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Werkseintrag · Poil de carotte
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Cover Poil de carotte
Poil de carotte
1894
– Werkseintrag –

Poil de carotte

1894 · Roman

Die Geschichte eines rothaarigen Jungen, der in seiner eigenen Familie keine Liebe findet und lernt, sich mit List und Härte durchs Leben zu schlagen.

Überblick↑

Der Roman Poil de carotte des französischen Schriftstellers Jules Renard erschien 1894. Der Titel bedeutet wörtlich „Karottenhaar“ und meint den rothaarigen Jungen, um dessen Kindheit das Buch kreist. In deutscher Übersetzung kam das Werk zunächst 1946 unter dem Titel Rotfuchs heraus, später auch als Muttersohn. Renard zeichnet kein idyllisches Bild einer behüteten Kindheit, sondern schildert das Leben eines ungeliebten Kindes in einer gefühlskalten Familie. Das Buch gilt als Entlarvung einer strengen, lieblosen Erziehung.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht ein rothaariger Junge, den alle nur „Karottenhaar“ nennen. Er wächst in der Familie Lepic auf, doch von Geborgenheit und Zuneigung ist dort nichts zu spüren. Statt Liebe erlebt er die Härte seiner Mutter, die Gleichgültigkeit des Vaters und den Egoismus seiner Geschwister.

Der Roman erzählt diese Kindheit in achtundvierzig kurzen, oft nur wenige Seiten langen Abschnitten. Jeder greift eine Episode aus dem Alltag heraus: kleine Aufträge, Kränkungen, Szenen bei Tisch oder auf dem Land. So entsteht nach und nach das Bild eines Jungen, der zwischen der Sehnsucht nach Zuwendung und aufgestauter Wut hin- und hergerissen ist. Seinen einzigen Trost findet er bei einer Katze und einem Hund.

Renard beschreibt dabei nicht nur das Leid des Kindes, sondern auch, wie der Junge selbst hart und listig wird. Wer das Werk aufschlägt, folgt einem eindringlichen Porträt einer freudlosen Kindheit im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Die Handlung im Detail↑

In achtundvierzig kurzen, episodenhaften Abschnitten wird die Kindheit des rothaarigen Jungen erzählt, den alle nur „Karottenhaar“ rufen. Es ist keine behütete Kindheit des Bürgertums am Ende des 19. Jahrhunderts, in der Liebe und Geborgenheit herrschen, sondern ein freudloses Nebeneinanderherleben in der Familie Lepic. Der Junge leidet vor allem unter dem Hass seiner eigenen Mutter, die ihn seelisch und körperlich misshandelt. Der Vater bleibt gleichgültig, die Geschwister denken nur an sich.

Aus dieser bedrückenden Lage heraus reagiert der Junge mit Lügen, Grausamkeiten und Resignation. Er ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Liebe und dem Drang, sich zu wehren. Dabei zeigt sich, dass auch er selbst grausam sein kann: Er quält eine Katze, denunziert einen Lehrer und ärgert einen blinden Mann. Durch die kalten Verhältnisse in seiner Familie lernt er sogar, seine wahren Gefühle zu verbergen und sich mit Heuchelei und Hinterlist durchzuschlagen. Seine Begabung, Gedichte zu schreiben und eigene Gedanken zu entwickeln, wird ebenso wenig anerkannt wie sein Bedürfnis nach Zuwendung.

In seiner Not überlegt der Junge, ob er sich das Leben nehmen soll. Er verwirft den Gedanken zunächst, weil es seine beiden einzigen Freunde – eine Katze und einen Hund – nicht genug träfe. Erst als er tatsächlich einen Selbstmordversuch unternimmt, bemerkt der Vater die Seelenqual seines Sohnes. Zwischen beiden kommt es daraufhin zu einer Übereinkunft.

Stil↑

In knapper, genauer Sprache versucht Renard, das Innenleben des Kindes und seine verwickelte seelische Verfassung abzubilden. Der Roman ist nicht durchgehend erzählt, sondern in achtundvierzig kurze Szenen zerlegt. Jede greift einen einzelnen Vorfall heraus, sodass sich das Gesamtbild erst nach und nach aus vielen Einzelblicken zusammensetzt.

Kennzeichnend ist der sezierende, nüchterne Blick des Autors. Er beschönigt nichts und zeigt sowohl das Leid, das dem Kind zugefügt wird, als auch die Härte und Berechenbarkeit, mit der das Kind selbst Schwächeren begegnet. Renard selbst bezeichnete sein Buch als einen autobiografischen Traum. Aus dem Stoff entstand später auch ein Einakter; diese Bühnenfassung übertrug Hugo von Hofmannsthal ins Deutsche und brachte sie unter dem Titel Fuchs heraus.

Rezeption↑

Renards Roman gilt als Entlarvung einer strengen und lieblosen Kindererziehung. Das Kindheitsbild trägt deutlich Züge, die sich gegen die verbreitete Vorstellung vom Kind als unschuldigem, „zuckersüßem“ Wesen richten. Der genaue Blick des Autors enthüllt nicht nur das Leid der Kinder, sondern auch deren mögliche Grausamkeit gegenüber Schwächeren.

Der Stoff wirkte weit über das Buch hinaus. Die auf dem Roman beruhende Bühnenfassung wurde am 16. Februar 1901 in Wien in Hofmannsthals Übersetzung Fuchs uraufgeführt. Insgesamt diente der Roman fünfmal als Vorlage für Verfilmungen, überwiegend in französischen Produktionen; Julien Duvivier verfilmte den Stoff sogar zweimal, 1925 als Stummfilm und 1932 erneut. Im deutschen Sprachraum fand das Werk erst spät sein Publikum: Die erste Übersetzung erschien 1946 als Rotfuchs, eine neue Übertragung folgte 1987 unter dem Titel Muttersohn.

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