1864 – 1910
Jules Renard
Kurzbiografie↑
Zu den französischen Schriftstellern des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehört Jules Renard (1864–1910), der als Erzähler, Dramatiker und Journalist wirkte. Bekannt wurde er 1894 mit dem episodenhaften Roman Rotfuchs, der von einem kleinen, von seiner Mutter ungeliebten Jungen erzählt. Als sein eigentliches Hauptwerk gilt jedoch sein umfangreiches Tagebuch, das durch Knappheit und Prägnanz besticht. Politisch stand Renard der Linken nahe; in seinem Heimatort wurde er 1904 zum Bürgermeister gewählt.
Biografie↑
Als Sohn eines burgundischen Bauunternehmers kam Jules Renard am 22. Februar 1864 in Châlons-du-Maine zur Welt. Er wuchs in einer wald- und wasserreichen Landschaft auf, die vom Mittelgebirge des Morvan beherrscht wird. Das für das Kind drückende Klima im Elternhaus lässt sich aus seinem späteren Roman Rotfuchs erahnen.
Bis 1881 besuchte Renard das Gymnasium in Nevers, anschließend setzte er die Schule in Paris fort. Sein Abitur legte er 1883 ab; die Note war jedoch zu schlecht, um sich Chancen auf die École normale supérieure ausrechnen zu können. Inzwischen hatte er sich ohnehin für das Schreiben und das Pariser Literatenmilieu erwärmt. Den Wehrdienst leistete er 1886/87 in Bourges ab. Danach schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten als Advokatengehilfe und Hauslehrer durch, während ihn sein Vater weiter finanziell unterstützte.
Renard lernte die aus reichem Elternhaus stammende Marie Morneau kennen und bezog mit ihr 1888 eine Pariser Mietswohnung. Im selben Jahr erschien seine erste Buchveröffentlichung, der Erzählungsband Crime de village. Über den hauptstädtischen Literaturbetrieb schrieb er seiner Schwester, dies sei ein „Fieberberuf“, in dem man Erfolg habe oder sterbe. 1889 beteiligte sich Renard als Hauptaktionär an der Gründung der Zeitschrift Mercure de France, die rasch zu Ansehen kam. Für sie lieferte er regelmäßig sowohl erzählende als auch kritische Beiträge.
Beeindruckt von Balzac, Flaubert und Zola, zeigten ihm erste Romanversuche, dass seine Stärke – anders als bei diesen Vorbildern – nicht im Typisieren lag, sondern in der treffenden Zeichnung des Einzelnen. Auch für die große Form und für eine umfangreiche Produktion war er der falsche Mann.
Als Rotfuchs 1894 erschien, hatte Renard selbst schon zwei Kinder. 1896 mietete er bei Chitry-les-Mines, seinem Heimatort, ein ehemaliges Pfarrhaus, in dem die Familie fortan die Sommer verbrachte. Von Rotfuchs kam 1900 eine Bühnenfassung heraus, die es noch im selben Jahr auf 125 Vorstellungen brachte und sein Ansehen sprunghaft erhöhte. Er schloss Freundschaft mit Autoren wie Edmond Rostand, Tristan Bernard und Alfred Capus und lernte Schauspieler wie Lucien Guitry und Sarah Bernhardt sowie den Maler Toulouse-Lautrec kennen.
In der Dreyfus-Affäre, die ganz Frankreich aufwühlte, unterschrieb Renard die Petition für eine Revision des Urteils, die am 15. Januar 1898 in Le Temps erschien. Er unterhielt Beziehungen zu den Pariser Sozialisten Jean Jaurès und Léon Blum. 1904 wurde er in Chitry-les-Mines zum Bürgermeister gewählt, 1907 in die Académie Goncourt aufgenommen.
Zeitlebens litt Renard an Migräne, und mit zunehmendem Alter nahmen seine depressiven Verstimmungen zu. Schon mit dreißig Jahren fühlte er sich erschöpft und verbraucht. Dazu kam eine Reihe von Todesfällen in der Familie: Sein Bruder Maurice starb mit 37 Jahren, der Vater erschoss sich 1897, und die Mutter ertrank 1909 in einem Brunnen – ob es sich um einen Unfall oder um Absicht handelte, ist nicht geklärt. Im selben Jahr erlitt Renard einen Herzinfarkt. Er starb am 22. Mai 1910 in Paris im Alter von 46 Jahren.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Renards Schreiben ist die treffende Zeichnung des Individuellen. Während seine Vorbilder Balzac, Flaubert und Zola auf das Typische und die große Form zielten, lag seine Stärke im genauen Blick auf den Einzelfall; für umfangreiche Werke war er nach eigenem Empfinden der falsche Mann.
Am deutlichsten zeigt sich seine Eigenart im Tagebuch, das einer ungewöhnlichen Knappheit und Prägnanz verpflichtet ist und eher als umfangreiche Sammlung von Aphorismen wirkt. Winfried Engler weist darauf hin, es gelinge Renard bemerkenswert gut, „banale Ereignisse aus ironischer Distanz so darzustellen, daß sie interessant erscheinen“. Jean-Paul Sartre sah sich bei Renard einer Literatur des Schweigens gegenüber.
Rezeption↑
Den Durchbruch als Schriftsteller verschaffte Renard 1894 der Roman Rotfuchs. Die Bühnenfassung von 1900 brachte es im selben Jahr auf 125 Vorstellungen und steigerte sein Ansehen sprunghaft. 1907 wurde er in die Académie Goncourt aufgenommen.
Als sein Hauptwerk gilt allgemein das erst 1925 veröffentlichte Tagebuch. Es wurde von Autoren wie André Gide, Kurt Tucholsky, Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett, Somerset Maugham und Sándor Márai hoch geschätzt. Seine Erzählung Histoires naturelles vertonte Maurice Ravel 1906 in Teilen für Gesang und Klavier. Ins Deutsche wurden mehrere seiner Werke übertragen, darunter Rotfuchs, Der Schmarotzer und Die Magd Ragotte; eine Auswahl aus dem Tagebuch erschien zuletzt 2022.
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