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Werkseintrag · Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian
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Cover Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian
Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian
1951
– Werkseintrag –

Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian

1951 · Roman

Ein sterbender römischer Kaiser blickt in einem langen Brief an seinen Nachfolger auf sein ganzes Leben zurück – und lässt eine ferne Zeit von innen heraus wieder lebendig werden.

Überblick↑

Der Roman Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian von Marguerite Yourcenar erschien 1951 auf Französisch unter dem Titel Mémoires d'Hadrien. Das Buch hat die Form eines langen Briefes, gegliedert in sechs Abschnitte. Darin legt der römische Kaiser Hadrian, der seinen Tod erwartet, seinem Adoptiv-Enkel und designierten Zweitnachfolger Mark Aurel eine Bilanz seines Lebens vor. Die nicht überlieferten Empfindungen aus Hadrians Innenleben schöpfte Yourcenar aus der Einfühlung in seine Lebenslagen. Das gefeierte, in zahlreiche Sprachen übersetzte Werk begründete Yourcenars internationale Bekanntheit und ihren Ruf als bedeutende Stilistin. Auf Deutsch erschien es erstmals 1953.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ein alter, kranker Mann blickt auf sein Leben zurück. Es ist der römische Kaiser Hadrian, der spürt, dass sein Ende naht, und der seinem jungen Verwandten Mark Aurel einen langen Brief schreibt. Darin schildert er seine Erfahrungen, seine Ansichten und seine Befindlichkeiten – eine ganz persönliche Bilanz seines Lebens, seines Strebens und seines Wirkens.

Das Werk gliedert sich in sechs Teile, die jeweils eine lateinische Überschrift aus Hadrians Lebenswelt tragen. Vier große Kapitel über Leben und Wirken des Kaisers werden von zwei kürzeren Abschnitten eingerahmt. In diesen betrachtet der alternde Herrscher seine zunehmenden gesundheitlichen Beschwerden und denkt über das bevorstehende eigene Ende nach.

Zu Beginn schildert der sechzigjährige Hadrian, der an Herzschwäche leidet, seine körperlichen Nöte. Zwar ist er ärztlich besser versorgt als andere, doch dauerhafte Hilfe erwartet er nicht mehr. Von hier aus entfaltet sich der Rückblick auf einen bewegten Lebensweg: den langsamen Aufstieg durch die Stationen der militärischen und zivilen Laufbahn, die Jahre in kriegerischen Feldzügen, schließlich den Weg zur Macht. Wer das Buch aufschlägt, folgt einem Mann, der sein Dasein noch einmal in seiner ganzen Weite zu erfassen sucht.

Die Handlung im Detail↑

Der sterbende Kaiser Hadrian richtet einen langen Brief an seinen Adoptiv-Enkel und designierten Zweitnachfolger Mark Aurel. Das Werk gliedert sich in sechs Teile mit lateinischen Überschriften.

Das erste Kapitel trägt den Titel Animula vagula blandula („Seele du, schweifende, zärtliche“). Er bezieht sich auf ein überliefertes Gedicht Hadrians, dessen Auftakt in drei Worten über der Grabkammer seines Mausoleums stand. Nach der Anrede Mark Aurels geht Hadrian sogleich auf seine gesundheitlichen Probleme ein: Als sechzigjähriger Herzkranker erwartet er keine dauerhafte Abhilfe mehr. Seine geschwollenen Beine lassen ihn während der langwierigen römischen Zeremonien im Stich, und er ringt nach Luft. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto klarer nimmt er die Umrisse seines Todes wahr. Dieser Satz war der einzige, den Yourcenar aus einem 1948 wiedergefundenen Manuskript für ihre Neubearbeitung übernahm. Weitere Reflexionen betreffen zurückliegende Vergnügungen wie die Jagd zu Pferde, leibliche Genüsse und die Lebensbilanz. Dem verbreiteten römischen Laster der Völlerei habe er nicht gefrönt, sich vielmehr im Maßhalten geübt, ohne in ein betontes Asketentum zu verfallen.

Das zweite Kapitel heißt Varius multiplex multiformis und zielt auf Eigenschaften wie Vielseitigkeit, Vieldeutigkeit und Wandlungsfähigkeit. Es zeichnet Hadrians Weg nach: Er war kein Mensch, der von Anbeginn begünstigt war, sondern gelangte recht langsam auf seinen Weg. Im Alter von 15 bis 40 Jahren durchlief er allmählich alle Stationen der militärischen und zivilen Laufbahn. Vorsichtig und gut beraten wartete er Domitians autokratische Herrschaft unbeteiligt ab und verbrachte unter dessen Nachfolgern 15 Jahre in kriegerischen Feldzügen.

Das dritte Kapitel trägt den Titel Tellus stabilita („Erde im Gleichgewicht“), nach einer Münzinschrift aus Hadrians Zeit. Es steht für die Konsolidierung des Römischen Reiches. Zur Herrschaft gelangt, beendete Hadrian den Krieg gegen die Parther und stellte Frieden für das Reich her. Er erneuerte und reformierte es samt Provinzen mit seltener Intelligenz und Geschicklichkeit, brachte die Wirtschaft voran und erleichterte das Los der Sklaven. Seine Gesetzgebung war von den Ideen der griechischen Philosophen inspiriert, ohne dass er bei der Vermittlung griechischer Denkart und Kultur Zwang angewendet hätte.

Das vierte Kapitel, Aureum saeculum („Goldenes Zeitalter“), steht für Hadrians glücklichste Jahre. In diesem Zeithorizont bewegt sich der Kaiser mit besonderer Hellsichtigkeit und großer Offenheit gegenüber fremden Welten, ohne die Vorzüge der eigenen römischen außer Acht zu lassen.

Das fünfte Kapitel heißt Disciplina augusta („kaiserliche Disziplin“) und verweist auf Hadrians standhafte Herrschaftsausübung in beschwerlicherer Lage. Das Schlusskapitel trägt den Titel Patientia und steht für Leidensgeduld in Erwartung des eigenen Todes. Der Brief wandelt sich stellenweise zum Monolog oder zum inneren Dialog mit der eigenen Seele. Gelegentlich wird auch der verstorbene Antinoos direkt angesprochen. So wendet sich der Text von den Zeitumständen ab und hin zu einer Form von Universalität, während der alternde Kaiser seinem Tod entgegensieht.

Stil↑

Für die durchgängige Ich-Form entschied sich Yourcenar, um jeglichen Vermittler auszuschalten, auch sich selbst. Hadrian sei in der Lage gewesen, sicherer und scharfsinniger über sein Leben zu berichten als sie. Mitunter, wenn auch selten, vermittelte ihr die Einfühlung, dass der Kaiser log – dann ließ sie ihn lügen wie jedermann.

Die Briefform wählte die Autorin, weil sich andere Möglichkeiten aus ihrer Sicht im historischen Kontext verboten. Intime Tagebücher neuzeitlicher Art seien bei den Römern nicht vorgekommen, und über die Art, wie sie miteinander sprachen, sei zu wenig bekannt. Die Briefform dagegen fand sich etwa in Abhandlungen Senecas. So bot sich ein entsprechend gestalteter Monolog als geeignete Möglichkeit an.

Der Briefcharakter zeigt sich gleich eingangs in der Anrede Mark Aurels und in insgesamt 18 Direktansprachen des Adressaten. Gemessen am Gesamtumfang bleiben die Bezüge zu Mark Aurel jedoch eher spärlich, wie Cécile Brochard und Esther Pinon in ihrem Kommentar anmerken. Mitunter neigt der Leser dazu, den brieflichen Rahmen zu vergessen, zumal gelegentlich Hadrians eigene Seele oder der verstorbene Antinoos angesprochen werden. So wandelt sich der Brief teils zum Monolog oder zum inneren Dialog mit der Seele.

Yourcenar wollte ein bekanntes, abgeschlossenes Menschenleben so betrachten, dass mit einem Schlag sein ganzer Bogen erfasst wird. Das historisch gesicherte Material war nicht reichhaltig: Stationen der Laufbahn, Aufenthaltsorte, die Reihe der Titel und Würden, einige Freunde und Lebensumstände. Diese Bruchstücke setzte sie zusammen und belebte die Quellen mit eigener Vorstellungskraft, ohne die aus ihrer Sicht jedes Dokument tot geblieben wäre. Die Lücken in ihrem Text suchte sie mit Hadrians eigenen möglichen Gedächtnislücken in Übereinstimmung zu bringen.

Rezeption↑

Nach der Erstveröffentlichung auf Französisch waren die Kritiken einhellig positiv, und die Reaktionen von Schriftstellerkollegen fielen schmeichelhaft aus. Der Schriftsteller und Literaturkritiker Jean Ballard sprach in einer ausführlichen Rezension von einem großen Werk, in dem Stilhöhe und Gedankentiefe einander ebenbürtig seien. Thomas Mann urteilte in einem Brief an Claire Goll, es sei das schönste Buch, das ihm seit langem vorgekommen sei, „von einer bis zur Vexation gehenden Echtheit der Fiktion“. William Styron erklärte, wie sehr ihm Yourcenars Erzählkraft bei der Abfassung seines Romans Die Bekenntnisse des Nat Turner geholfen habe. Christoph Ransmayr bekannte, er hätte seinen Ovid-Roman Die letzte Welt ohne die Erinnerungen des Kaisers Hadrian nie geschrieben.

Fritz Jaffé, der den Text ins Deutsche übertrug, befand, bei aller gewahrten Latinität bleibe diese Stimme immer modern; der Brückenschlag zwischen zwei Zeitaltern sei in seltener Vollendung geglückt. Dietrich Gronau hob die magische Wirkung der Zeitlosigkeit hervor, die durch die Sprache hervorgebracht werde. Ein in Thema und Form vergleichbares Werk sah er in Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil.

Durch eigene Vorschläge zur kritischen Analyse beeinflusste und kontrollierte Yourcenar zu Lebzeiten die Rezeption ihres Werkes, so Brochard und Pinon. Sie zeigte darin auch Schwächen Hadrians auf, bis hin zu Momenten, in denen er in den Erinnerungen gelogen habe. Das Werk begründete ihre internationale Bekanntheit und ihren Ruf als bedeutende französische Schriftstellerin und Stilistin.

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