1862
Ut mine Stromtid
Überblick↑
Der Roman Ut mine Stromtid gehört zu den bekanntesten Werken des niederdeutschen Schriftstellers Fritz Reuter. Er erschien erstmals 1862 und ist in plattdeutscher Sprache verfasst. Der Titel bedeutet auf Hochdeutsch so viel wie „Aus meiner Volontariatszeit“; gemeint ist damit eine Art landwirtschaftliches Praktikum. Das Werk schildert das Alltagsleben der Landbevölkerung Mecklenburgs um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es zählt zu den erfolgreichen, autobiografisch angehauchten Romanen Reuters und diente später als Vorlage für die Fernsehserie Onkel Bräsig.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht das Landleben in Mecklenburg, wie es sich um 1850 zugetragen haben könnte. Erzählt wird von der Bewirtschaftung großer Güter durch ihre Verwalter, die man dort „Inspektoren“ nannte, und von den Sorgen des ländlichen Alltags: Überschuldung, mühsame Finanzierungen und drohende Versteigerungen.
Hauptfigur ist der Pachtbauer Karl Hawermann. Nach dem Tod seiner Frau bringt er seine kleine Tochter bei einer Pastorenfamilie unter und tritt selbst als Gutsverwalter in den Dienst eines sanftmütigen Adeligen. Um ihn herum entfaltet sich ein buntes Personengeflecht: hartherzige Gutsbesitzer wie der Herr Pomuchelskopp auf der einen Seite, weichherzige und hilfsbereite Menschen auf der anderen, die man oft dort findet, wo man sie am wenigsten vermutet.
Eine besondere Rolle spielt der behäbig-joviale Inspektor Onkel Bräsig, der im entscheidenden Moment immer wieder auftaucht. Er stiftet Verwirrung und löst sie mit gesundem Menschenverstand wieder auf. Der Roman lebt weniger von einem geradlinigen Spannungsbogen als von seinen einzelnen Episoden, Charakteren und humorvollen Szenen.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman verknüpft viele Episoden aus dem Landleben Mecklenburgs zu einem breiten Bild. Erzählt wird vom Wirtschaften auf den Gütern, von Schulden, Krediten und Versteigerungen und vom Weiterleben der Kinder, die nach Sterbefällen bei gutherzigen Ersatzeltern aufwachsen.
Der Pachtbauer Karl Hawermann verliert seine Frau. Seine zurückgelassene kleine Tochter gibt er in die Obhut des Pastors Behrens und dessen Frau, die das Mädchen aufnimmt. Hawermann selbst verdient sich als Gutsverwalter des „Herrn Kammerrates“ seinen Lebensunterhalt, eines sanftmütigen Adeligen. Diesen drängt er unter anderem dazu, ein Landstück des Pastors Behrens zu pachten. Für dasselbe Landstück hätte sich auch der hartherzige Pomuchelskopp interessiert. Von vornherein missgelaunt, absolviert dieser bei der Pastorenfamilie einen misslungenen Antrittsbesuch.
Pomuchelskopp verkörpert den harten Erwerbslandwirt, dessen Wahlspruch lautet: „Dat Allens is Min“ – das alles gehört mir. Seine ebenso hartherzige Frau nennt ihren Mann je nach Laune „Kopp“ oder „Muchel“; er wiederum nennt sie abwechselnd „Min Hoening“ (mein Hühnchen) oder „Min Klucking“ (meine kleine Glucke). Schon der Name Pomuchelskopp gibt Anlass zu vielen plattdeutschen Späßen. Als Gegenbild zeichnet Reuter weichherzige Figuren, die überall auftauchen, wo man sie am wenigsten vermutet – so beim Juden Moses, den man in höchster Not um Kredit angeht und der ihn nur an gutherzige Menschen vergibt.
Immer wieder greift Onkel Bräsig ins Geschehen ein. Der gutherzige, behäbige Inspektor führt scheinbar endgültige Verwirrungen herbei, die er dann mit klugem Menschenverstand rechtzeitig wieder auflöst. Er sorgt für zahlreiche humoristische Einlagen, etwa indem er immer wieder ins Hochdeutsche verfällt und dabei regelmäßig „mir“ und „mich“ verwechselt. Hinter der heiteren Oberfläche übt Reuter zugleich Kritik – am hartherzigen Pomuchelskopp und am missratenen Sohn des Kammerrates. Besonders das umfangreiche Kapitel 31 richtet sich gegen die rückständigen Verhältnisse im damaligen, vom Kleinadel beherrschten Mecklenburg und im preußischen Vorpommern.
Stil↑
Prägend ist die niederdeutsche, plattdeutsche Sprache, in der Reuter das gesamte Werk verfasst hat. Sie gibt dem Roman seinen volkstümlichen, warmen und humorvollen Ton. Reuter erzählt in einzelnen Episoden; der durchgehende Gang der Handlung tritt hinter die Schilderung einzelner Charaktere und Szenen zurück.
Der Humor entsteht besonders aus der Sprache selbst. Sprechende Namen wie Pomuchelskopp liefern den Anlass zu plattdeutschen Späßen, und die Koseworte der Eheleute charakterisieren die Figuren mit wenigen Worten. Die skurrilen Einwürfe des Inspektors Bräsig, etwa seine Verwechslung von „mir“ und „mich“, wenn er ins Hochdeutsche wechselt, verleihen ihm eine bühnenreife Komik.
Reuter geht mit der Wahrheit frei und schöpferisch um. Im Kern aber schildert er alltägliche Ereignisse, die sich tatsächlich so zugetragen haben oder hätten zutragen können, und auch die Figuren sind überwiegend nach realen Vorbildern gezeichnet. Hinter der heiteren, humorvollen Oberfläche verbirgt sich eine indirekte, aber grundsätzliche Gesellschaftskritik.
Rezeption↑
Nach Ut de Franzosentid und Ut mine Festungstid ist dieser Roman der dritte jener autobiografisch angehauchten Werke, die Reuter in niederdeutscher Sprache verfasste. Er gilt als eines der beliebtesten unter ihnen. Die Leser schätzten die lokal verwurzelten und zugleich allgemein bedeutsamen Charaktere und Ereignisse, die Reuter humorvoll erzählt.
Die Wirkung reicht weit über die eigene Zeit hinaus. Das Werk diente als Vorlage für die Fernsehserie Onkel Bräsig und wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1919, 1925 unter dem Titel Kampf um die Scholle und 1936 als Onkel Bräsig. In Berlin-Britz wurden 1926/1927 die Fritz-Reuter-Allee und mehrere anliegende Straßen rund um die Hufeisensiedlung nach Figuren aus dem Roman benannt, darunter die Onkel-Bräsig-Straße sowie die Lining- und die Miningstraße.
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