1905
Ich der Kater
Überblick↑
Der Roman Ich der Kater ist das Erstlingswerk von Natsume Sōseki und zählt zu den bekanntesten Büchern der modernen japanischen Literatur. Er erschien kapitelweise von Januar 1905 bis August 1906 in der Zeitschrift Hototogisu. Erzählt wird die Geschichte von einem namenlosen Kater, der das Treiben seiner menschlichen Hausgenossen mit spöttischem Blick kommentiert. Die Eröffnungssätze haben in Japan bis heute einen hohen Wiedererkennungswert und werden häufig zitiert und parodiert. Auf Deutsch liegt das Werk in der Übertragung von Otto Putz vor, die 1996 im Insel Verlag in Frankfurt erschien.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein namenloser Kater kommt kurz nach seiner Geburt in ein Gestrüpp aus Bambusgras. Auf der Suche nach Futter dringt er in die Küche des Gymnasialprofessors Rarus Schneutz ein und findet dort Unterkunft. Von diesem Beobachtungsposten aus schildert er das Leben und die Eskapaden seines „Besitzers“, der Hausangestellten und der Studenten.
Im Haus geht eine Reihe skurriler Gestalten ein und aus. Professor Wirrhaus, ein Ästhetiker und Lebemann, hat großes Vergnügen daran, leichtgläubige Mitmenschen mit Streichen und abstrusen Geschichten hereinzulegen. Der Naturwissenschaftler Eiland Kaltmond, ein ehemaliger Schüler des Hausherrn, spielt gern Violine. Dazu kommen der selbsternannte Dichter Topfen Hark mit seinen dürftigen Deutschkenntnissen und der Philosoph Ziegert Solitus, der für jede Lage ein klassisches Zitat bereithält. In der Nachbarschaft wohnt der Unternehmer Goldfeld mit Frau und Tochter.
Auch unter den Katzen hat der Erzähler seine Bekanntschaften. Die Katzendame Madame Schildpatt aus dem Haushalt einer Koto-Lehrerin redet ihn ehrerbietig mit „Professor“ an. Der pechschwarze, grobschlächtige Kater Schwarz gehört einem Rikschakutscher und bringt kaum einen richtigen Satz zustande. Über allem steht der Erzähler selbst: klein und unscheinbar, aber jedem Menschen im Haus an Bildung und Scharfsinn überlegen.
Die Handlung im Detail↑
Gleich nach der Geburt sieht sich der Kater in ein Gestrüpp aus Bambusgras geschleudert. Hungrig gelangt er in die Küche des Englischprofessors Rarus Schneutz und bleibt dort. Der Hausherr ist pockengesichtig, magenkrank, nervös und wunderlich; er lebt mit seiner Frau, die im Buch die Meisterin heißt, und drei Töchtern zusammen. Der Kater betrachtet das Verhalten dieser Menschen mit offenem Hohn und amüsiert sich über alles, was ihm bizarr, unerklärlich und vor allem dumm erscheint.
Das Haus ist ein Treffpunkt von Besuchern, deren Gespräche einen großen Teil des Buches füllen. Professor Wirrhaus erfindet Geschichten und foppt damit jeden, der ihm glaubt. Eiland Kaltmond, Naturwissenschaftler und einstiger Schüler des Hausherrn, geigt und wird Gegenstand von Heiratsplänen. Sein Freund Topfen Hark dichtet und schmückt sich mit ein paar Brocken Deutsch. Der Philosoph Ziegert Solitus, ungefähr vierzig Jahre alt und mit ziegenartigem Schnurrbart, redet gelehrt und spielt Go. Der Hausarzt Dr. Süßholz kommt, wenn der Professor wieder einmal über seinen Magen klagt. Aus der Nachbarschaft mischt sich die Familie Goldfeld ein: der Unternehmer, seine Frau Anastasia und die Tochter Mammonia.
Auch das Katzenpersonal hat seine Geschichte. Madame Schildpatt, die Nachbarin aus dem Haus der Koto-Lehrerin, nennt den Erzähler ehrerbietig „Professor“, erwidert seine Gefühle aber nicht; sie stirbt an einer Erkältung. Kater Schwarz, groß, großspurig und gewalttätig, spricht in der deutschen Fassung eine derbe Berliner Gossensprache.
Einige Nebenlinien laufen zu einem Ende: Konfusius Altpflaum, ein Professor, dem Wirrhaus eines Tages vor der Universitätsbibliothek begegnet, landet in der Psychiatrie. Tatara Sanpei, ein weiterer ehemaliger Schüler des Hausherrn, arbeitet als Jurist bei der erfundenen Firma Mutsui Bussan und heiratet am Ende Mammonia Goldfeld.
Für den Schluss greift Sōseki auf ein literarisches Vorbild zurück, dessen Kenntnis bei ihm allerdings ungesichert ist: Der Kater Murr aus E. T. A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr bringt es auf ein Alter von etwa hundert Jahren. Diesen Umstand nutzt Sōseki geschickt, um seinen Roman zu Ende zu bringen.
Stil↑
Getragen wird die Satire von der Sprechweise des Erzählers. Schon der japanische Titel zeigt sie an: Die Selbstbezeichnung „Wagahai“ ist ein altertümliches, erhabenes Ich mit leicht arrogantem Unterton und dem majestätischen „Wir“ nicht unähnlich. Man erwartet sie von einem Mann von hohem gesellschaftlichem Ansehen, nicht von einer Katze. Die Rede des Katers ist im sogenannten da-dearu-Stil gehalten, der diesen feierlichen Klang noch verstärkt.
Dazu kommen ein gehobener Wortschatz und eine ungenierte Verachtung für den Verstand der Hausbewohner. Aus beidem entsteht ein großspuriges Selbstbild, das in komischem Widerspruch zur körperlichen Erscheinung des Erzählers steht. Der Kater ist in Kunst, Literatur und Philosophie bewandert und durchschaut die Menschen bis in den letzten Winkel.
Die Figuren tragen sprechende Namen. Der Übersetzer Otto Putz hat sie für die deutsche Fassung übertragen oder neu erfunden, damit ihr Sinn erhalten bleibt; so wurde aus Chinno Kushami der Professor Rarus Schneutz. Für den groben Kater Schwarz wählte er Berliner Gossensprache. Das erste Kapitel war ursprünglich als abgeschlossene Kurzgeschichte gedacht, und da Takahama Kyoshi nur an diesem einen Kapitel beteiligt war, unterscheidet es sich stilistisch vom übrigen Buch.
Vieles im Roman stammt aus dem Leben des Autors. Der Kater geht auf ein echtes herrenloses Tier zurück, das der 37-jährige Sōseki bei sich aufnahm. Die Figur des Hausherrn Schneutz ist dem Autor selbst nachgebildet. Bei Professor Wirrhaus wies Sōseki die Vermutung zurück, der Ästhetiker Otsuka Yasuji habe Modell gestanden; nach den späteren Aufzeichnungen seiner Frau Kyōko liegt eher nahe, dass in Wirrhaus die schelmische Seite des Autors steckt. Für Eiland Kaltmond soll der Physiker und Sōseki-Schüler Terada Torahiko das Vorbild gewesen sein, für Dr. Süßholz nach Aussage von dessen Frau der Nachbar und Hausarzt Amako Shirō, für Ziegert Solitus der Kommilitone Yoneyama Yasusaburō.
Rezeption↑
Entstanden ist das Buch auf Empfehlung von Takahama Kyoshi, der ebenfalls in der Haiku-Zeitschrift Hototogisu veröffentlichte und die damals wachsende Nachfrage nach längerer Prosa bedienen wollte. Das erste Kapitel erschien im Januar 1905 und fand solchen Zuspruch, dass Sōseki auf Takahamas Anraten bis August 1906 zehn weitere Kapitel schrieb. Der Erfolg ließ die Beliebtheit der Zeitschrift deutlich steigen und machte aus Hototogisu, bis dahin ein schlichtes Haiku-Blatt, ein einflussreiches Kulturmagazin. Der Roman gehört zu den meistgelesenen Werken der modernen japanischen Literaturgeschichte, seine Anfangssätze werden in Japan bis heute zitiert und parodiert.
Den wirklichen Kater hatte Sōseki so ins Herz geschlossen, dass er seine engsten Freunde benachrichtigte, als das Tier am 13. September 1908 starb. Bald darauf veröffentlichte er eine Essaysammlung unter dem Titel Das Grab eines Katers. Ob E. T. A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr als Vorbild gedient hat, ist ungeklärt; möglicherweise hat Sōseki das Buch gar nicht gelesen.
Für Film und Fernsehen wurde der Stoff mehrfach bearbeitet. 1936 entstand ein Kinofilm von Kajirō Yamamoto, 1958 eine fünfteilige Fernsehserie, 1963 ein Fernsehfilm sowie eine Folge einer Literaturverfilmungsreihe für Kinder. 1975 folgten ein Kinofilm von Kon Ichikawa und ein weiterer Fernsehfilm.
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