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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Marguerite Yourcenar
Marguerite Yourcenar
1903 – 1987
– Autorenporträt –

Marguerite Yourcenar

1903 – 1987 · 84 Jahre

Französischsprachige Erzählerin, die den römischen Kaiser Hadrian zum Sprechen brachte und 1980 als erste Frau in die Académie française gewählt wurde.

Kurzbiografie↑

Zu den bedeutenden französischsprachigen Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts zählt Marguerite Yourcenar, geboren 1903 in Brüssel, gestorben 1987 an der Küste von Maine. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre historischen Romane, in denen sie sich in fremde Epochen und Gestalten hineinversetzte – am berühmtesten in die fiktiven Lebenserinnerungen des römischen Kaisers Hadrian. 1947 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Ausgezeichnet mit dem Prix Femina und dem Erasmuspreis, wurde sie 1980 als erste Frau in die Académie française gewählt.


Biografie↑

Als Marguerite Antoinette Jeanne Marie Ghislaine Cleenewerck de Crayencour kam sie am 8. Juni 1903 in Brüssel zur Welt. Ihr Vater Michel Cleenewerck de Crayencour stammte aus dem großbürgerlichen Milieu Französisch-Flanderns; die Familie besaß das Château du Mont-Noir in Saint-Jans-Cappel. Ihre Mutter Fernande entstammte belgischem Adel und starb kurz nach der Geburt im Kindbett. Aufgezogen wurde Marguerite deshalb von ihrer Großmutter Noémi, im Winter in Lille, im Sommer auf dem Landgut.

Staatliche Schulen besuchte sie nicht. Altgriechisch brachte ihr ein Privatlehrer bei, Italienisch lernte sie selbst, weitere Fächer bei wechselnden Hauslehrern. Vor allem der Vater prägte ihre geistige Entwicklung: Beide lasen einander Vergil auf Latein und Homer auf Griechisch vor, dazu Autoren wie Henrik Ibsen, Friedrich Nietzsche und die von Yourcenar besonders geschätzte Selma Lagerlöf. Als Zwölfjährige begann sie in Paris, die väterliche Bibliothek zu erschließen. Im Juli 1919 legte sie den ersten Teil des Abiturs als Gastprüfung ab, allerdings nur mit der Note „ausreichend“.

Schon vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr bestimmte sie gemeinsam mit dem Vater aus dem Familiennamen Crayencour das Anagramm Yourcenar als Schriftstellernamen. Bei ersten Veröffentlichungen verrätselte sie ihr Geschlecht und nannte sich „Marg Yourcenar“. Es erschienen frühe Gedichtbände wie Le Jardin des Chimères (1921) und Les Dieux ne sont pas morts (1922). In den 1920er Jahren bereiste sie, zunächst mit dem Vater, Italien. In der Villa Adriana fasste sie den Plan zu einem Buch über Kaiser Hadrian. 1929 starb der Vater; im selben Jahr erschien die Novelle Alexis ou le Traité du vain combat, das Bekenntnis eines Musikers, der seiner Frau brieflich seine Homosexualität gesteht.

Nach einer Griechenlandreise 1934 vertiefte sie sich in die Antike; mit Konstantinos Th. Dimaras arbeitete sie 1936 an der Übersetzung von Gedichten des Lyrikers Konstantinos Kavafis. Aus diesen Jahren stammt das Prosagedicht Feux (1936). Im Februar 1937 lernte sie in Paris die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Grace Frick kennen – der Beginn eines rund vierzigjährigen Zusammenlebens. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erschienen Nouvelles orientales (1938) und Le Coup de grâce (1939). Im Oktober 1939 gelangte Yourcenar auf einem Frachtschiff von Bordeaux nach New York.

In den USA fand sie zunächst Aufnahme bei Grace Frick. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie mit Übersetzungen, journalistischen Arbeiten und Vorträgen; ab 1942 unterrichtete sie als Französisch-Dozentin am Sarah Lawrence College. 1947 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Ende 1948 wurde ihr ein in Lausanne zurückgelassener Koffer zugestellt, der Teile eines vergessenen Hadrian-Manuskripts enthielt. Im Februar 1949 begann sie mit der Neufassung, aus der Mémoires d’Hadrien (1951, deutsch Ich zähmte die Wölfin) wurden. Der Roman brachte ihr den literarischen Durchbruch.

Im September 1951 erwarben Frick und Yourcenar ein Cottage auf der Isle des Monts Déserts in Maine, das sie „Petite Plaisance“ nannten. Dort saßen sich beide Frauen bei der Textarbeit an zwei zusammengestellten Schreibtischen gegenüber; Frick unterstützte Yourcenar als kritische Leserin und Übersetzerin. 1968 erschien der zweite Großroman L’Œuvre au noir (deutsch Die schwarze Flamme), angesiedelt in der Renaissance um die Figur Zenon, und wurde mit dem Prix Femina ausgezeichnet. Wenige Wochen später erlebte Yourcenar in Paris die Studentenunruhen des Mai 1968.

Grace Frick, seit Jahren an Brustkrebs erkrankt, starb 1979. Bereits zuvor war der Fotograf Jerry Wilson in ihr Leben getreten, der fortan als Reisebegleiter und Lebenspartner an Fricks Stelle trat. Am 6. März 1980 wurde Yourcenar in die Académie française gewählt – als erste Frau seit deren Gründung 1635. Damit dieser Schritt möglich wurde, ordnete Justizminister Alain Peyrefitte an, ihr die französische Staatsbürgerschaft neben der amerikanischen zurückzugeben. Der erlauchten Herrenrunde blieb sie danach weitgehend fern.

Mit Wilson nahm sie ausgedehnte Reisen wieder auf: 1981 nach Ägypten auf den Spuren Hadrians, 1982 nach Japan, wo sie moderne Nō-Spiele von Yukio Mishima mitübersetzte, 1983 nach Thailand und Indien, 1984 nach Kenia, das nach einem Verkehrsunfall in einem Krankenhausaufenthalt in Nairobi endete. Wilson erkrankte an AIDS und starb im Februar 1986. Parallel arbeitete Yourcenar an ihrer Familienchronik Le Labyrinthe du monde, deren dritter Band postum erschien. Nach einem Herzanfall 1985 erlitt sie am 8. November 1987 einen Schlaganfall und starb am 17. Dezember 1987 vierundachtzigjährig. In der Forschung uneinheitlich benannt ist ihr Sterbeort: Wikidata nennt Bar Harbor, die Deutsche Nationalbibliothek Mount Desert Island, während Wikipedia Northeast Harbor in Maine angibt.


Literarische Merkmale↑

Prägend für Yourcenars Schaffen war die außergewöhnliche Gründlichkeit, mit der sie sich in ihre Stoffe versenkte. Sie verstand das Schreiben als langes Durchdringen eines Themas: „man muss sich mit einem Thema so lange vollsaugen, bis es aus einem hervorsprießt, wie eine sorgfältig gegossene Pflanze.“ Für die Hadrian-Memoiren rekonstruierte sie Nacht für Nacht willentlich hervorgerufene Visionen einer anderen Zeit und hielt selbst die kleinsten Gesten fest; Szenen, die in der Endfassung zwei Zeilen einnahmen, spielten sich in ihrer Vorstellung in Zeitlupe ab.

Kennzeichnend war die Nähe zu den historischen Quellen. Über L’Œuvre au noir hieß es in einer Rezension, sie zeichne Porträts mit der Genauigkeit alter flämischer Meister und bringe zugleich in großen Linien das Wesentliche. Ihre Romane und Novellen wenden sich immer wieder fremden Epochen und Gestalten zu – dem antiken Rom, der Renaissance, dem Orient.

Zur Frage nach dem autobiographischen Gehalt ihres Werks fand sie die Formel: „überall diffus und nirgends direkt.“ Ein Romancier stelle seine Substanz und seine Erinnerungen in den Dienst von Figuren, die nicht er selbst seien; Fiktion und Realität verbänden sich für sie so eng, dass sie sich nicht mehr voneinander trennen ließen.

Ein eigenes Kapitel ist ihr Verständnis des Übersetzens, das sie mit dem Schreiben gleichsetzte. Bei der Arbeit an Kavafis trat sie, wie Dimaras bezeugte, für elegante Abweichungen ein, für das, was sie als gutes Französisch betrachtete. Eine wortgetreue Prosaübersetzung hielt sie für unmöglich, weil Wortstellung, Grammatik und Syntax dem entgegenstünden. Kritisch wurde eingewandt, ihre Kavafis-Übertragung sei „eher das Werk einer großen französischen Stilistin als das Werk eines griechischen Dichters“.


Rezeption↑

Weithin anerkannt wurde Yourcenar spätestens mit den Hadrian-Memoiren, die in vielen Neuauflagen erschienen, die sie jeweils selbst noch einmal durchsah. L’Œuvre au noir galt als literarisches Ereignis der Saison und wurde 1968 mit dem Prix Femina ausgezeichnet. Ihre Wahl in die Académie française 1980 machte sie zur ersten Frau in dieser Institution und wurde teils als Zeichen für die Gleichberechtigung gewertet; innerhalb der Akademie hatte sich vor allem Jean d’Ormesson für ihre Aufnahme starkgemacht.

Ihr Werk wurde in viele Sprachen übersetzt. Sie erhielt mehrere Ehrendoktorwürden, darunter die der Harvard University, wurde 1982 in die American Academy of Arts and Letters und 1987 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt und 1983 mit dem Erasmuspreis geehrt. Le Coup de grâce wurde 1976 von Volker Schlöndorff verfilmt, mit Matthias Habich und Margarethe von Trotta in den Hauptrollen.

Ihr Nachleben ist reich an Gedenkorten und Forschung. Mehrere Institute in Europa und den USA beschäftigen sich mit ihr; es liegen zahlreiche Biografien vor, etwa von Josyane Savigneau und Michèle Goslar, auf Deutsch die Darstellung von Dietrich Gronau. An der Stelle ihres im Ersten Weltkrieg zerstörten Elternhauses entstand die Villa Marguerite-Yourcenar als Zentrum für europäische Schriftsteller; in Paris trägt eine Mediathek ihren Namen. 1996 wurde ein Asteroid nach ihr benannt, seit 2015 wird der Prix Marguerite-Yourcenar vergeben, und zu ihrem 117. Geburtstag ehrte sie 2020 ein Google Doodle.

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