.
Über all dem steht ein Kompilator, dessen Fußnoten erzählen, wie das Buch entstanden sein soll. Die Schriftstücke tragen sichtbare Spuren der Bearbeitung: Vermerke wie „am Rand steht geschrieben“ oder Hinweise auf ein Loch im Papier. Immer wieder unterbrechen Einschübe den Text, etwa „Rest des Satzes verbrannt, unleserlich“ oder „Rand des Blattes verbrannt“. Sie erinnern den Leser daran, dass er ein Buch in der Hand hält, und zwar ein unvollständiges, beschädigtes. In der Mitte des Romans erfährt man, dass der Kompilator dieselbe Feder besitzt wie der Allmächtige: eine „Erinnerungsfeder“, die Bilder ebenso wiedergibt wie Wörter. Sie ist inzwischen halb zerbrochen und schreibt nur noch mit dicken Strichen, die das Papier zerreißen und die Wörter im selben Zug auslöschen, in dem sie geschrieben werden.
Gegen Ende nähert sich das Buch dem Lebensende des Machthabers. Der Allmächtige verurteilt Patiño zum Tode, weil er ihn eines Komplotts verdächtigt. Danach kommt der Diktator selbst 1840 in einem Feuer um. Mit den Figuren zerfällt auch der Roman. Der letzte Satz ist ein weiterer Einschub: „(der Rest verklebt, unleserlich, das Übrige nicht auffindbar, die wurmzerfressenen Buchstaben des Buches hoffnungslos verstreut).“ Doch das ist noch nicht das letzte Wort. Es folgt eine „Letzte Notiz des Kompilators“, die über die Zusammenstellung und über das ganze Buch nachdenkt. Am Schluss gibt der Roman die Verantwortung weiter an den „nicht weniger fiktiven und selbstständigen Leser“. Auch der Streit um die sterblichen Überreste des Allmächtigen wird am Ende ausgetragen, und mit ihm die Frage, was aus einem Herrscher wird, wenn eine Nation ihre Mythen bildet: der tapfere Führer, der das Land gegen übermächtige Angreifer zusammenhielt, oder der Despot, der den Grund legte für fast zwei Jahrhunderte Ausbeutung.
Stil↑
Anspruchsvoll und dicht gebaut verlangt dieses Buch dem Leser viel ab. Es gibt keine einheitliche Erzählstimme. Zwar ist der Roman äußerlich ein Gespräch zwischen dem Allmächtigen und seinem Sekretär, doch tatsächlich stehen mindestens sechs Arten der Darstellung nebeneinander: Hefteinträge, mitgeschriebene Gespräche, ein Logbuch, die „Stimme“ des Vaters, zwei Dokumente und die Folgen der Ewigen Rundschrift. Dazu kommen mehrere mögliche Verfasser: Roa Bastos, der Autor-Kompilator und der sogenannte implizite Autor. Anführungszeichen fehlen ganz. Die Kritik nennt das Werk deshalb das schwierigste Buch des Autors.
Der Roman besteht zum großen Teil aus wirklichen Texten von Francia oder über ihn. Sie reichen von Erinnerungen paraguayischer Persönlichkeiten bis zu Passagen aus Büchern, die Europäer damals in Paraguay schrieben. Fußnoten des Kompilators verwischen dabei die Grenze zwischen Erfindung und Tatsache. Was entsteht, ist eine streitbare Sammlung widersprüchlicher Geschichtsversionen.
Auch die Zeit hält der Text nicht ein. Die Stimme des Allmächtigen springt vor und zurück: Sie erinnert Geburt und Jugend, um gleich darauf aus dem Grab heraus von den Fliegen zu sprechen, die den Leichnam belästigen, und von den Räubern, die den Schlaf des Toten stören. Übernatürliches steht selbstverständlich neben Wirklichem, etwa sprechende Hunde oder ein Meteoritengewehr.
Sprache ist zugleich Thema und Werkzeug. Roberto González Echevarría führt die Angst des Diktators vor dem Spottzettel, die Misshandlung des Sekretärs und die ständige Sorge ums Schreiben auf eine Einsicht zurück: Der Allmächtige hat die Macht entdeckt, die in der Sprache selbst steckt, und er hat zugleich erkannt, dass er sie nicht beherrschen kann. Das geschriebene Wort führt ein Eigenleben, das ihn bedroht. Dazu kommt die besondere Lage Paraguays, wo neben dem Spanischen die indigene Sprache Guaraní gesprochen wird, die vor allem eine gesprochene Sprache ist. Roa Bastos streut immer wieder Guaraní-Wendungen ein, die den meisten Lesern unverständlich bleiben. So bekommt der Leser zu spüren, wie es ist, von etwas ausgeschlossen zu sein, und ahnt, wie es den einfachen Paraguayern erging, denen die politische Teilhabe verwehrt blieb. Der Autor selbst hat es so beschrieben: Der paraguayische Schriftsteller sei gezwungen, eine Literatur zu schaffen, die über die Literatur hinausgehe, gegen das Wort zu sprechen und gegen das Schreiben zu schreiben.
Rezeption↑
Nach seinem Erscheinen 1974 wurde das Buch von der Kritik hoch geschätzt. Gerald Martin nannte die Veröffentlichung ein außergewöhnliches kulturelles Ereignis. Kein Roman seit Hundert Jahre Einsamkeit, so Martin, sei so unmittelbar und so einhellig gefeiert worden. Manche Kritiker vermuteten sogar, seine geschichtliche Bedeutung könnte größer sein als die des außerordentlich erfolgreichen Buches von García Márquez.
Die Regierung Stroessners sah das anders. Als Roa Bastos 1982 aus Frankreich zu einem seltenen Besuch nach Paraguay kam, beschimpfte man ihn als marxistischen Umstürzler. Er wurde einer von drei Bürgern, denen die Rückkehr ins Land verboten war.
Zum Bestseller wurde das Buch außerhalb Paraguays nie, anders als Werke anderer Autoren des Booms. Sein literarisches Ansehen blieb davon unberührt: 1989 erhielt Roa Bastos den Miguel-de-Cervantes-Preis, die angesehenste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, die das Lebenswerk eines herausragenden Autors ehrt.
Im englischen Sprachraum wurde das Buch erst mit der Übersetzung von 1986 wahrgenommen. Der britische Kritiker Bernard Levin verglich die Lektüre mit dem Gefühl, „den Everest zweimal an einem Wochenende zu besteigen“. Michiko Kakutani schrieb in der New York Times, so schwerfällig und rhetorisch das Buch oft wirke, bleibe es doch eine gewaltige Betrachtung nicht nur über Geschichte und Macht, sondern auch über das Wesen der Sprache selbst. Im selben Jahr nannte Carlos Fuentes ebendort Roa Bastos einen der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes und dieses Buch sein Meisterwerk, in dem alles aufgehe, was er zuvor geschrieben habe: ein Zwiegespräch des Autors mit sich selbst, geführt über die Geschichte und über eine ungeheuerliche historische Gestalt.
Zwölf Jahre lagen zwischen der spanischen Ausgabe und der englischen. Roa Bastos merkte dazu an, das Buch sei in fast alle wichtigen Sprachen der Welt übersetzt worden, auch ins Japanische und Chinesische; in Europa fehlten nur Finnisch und Albanisch. Es habe ihn verwundert, dass die Amerikaner ausgerechnet mit jenem seiner Werke begannen, das als das schwierigste gilt.
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